Genozid oder nicht? Als Mitglied der Zivilgesellschaft sieht man sich aufgerufen, zum Krieg im Gazastreifen irgendwie Position zu beziehen. Differenzierung wird im aufgeheizten Debattenklima nicht durchgängig goutiert, groß unterschieden zwischen Doxa und Expertise wird auch nicht – oder zwischen einer juristischen, politischen, zeithistorischen, akademischen oder einer aktivistischen Ebene, deren Übergänge im Diskurs naturgemäß fließend sind. Auf sämtlichen Ebenen argumentiert Eyal Weizman, Gründer und Kopf der Londoner Recherchegruppe Forensic Architecture. Die Frage hat er unmissverständlich für sich entschieden, wie man im ausführlichen Aufmacher der deutschsprachigen Mai-Ausgabe von „Le Monde diplomatique“ nachlesen kann, einer Übersetzung aus der „London Review of Books“: „Gaza – Techniken des Genozids“. Der Artikel folgt einem Video, das „Le Monde“ im vergangenen Oktober in den sozialen Medien online gestellt hatte: „How Israel Uses Caterpillar Bulldozers to Destroy Gaza“. Der zwölfminütige Beitrag erläutert, wie die israelische Armee das Fabrikat D9 der Planierraupe der amerikanischen Firma Caterpillar einsetzt, um den Küstenstreifen feinzuebnen. Mehr als hundert der kriegstüchtig gemachten Nutzfahrzeuge seien seit Juli 2025 im Einsatz.
Der redaktionelle Film und Weizmans Beitrag lassen Zeugen im Kriegsgebiet oder in Fernsehstudios zu Wort kommen, die offen, bisweilen voller Stolz kundtun, wie viele Häuser sie im Einsatz schon zerstört hätten („bis zu fünfzig pro Woche“ oder auch „insgesamt 5000“) und welchem Ziel ihre Mission verpflichtet sei: den Gazastreifen bis zur „vollständigen Kolonialisierung“ unbewohnbar zu machen. Ein früherer Bewohner berichtet, wie er in der Wüstenei seiner vollständigen Orientierungslosigkeit ausgesetzt worden sei, was er als Folter empfand. Die Zerstörung von Architektur und Infrastruktur, von Wasserquellen, Obstgärten und fruchtbarem Land, von kulturellen Stätten und Ankerpunkten der soziokulturellen Identität wie dem Zentralarchiv von Gaza-Stadt mitsamt seinen historischen Karten und Besitzurkunden – all dies sei mit dem Bulldozer, einem „Symbol der militärischen Dominanz“, preiswerter zu bewerkstelligen als mit Luftschlägen allein. Im Video wird das Vorgehen als Kriegsverbrechen bezeichnet, im Artikel als Völkermord.
Planmäßiger Entzug von Lebensmitteln
Weizman vergleicht die Praktiken der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte mit denen der Kolonialgeschichte – die einheimische Bevölkerung aus besetzten Territorien zu vertreiben und in Reservate zu drängen. Dabei beruft er sich auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1944 den Tatbestand des Völkermords definiert hatte und damit die UN-Konvention von 1948 prägte. Lemkin habe auch einen „kulturellen Genozid“ als Tatbestand vorgesehen, schreibt Weizman, was aber am Widerstand von Staaten wie Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Belgien gescheitert sei, „die damals antikoloniale Aufstände niederzuschlagen suchten“; auch die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien hätten sich widersetzt. Wohl aber ging in die Konvention der Passus „vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen“ ein, die geeignet seien, die betreffende Gruppe körperlich ganz oder teilweise zu zerstören, wie es in Abschnitt II c) heißt.
Damit habe Lemkin der Architektur (wie auch Infrastruktur und Städtebau) eine wichtige Funktion in der Bewertung zugewiesen, legt Weizman dar: „Lemkin wusste, dass sich Geschichte und soziale Struktur eines Volks auch in einer spezifischen Organisation des Raums ausdrückt.“ Vor diesem Hintergrund stellt Weizman fest, Gaza sei nicht mehr nur „Abrissgebiet, sondern eine Baustelle“ für einen Wiederaufbau nach Plänen, die darauf zielten, palästinensisches Leben an diesem Ort zu verhindern.
Forensic Architecture hat sich vor allem in der Kunstwelt einen Namen gemacht mit der forensischen, das heißt: gerichtlichen Maßstäben genügenden, Aufdeckung vertuschter staatlicher Gewalt. Bei der Documenta im Jahr 2017 präsentierte das Team seine Untersuchung der Aussage eines Verfassungsschützers, der bei einem NSU-Mord in Kassel am 6. April 2006 zugegen gewesen war und angeblich nichts bemerkt hatte. Wegen seiner Kritik an der israelischen Regierungspolitik ist Weizman Einseitigkeit vorgeworfen worden, wogegen er sich auch mit dem Hinweis darauf verwehrt hat, dass Deutschland einen großen Teil seiner Familie ermordet habe.

In diesem Kontext erinnert er in seinem Artikel an die 1936 publizierte „Bauentwurfslehre“ des Gropius-Schülers Ernst Neufert, die bis heute genutzt werde, „um die effizientesten Dimensionen für Küchen, Schlafzimmer und sogar Parkbänke zu ermitteln“. Neufert sei 1939 mit der Standardisierung der deutschen Bauindustrie beauftragt worden, andere Bauhaus-Absolventen hätten Entwürfe für Konzentrationslager geliefert. „Die absichtliche Verschlechterung der Lebensbedingungen pervertierte die Aufgabe der modernen Architektur: von der Herstellung besserer Lebensbedingungen zur Produktion von Tod.“
Weizmans stringent formulierter Artikel hat eine Schlagseite. Empathie mit den Opfern auf israelischer Seite kommt nicht vor. Zu den Erinnerungen an den „Deutschen Herbst“ zählt die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 durch ein palästinensisches Kommando in Komplizenschaft mit der RAF. 90 der 91 Flugzeuginsassen wurden gerettet, 85 der 251 am 7. Oktober 2023 Entführten nicht. Was sich damals in Deutschland erfahren ließ: Die Schockstarre, in welche die Gesellschaft gestürzt wurde, macht etwas mit ihr. Israel hat sie nach dem 7. Oktober 2023 unter noch dramatischeren Umständen für eine sehr viel längere Zeit erlebt. Auch diese Verheerungen der seelischen Architektur sollten sichtbar gemacht werden.
