Ich bin Hausärztin. Ich schreibe Menschen nicht krank, weil sie bereits halb tot sind. Sondern damit sie es gar nicht erst werden. Meine Patientinnen und Patienten können auf ihren eigenen zwei Beinen in die Praxis kommen. Sie können sich unterwegs noch einen Kaffee holen, auffälliges Make-up tragen oder ein frisches T-Shirt anziehen – und ­trotzdem den gelben Schein bekommen. Sie müssen nicht in den Flur erbrechen oder im Wartezimmer ohnmächtig werden. Sie dürfen vorher frühstücken, anstatt während der Blutabnahme wegen einer Unter­zuckerung vom Stuhl zu kippen. Sie können ihren Beruf lieben oder hassen. Viel verdienen oder wenig. Ausschließlich belebtes Wasser trinken oder dreimal täglich Bier. Sie können sich Botox spritzen lassen oder Heroin.