
Die Rettung eines 44 Jahre alten Mannes, der am Donnerstag, acht Tage nach dem Erdbeben in Venezuela, lebend aus den Trümmern geborgen wurde, war vermutlich die letzte Erfolgsnachricht der Rettungskräfte im Katastrophengebiet. Mittlerweile sind fast zwei Wochen vergangen. Es gibt kaum noch Hoffnung, in den Trümmern auf weitere Überlebende zu stoßen. Viele ausländische Bergungsteams haben das Land verlassen. Die Arbeiten im Katastrophengebiet im Bundesstaat La Guaira konzentrieren sich zusehends auf die Räumung der Trümmer. Medienberichten zufolge haben zahlreiche schwere Maschinen das Gebiet erreicht.
Auch die Zahl der Menschen, die im Freien übernachten, nachdem sie ihr Zuhause verloren haben, nimmt ab, da Betroffene in Notunterkünfte verlegt worden sind oder die Region verlassen haben. Laut Angaben der Regierung sind mehr als 10.000 Menschen in 79 Übergangslagern untergebracht, die seit dem Beben errichtet worden sind und eine Kapazität von mehr als 14.000 Plätzen haben. Die Regierung gab überdies bekannt, dass eine internationale Allianz gegründet wurde, um den internationalen Flughafen Maiquetía zu sanieren, der Caracas bedient und seine Geschäftsaktivitäten wegen der erlittenen Schäden einstellen musste. Am Montag wurde überdies der Schulbetrieb im Land wieder aufgenommen, mit Ausnahme von La Guaira.
Zehntausende Vermisste
Der Schock und das Chaos der ersten Tage sind vorbei. Doch Venezuela stehen weitere schwere Wochen bevor. Täglich steigt die Zahl der Todesopfer weiter an. Am Montag lag die Zahl laut Angaben der Regierung bei 3535. Mehr als 16.700 Personen gelten als verletzt. Der Parlamentsvorsitzende Jorge Rodríguez, der die Opferzahlen verkündete, wies bereits vergangene Woche darauf hin, dass die Zahl der Todesopfer vermutlich 10.000 übersteigen könnte. Die venezolanische Regierung veröffentlicht keine offiziellen Schätzungen der vermissten Personen. Die Vereinten Nationen gehen von bis zu 50.000 Vermissten aus. Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Personen beim Beben umgekommen sind.
Bereits vor einer Woche hatte der humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen in Venezuela mitgeteilt, dass die Organisation mit dem Kauf von 10.000 Säcken zur Aufbewahrung von Leichen begonnen habe, was auf eine Erhöhung der Zahl der Todesopfer hindeutet. Eine Vertriebsangestellte eines venezolanischen Herstellers von Reißverschlüssen bestätigte gegenüber der F.A.Z., dass wenige Tage nach dem Beben eine große Bestellung zur Herstellung von Reißverschlüssen für Leichensäcke eingegangen sei.
Laut Medienberichten wurden am Sonntag mindestens 150 Leichen ohne Identifizierung begraben. Die Gräber auf einem Friedhof in der Katastrophenregion sollen mit kleinen weißen Kreuzen ausgestattet sein, auf denen „Sonderidentifizierung“ und das Datum des 24. Juni steht.
Regierung weist Kritik zurück
Die Regierung steht in der Kritik, schlecht auf das Katastrophenszenario vorbereitet gewesen zu sein und die Hilfsmaßnahmen nur langsam voranzutreiben. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez wies die Kritik zurück und erklärte, dass die Such- und Rettungsaktionen fortgesetzt würden. Sie erhob überdies den Vorwurf, „Medienlabore“ hätten versucht, die Arbeit der Rettungsteams zu beeinträchtigen.
Rodríguez, die Venezuela seit der Festnahme von Machthaber Nicolás Maduro durch eine amerikanische Spezialeinheit im Januar regiert, schließt soziale Unruhen infolge des Erdbebens aus. „Es wird keine sozialen Unruhen geben. Hier gibt es eine tiefe soziale Solidarität unseres Volkes“, sagte sie am Sonntag während der Feierlichkeiten zum venezolanischen Unabhängigkeitstag im Hauptquartier der venezolanischen Armee in Caracas.
