In diesem Herbst jährt sich der japanische Angriff auf Pearl Harbor zum 85. Mal, die Terroranschläge vom 11. September, in den USA meist als „9/11“ bezeichnet, waren vor 25 Jahren. Beide Ereignisse haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Vereinigten Staaten eingegraben. Und wie so oft bei kollektiven Traumata dienen sie nicht nur dazu, die Vergangenheit zu erklären, sondern auch, die aktuelle Politik zu rechtfertigen. Das gilt besonders für eine multikulturelle Weltmacht, die wie kaum eine andere auf die identitätsstiftende Wirkung von Mythen angewiesen ist.
Die beiden Angriffe kosteten eine nahezu gleich hohe Zahl an Menschen das Leben. Durch den japanischen Luftangriff auf den amerikanischen Marinestützpunkt auf Hawaii am 7. Dezember 1941 wurden knapp 3000 amerikanische Soldaten getötet, in den einstürzenden Doppeltürmen des World Trade Centers in New York starben rund 3000 Zivilisten. Die schiere Zahl der Opfer macht also nicht die Besonderheit aus. Zum Vergleich: Bei der Schlacht am Antietam im amerikanischen Bürgerkrieg im September 1862 betrugen die Verluste durch Tod und Verwundung über 20.000 – bis heute die höchste Verlustrate, die die Vereinigten Staaten von Amerika an einem einzigen Tag zu verzeichnen hatten.

In technischer Hinsicht sind Pearl Harbor und „9/11“ von unterschiedlicher Natur. Der Überraschungsangriff auf Teile der amerikanischen Pazifikflotte, den Präsident Roosevelt als „Tag der Schande“ bezeichnete, war ein Angriff auf militärische Ziele, mit dem Japan die weit überlegenen USA in eine Art Schockstarre versetzen wollte. Die Terroranschläge von New York und Washington, bei denen entführte Passagiermaschinen als Massenvernichtungswaffen eingesetzt wurden, galten hingegen in erster Linie der Zivilbevölkerung. Sie sollten das Selbstbewusstsein der Weltmacht USA ins Wanken bringen, indem man ihr militärisches (Pentagon) und wirtschaftliches Zentrum (Wall Street) angriff.
Die Erzählung vom schlafenden Riesen
Die herausragende Rolle, die Pearl Harbor und „9/11“ im amerikanischen Bewusstsein spielen, resultiert aus der Tatsache, dass es sich um Angriffe von außen auf das eigene Territorium handelte. Die Angriffe trafen ein Land, das sich selbst als unschuldig betrachtete und das für seine mangelnde Wachsamkeit einen hohen Preis bezahlte. Dieses Narrativ vom schlafenden Riesen, der durch einen hinterhältigen Angriff aus seiner Lethargie aufgeschreckt wurde und nun Rache nehmen muss, ist der rote Faden, der sich bis heute durch die amerikanische Sicherheitspolitik zieht. Er beginnt mit Pearl Harbor, „9/11“ hat ihn – wenn auch nur kurz – verstärkt.
Dass beide Angriffe eine Vorgeschichte hatten – das amerikanische Wirtschaftsembargo gegen Japan, die dominante Rolle der USA im Nahen Osten –, ist vielen Amerikanern durchaus geläufig. Dennoch übt das Narrativ einer im Grunde unverschuldeten Opferrolle eine Anziehungskraft aus, die jeder Differenzierung trotzt. Bei einem Großteil der Publikationen zu beiden Ereignissen handelt es sich daher um verschwörungstheoretische Machwerke, in denen längst widerlegte Thesen wiederholt werden.

Die enorme Wirkung von Pearl Harbor auf die amerikanische Sicherheitspolitik zeigte sich nicht nur im Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, sondern auch noch lange danach. In zahlreichen Reden amerikanischer Politiker und Militärs, aber auch in Filmen und Büchern wurde Pearl Harbor zum Sinnbild einer naiven und daher gescheiterten amerikanischen Politik.
Ein zweites Mal um jeden Preis vermeiden
Schwäche, so der Tenor, war gleichbedeutend mit einer Einladung zur Aggression. Das 1950 verfasste geheime Strategiepapier NSC-68, eines der Schlüsseldokumente der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik, war vom Paradigma Pearl Harbor geprägt. Anders als der Diplomat George Kennan, der die Eindämmung der Sowjetunion in erster Linie mit nichtmilitärischen Mitteln bewerkstelligen wollte, legte Paul Nitze, der Autor von NSC-68, den Schwerpunkt auf militärische Stärke. Ein zweites Pearl Harbor musste um jeden Preis vermieden werden.
Die sicherheitspolitische Diskussion im Amerika der 1950er Jahre blieb dem Modell Pearl Harbor fest verhaftet. Der japanische Angriff hatte zwar im vornuklearen Zeitalter stattgefunden, aber auch die Entwicklung von Nuklearwaffen änderte nach Meinung vieler Strategieexperten nichts an der Herausforderung, einen Überraschungsangriff verhindern zu müssen.
Angesichts der enormen Zerstörungskraft nuklearer Waffen wurde das Problem noch dramatischer. Der „Sputnik-Schock“ von 1957, als es der vermeintlich technisch rückständigen Sowjetunion gelungen war, einen Satelliten ins All zu bringen, wurde in den amerikanischen Medien als „Pearl Harbor im Weltraum“ bezeichnet. Denn von nun an waren die USA verwundbar gegen nuklear bestückte sowjetische Langstreckenraketen.
Die Rolle der Atombombe
Einige Analytiker argumentierten, dass die wechselseitige nukleare Abschreckung ein zweites Pearl Harbor nicht mehr zuließ. Da das Opfer eines Überraschungsangriffs diesen sofort nuklear vergelten könne, sei eine begrenzte, auf spezifische militärische Ziele ausgerichtete Aggression abwegig, weil selbstmörderisch.
Doch diese Ansicht vermochte sich nicht durchzusetzen. Denn Abschreckung durch die Fähigkeit zur nuklearen Vergeltung setzte voraus, dass die „Zweitschlagsfähigkeit“ der USA ungefährdet blieb. Ebendies bezweifelte der amerikanische Stratege Albert Wohlstetter. In seinem 1959 erschienenen und bis heute als Klassiker geltenden Artikel „The Delicate Balance of Terror“ warnte er vor der Gefahr eines sowjetischen Entwaffnungsschlages gegen die ungeschützt auf ihren Stützpunkten stehenden strategischen Bomber der USA. Erneut stand Pearl Harbor Pate für ein düsteres Angriffsszenario.

Wohlstetters Warnungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Das Pentagon initiierte zahlreiche Maßnahmen, um die Bomber künftig besser zu schützen.
Wohlstetters Obsession mit einem Pearl-Harbor-Szenario kam nicht von ungefähr. Seine Frau Roberta veröffentlichte 1962 ihre viel beachtete Studie „Pearl Harbor: Warning and Decision“, in der sie aufzeigte, dass viele Warnsignale über einen unmittelbar bevorstehenden japanischen Angriff im „Hintergrundrauschen“ der Informationsflut nicht erkannt worden waren. Ihre Schlussfolgerung entsprach der Auffassung vieler amerikanischer Strategen: „Wir müssen die Tatsache der Ungewissheit akzeptieren und lernen, damit zu leben. Keine Zauberei, sei es in Form von Codes oder etwas anderem, wird Gewissheit schaffen. Unsere Pläne müssen auch ohne sie funktionieren.“
Gegen alle Eventualitäten wappnen?
Die Konsequenzen einer solchen Aussage für die amerikanische Sicherheitspolitik waren dramatisch. Wenn zwischen plausiblen und weniger plausiblen Szenarien nicht mehr unterschieden würde, weil, wie Pearl Harbor gezeigt habe, auch das weniger plausible Szenario eintreten könnte, gäbe es keinen Kompass mehr, an dem sich die amerikanische Sicherheits- und Rüstungspolitik hätte orientieren können. Angesichts der latenten Ungewissheit über die eigene Sicherheit blieb dann nur der Weg, sich künftig gegen alle Eventualitäten zu wappnen.
Die Regierung von Präsident John F. Kennedy, die den hohen Rüstungshaushalt als eine Belastung empfand, die es zu verringern galt, machte sich diese Logik zwar nicht zu eigen. Dass die Erinnerung an Pearl Harbor jedoch auch ihre Politik beeinflusste, zeigte die Kubakrise von 1962. Als die amerikanische Militärführung einen Angriff auf die gerade auf der Karibikinsel installierten sowjetischen Raketenbasen vorschlug, wandte sich Justizminister Robert Kennedy gegen einen solchen Plan. Ein solches „umgekehrtes Pearl Harbor“, so der Bruder des Präsidenten, entspräche nicht „der Art von Land, das wir sind“, und würde den USA „eine verdammt schwere Last“ aufbürden.
Zusätzliche Nahrung erhielt das Pearl-Harbor-Paradigma durch die sowjetische Rüstungspolitik. In den späten 1960er Jahren gelang es Moskau, bei nuklearen Langstreckenraketen (Intercontinental Ballistic Missiles – ICBMs) mit den USA gleichzuziehen. Durch den Vietnamkrieg und soziale Unruhen außen- wie innenpolitisch unter Druck, war Washington bereit, Moskau in diversen Rüstungskontrollabkommen die strategisch nukleare Gleichrangigkeit zuzugestehen. Um die Logik der wechselseitigen Abschreckung nicht zu untergraben, beschlossen beide Seiten zudem einen weitgehenden Verzicht auf Raketenabwehrsysteme.
Pearl-Harbor-Vergleich beendete das Tauwetter
Doch diese vermeintliche Normalisierung des amerikanisch-sowjetischen Verhältnisses währte nur kurz. Die vereinbarten Rüstungsbeschränkungen waren zwar vordergründig symmetrisch angelegt, ließen jedoch technische Entwicklungen zu, die der Sowjetunion aufgrund der größeren Nutzlast ihrer ICBMs neue militärische Optionen eröffneten. In den USA begann eine Diskussion über die Verwundbarkeit der eigenen landgestützten Interkontinentalraketen, die sich nur vor dem Hintergrund des Pearl-Harbor-Traumas erklären ließ – und die wohl nicht zufällig von Paul Nitze, dem einstigen Verfasser von NSC-68, angeführt wurde.
Nach Ansicht von Nitze und einigen anderen amerikanischen Analytikern würde die Sowjetunion schon bald über die Fähigkeit verfügen, das landgestützte amerikanische Arsenal von „Minuteman“-ICBMs in einem Überraschungsangriff zu vernichten. Dem amerikanischen Präsidenten blieben zwar immer noch Bomber und U-Boote, um einen Vergeltungsschlag durchzuführen, doch deren mangelnde Zielgenauigkeit würde einen Angriff auf Bevölkerungszentren erfordern, was wiederum einen weiteren sowjetischen Gegenschlag auslösen könnte. Angesichts einer solch ausweglosen Lage bliebe den USA letztlich nur die Kapitulation.
Dieses Szenario war in vielerlei Hinsicht nicht plausibel, denn selbst ein „begrenzter“ sowjetischer Angriff auf die Raketensilos in den USA würde Millionen von Toten verursachen. Warum also sollte Moskau glauben, die USA würden keine Vergeltung üben?
Diffuses Bedrohungsgefühl
Doch diese Kritik hatte zunächst wenig Wirkung. Denn die Verwundbarkeit der amerikanischen ICBMs war weit mehr als ein Problem der Nuklearstrategen. Vor dem Hintergrund zahlreicher für die USA unvorteilhafter politischer Entwicklungen der 1970er Jahre wurde die Raketenfrage zum Kristallisationspunkt für ein diffuses Bedrohungsgefühl, das weit über die militärische Dimension hinausging. Die Ölkrisen, die Geiselnahme von Amerikanern in Iran, der sowjetische Interventionismus in Afrika und Afghanistan sowie die Aufstellung neuer, Westeuropa bedrohender sowjetischer Mittelstreckenraketen hinterließen bei vielen Amerikanern den Eindruck, man habe durch seine eigene militärische Schwäche Moskau in dem Glauben bestätigt, seinen expansiven Machtanspruch ungehindert durchsetzen zu können.
Henry Kissinger brachte das Dilemma auf besonders dramatische Weise zum Ausdruck. „Selten in der Geschichte“, so formulierte er 1979, „hat eine Nation eine so radikale Veränderung des militärischen Gleichgewichts so passiv hingenommen.“
Entsprechend klar schien die Antwort auf das Problem. Nur durch eine Politik der militärischen Stärke konnte Amerika wieder die Oberhand gewinnen. Für den Erfolg einer Politik des „Friedens durch Stärke“ bedurfte es jedoch einer Lösung des Verwundbarkeitsproblems der amerikanischen Interkontinentalraketen. Die neue „MX“-ICBM sollte deshalb nicht mehr in Silos stationiert werden. Doch alle Alternativen – von der straßen- oder schienenmobilen Stationierung bis zum Schutz durch eine Raketenabwehr – scheiterten an technischen Problemen und vor allem an den immensen Kosten. Erst Mitte der Achtzigerjahre, nach jahrelangem Streit zwischen den Teilstreitkräften, dem Kongress und der Regierung, ebbte die Diskussion ab. Die alten „Minutemen“ blieben in ihren Silos, die „MX“ wurde nie gebaut.
Die Zeiten hatten sich geändert. Einige Jahre später ging sogar der Systemgegner Sowjetunion bankrott – gescheitert an seiner nicht mehr finanzierbaren Hochrüstungspolitik und dem Irrglauben, durch militärische Parität auch politische Gleichrangigkeit mit den USA erreichen zu können. Der westliche Sieg im Kalten Krieg nahm das Pearl-Harbor-Szenario erst einmal vom Tisch.
Nach 9/11 wird bald der Vergleich gezogen
Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kehrte es jedoch bald zurück. Dass die amerikanischen Medien Vergleiche mit Pearl Harbor anstellten, war zu erwarten. Die Ähnlichkeiten – ein argloses Land wird Opfer eines perfiden Überraschungsangriffs – waren zu groß, um nicht sofort an den japanischen Luftangriff 60 Jahre zuvor zu denken. In zahlreichen Reden bemühten amerikanische Politiker das Bild des Überfalls von 1941 – sowohl, um ihrer Bestürzung Ausdruck zu verleihen, als auch, um Mut zu machen. Verteidigungsminister Rumsfeld, der in einer von ihm geleiteten Kommission über neue Technologien bereits ein Jahr zuvor vor einem „Pearl Harbor im Weltraum“ gewarnt hatte, verteilte Kopien von Roberta Wohlstetters Studie über den japanischen Überraschungsangriff an seine Mitarbeiter.
Ganz anders gestaltete sich jedoch der Umgang mit der Katastrophe in der Zeit danach. Der japanische Angriff hatte sich weitab vom amerikanischen Festland ereignet. Die Terroristen aus Ägypten und Saudi-Arabien, die Passagierflugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon lenkten, trafen Amerika mitten ins Herz.
Der Angriff auf Pearl Harbor war ein militärischer Akt, der die amerikanische Bevölkerung zusammenschweißte und zu einer militärischen Reaktion führte, die schließlich im Sieg über Japan gipfelte. „9/11“ hingegen war ein terroristischer Anschlag, dessen Urheber zunächst unbekannt waren und so keine unmittelbare militärische Gegenreaktion der USA zuließen.
Diesmal ein gesichtsloser Feind
Die Terroranschläge auf New York und Washington fanden zwar im Zeitalter der elektronischen Medien statt und sind im Gegensatz zum japanischen Angriff von 1941 umfassend dokumentiert. Auch die unmittelbare persönliche Betroffenheit der amerikanischen Bevölkerung, die den Anschlag auf New York über das Fernsehen „live“ mitverfolgen konnte, dürfte weitaus höher gewesen sein als die derjenigen, die von einem japanischen Angriff fern der USA lediglich aus dem Radio oder der Zeitung erfuhren.

Doch während Pearl Harbor die Reaktion Amerikas – das militärische Niederringen des Angreifers – nahezu unausweichlich machte, war die Situation bei „9/11“ eine andere. Die Mischung aus Angst, Patriotismus und dem Wunsch nach Rache ließ sich gegen einen gesichtslosen Feind nicht in gleicher Weise kanalisieren wie 1941.
Die moralische Überhöhung der eigenen Ziele wie auch die Dämonisierung des Gegners sind fester Bestandteil des amerikanischen politischen Diskurses. Sie dienen dazu, einem außenpolitisch wenig interessierten Kongress und einer noch weniger interessierten Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte in möglichst plakativer Sprache zu vermitteln. Präsident George W. Bush bezeichnete Iran, den Irak und Nordkorea als „Achse des Bösen“ und „Schurkenstaaten“ und verknüpfte so einen Kampfbegriff aus dem Zweiten Weltkrieg mit den neuen Gefahren durch Terrorismus und Massenvernichtungswaffen.
Doch der Erfolg dieser politischen Rhetorik währte nicht lange. Der Krieg gegen Japan hatte zwar auch zu umstrittenen Entscheidungen geführt, von der Internierung japanischstämmiger Amerikaner bis zum Abwurf der beiden Atombomben 1945. Doch war dieser Waffengang den USA von außen aufgezwungen worden.
Wie ein Rachefeldzug
Der „War on Terror“ hingegen war kein klassischer Krieg, sondern eine von der amerikanischen Regierung lediglich als „Krieg“ deklarierte Serie militärischer und geheimdienstlicher Aktionen, die sich trotz mancher taktischer Erfolge eher wie ein schlecht definierter Rachefeldzug ausnahmen. Dies umso mehr, als die Regierung unter George W. Bush aus „9/11“ eine höchst umstrittene Legitimation zum vorbeugenden Einsatz militärischer Gewalt herleitete, mit der nahezu jede beliebige Intervention hätte gerechtfertigt werden können. Vor diesem Hintergrund erschienen die rhetorischen Bezüge zum Zweiten Weltkrieg zu weit hergeholt, um damit dauerhaft Gefolgschaft erzeugen zu können.
Nach einer kurzen Phase des patriotischen Überschwangs, in der die amerikanische Regierung enorme Zustimmungswerte erhielt, wendete sich das Blatt. Die von vielen zunächst als unvermeidlich akzeptierten Einschränkungen persönlicher Freiheiten im Inneren wie auch der mit einem ausufernden Sicherheitsbegriff begründete „War on Terror“ wurden schon bald hinterfragt. Die kurz nach den Anschlägen erfolgende Intervention in Afghanistan, der Krieg gegen den Irak und nicht zuletzt die rechtlich umstrittene Inhaftierung von Terrorverdächtigen auf dem amerikanischen Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba nährten den Verdacht, dass die USA sich immer mehr von den Werten entfernten, die zu verteidigen sie vorgaben.
Kein Sieg, kein Ende, keine moralische Eindeutigkeit
Vor allem aber gab es im „War on Terror“ keinen wirklichen Sieg – und damit keine endgültige Gewissheit, sich für die moralisch richtige Sache eingesetzt zu haben. Die Tötung des Drahtziehers der Anschläge von „9/11“, Osama Bin Laden, durch ein amerikanisches Spezialkommando im Mai 2011 in Pakistan war eine späte Genugtuung, aber eben kein Sieg. Dass sich unter den Büchern, die Bin Laden in seinem Versteck in Abbottabad aufbewahrt hatte, neben zahlreichen Werken über das politische System der USA auch ein Buch über Pearl Harbor befand, zeigte allerdings, dass dem einst „gefährlichsten Mann der Welt“ offensichtlich bewusst war, welche Rolle der japanische Angriff von 1941 im amerikanischen Denken spielte.

Im Gegensatz zur moralischen Eindeutigkeit der Reaktion auf Pearl Harbor blieb die Beurteilung der Reaktion auf „9/11“ deshalb ambivalent. Versuche einiger Interessengruppen, die Katastrophe für ihre Zwecke zu vereinnahmen, scheiterten. Die Bezeichnung des Hurrikans Katrina vom August 2005 als „The Black Nation’s 9/11“, weil dem Sturm und der Flut überwiegend schwarze Amerikaner zum Opfer gefallen seien, war nur ein Beispiel hierfür. Auch die Aufarbeitung der Katastrophe durch den amerikanischen Kulturbetrieb blieb zwiespältig. Pearl Harbor ließ sich als Actionfilm oder Spionagethriller inszenieren; die Filme und Bücher über die Terroranschläge von 2001 wiesen hingegen häufiger selbstkritische Akzente auf, da sie bereits die im Rahmen des „War on Terror“ getroffenen kontroversen Maßnahmen reflektierten.
Nun die „Achse der Autokraten“
Pearl Harbor blieb das bestimmende Paradigma – und ist es bis heute geblieben. In einer Zeit, in der sich die Vereinigten Staaten in einer strategischen Konkurrenz mit China und Russland sehen, wiederholen sich altbekannte Muster. Aus der „Achse des Bösen“ wurde die „Achse der Autokraten“. Selbst das Thema der Verwundbarkeit der amerikanischen landgestützten Interkontinentalraketen, das die amerikanische Strategiedebatte der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre dominiert hatte, ist wieder zurückgekehrt. Eine Modernisierung des amerikanischen militärischen Arsenals, so eine aus Experten beider Parteien zusammengesetzte hochrangige Kommission im Herbst 2023, sei unabdingbar, um „coercive strikes“ (etwa: Erzwingungsschläge) von China, Russland, oder gar von beiden gemeinsam, abschrecken zu können.
Dabei ging es nicht nur darum, vor Angriffen gegen Amerikas Verbündete abzuschrecken. Auch die USA selbst, so die Befürchtung, könnten nach begrenzten Angriffen Chinas, Russlands oder Nordkoreas zu dem Schluss gelangen, dass eine Eskalation zu große Risiken berge, und sich folglich gegen eine militärische Antwort entscheiden.
Erneut wird ein Pearl-Harbor-Szenario beschworen, bei dem der Gegner die USA durch einen begrenzten Angriff zu Zugeständnissen zwingen will. Und wieder einmal wird der relative Machtverlust der USA mit der Erosion amerikanischer militärischer Stärke begründet. Der Begriff „opportunistic aggression“ soll suggerieren, dass jede militärische Schwäche der USA einer Einladung an den Gegner zu einem Angriff gleichkommen könnte.
Corona als Pearl Harbor
Dass vor diesem Hintergrund auch das Bedürfnis nach dem Schutz durch eine umfassende Raketenabwehr – nun unter dem für Präsident Donald Trump typischen Begriff „Golden Dome“ – wieder auflebt, kann daher kaum überraschen. Trump selbst hatte bei dem Versuch, der Corona-Pandemie durch den Bezug zu den beiden Katastrophen mehr Dramatik zu verleihen – und sich damit selbst als überragenden Krisenmanager zu inszenieren –, allerdings keinen Erfolg. Als er im Mai 2020 den Ausbruch der Pandemie als einen „Angriff“ bezeichnete, der schlimmer gewesen sei „als Pearl Harbor und das World Trade Center“, erntete er überwiegend Verwunderung und Spott.
„Wir hatten den schrecklichen Fehler gemacht“, schrieb der bekannte Stratege Thomas Schelling 1962 in seinem Vorwort für Roberta Wohlstetters Studie über Pearl Harbor, „zu vergessen, dass eine gute Abschreckung auch ein hervorragendes Ziel sein kann.“ Diese Sichtweise ist bis heute für die USA bestimmend geblieben.
Sie war und bleibt zutiefst problematisch, weil sie Lehren aus einem konventionellen Krieg in das Nuklearzeitalter überträgt und weil sie ruchlose Gegner postuliert – postulieren muss –, die ihr eigenes Überleben aufs Spiel setzen, um ihre politischen oder ideologischen Ziele zu erreichen. Doch das Trauma von Pearl Harbor wird auch künftig dafür sorgen, dass Amerika auf der Suche nach mehr Sicherheit immer größere Summen in seine Verteidigung steckt – und sich dennoch nie wirklich sicher fühlen wird.
