Als der Bombenalarm in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 durch die Darmstädter Innenstadt hallt, ahnt niemand, dass die prägendsten Stunden der Stadtgeschichte angebrochen sind. Jeden Tag kommt der Alarm in den letzten zwei Kriegsjahren, manch einer hört ihn schon gar nicht mehr, wacht nicht auf. Auch der zwölfjährige Fritz Deppert liegt in seinem Bett und schläft.
Ausgezogen hat er sich nicht, nur die Schuhe stehen neben dem Bett. Fast jede Nacht flieht die Familie zum Lärm der Sirenen in den Keller des Wohnhauses im Stadtzentrum an der Rheinstraße – man hat sich schon darauf eingestellt. Als seine Mutter ihn weckt, nimmt der Zwölfjährige seine Schuhe in die Hand; schnell runter in den Keller. „Dann sahen wir durch die Fenster im Treppenhaus die Lichtmarkierungen für die Bomber“, erinnert sich Deppert heute. „Da wussten wir: Jetzt kommt der Angriff.“
Der heute 93 Jahre alte Mann sitzt in Darmstadt in seinem Arbeitszimmer, das vor Büchern und Musikträgern nur so überzuquellen scheint. An den Wänden hängen Bilder im expressionistischen Stil. Sein Vater, der Künstler Karl Deppert, hat sie gemalt. Wenn Deppert von der „Brandnacht“ erzählt, spricht er in einem sachlichen Ton. Wer ihm zuhört, hat trotzdem unmittelbar den Jungen vor Augen, der vor 82 Jahren an der Hand seines Vaters durch die brennenden Straßen seiner Heimatstadt rannte.

Als eine Bombe in der angrenzenden Hauptpost einschlägt, schleudert der Druck der Detonation Fritz Deppert durch den Keller. „Die Postbeamten waren nebenan im Keller verschüttet, also sind sie durch die Wand gebrochen und oben bei uns raus“, erzählt Deppert. „Der letzte hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet, denn er kam noch mal zurück und hat gesagt: ‚Ihr müsst raus aus dem Keller, es brennt überall.‘“
Für die Familie, die aus dem noch intakten Haus auf die Straße tritt, scheint es, als habe sich die Hölle aufgetan: „Wir standen mitten in einem Inferno. Die Hauswände brachen ein, die Bäume brannten, der Asphalt schmolz und fing Feuer. Der Sturm heulte und schleuderte glühende Brocken durch die Luft.“
Eingehakt geht die Familie in einer Kette schräg gegen den Sturmwind, der sich durch die hohen Temperaturen entwickelt, in Richtung des Ludwigsmonuments auf dem Luisenplatz. „Dort habe ich einen Vater mit zwei Kindern rennen sehen“, erinnert sich Deppert. „Das eine Kind fiel hin und blieb am Asphalt kleben. Der Vater hat sich bemüht, es wieder hochzukriegen. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat.“
Strategie im Bombenkrieg: Menschen obdachlos machen
Mehr als 11.000 Menschen starben in der Brandnacht. Nur ein Bruchteil kam dabei direkt durch Bomben um, die meisten verloren durch das Feuer ihr Leben. Beim Bombardement auf Darmstadt erprobte die britische Royal Air Force eine neue Strategie des Flächenangriffs, die sich bereits zwei Tage vorher beim Angriff auf Mönchengladbach bewährt hatte: In einer ersten Welle wurden die Dächer der Häuser aufgesprengt, sodass die in einer zweiten Welle abgeworfenen knapp 300.000 Stabbrandbomben das darunterliegende Holzgebälk entzünden konnten.

Ziel war es, einen möglichst großen Teil der Innenstadt auszubrennen. Wichtiger Bestandteil der Strategie des „Moral Bombing“, der Demoralisierung der Bevölkerung durch Angriffe auf Wohngebiete, die die englische Regierung von 1942 an verfolgte, war auch das „Dehousing“, das Obdachlosmachen möglichst vieler Menschen. Etwa 80 Prozent der Alt- und Innenstadt Darmstadts wurden in dieser Nacht zerstört. Der geschätzte Schaden belief sich auf 1,5 Milliarden Reichsmark.
Familie Deppert konnte sich auf den unbebauten Mathildenplatz retten und harrte dort bis zum Morgen aus. Etwa 50.000 Menschen wurden in den nächsten Tagen auf die umliegenden Gemeinden verteilt oder flohen auf eigene Faust aus der zerstörten Stadt. Mehrere Jahre lebte auch Fritz Deppert in einem Ort im Odenwald, bis seine Familie 1950 wieder zurück nach Darmstadt ziehen konnte.
Seit vielen Jahren berichtet der ehemalige Schulleiter der Bertolt-Brecht-Schule zum Gedenken an die Brandnacht vor Klassen von seinen Erlebnissen. „Das mache ich auch weiter, so lange, wie ich nur kann“, sagt Fritz Deppert mit glänzenden Augen. Eines der Bilder, die sein Vater nach der Brandnacht gemalt hat und die nun im Besitz der Stadt Darmstadt sind, zeigt die schwarz verbrannten Ruinen der Stadt. Im Hintergrund geht hinter den Wolken rot die Sonne auf.
