
Die ersten Vorwürfe waren schon lange vor Jeffrey Epsteins Tod im Sommer 2019 laut geworden. Auf der Zorro Ranch in New Mexico, einem der vielen Anwesen des New Yorkers, würden Mädchen und junge Frauen von Epstein vergewaltigt und seinen Bekannten für erzwungenen Sex angeboten. Annie Farmer berichtete Ermittlern der amerikanischen Bundespolizei (FBI) 2006, die entlegene Ranch südlich von Santa Fe Mitte der Neunzigerjahre besucht zu haben. Epstein kroch zu der damals 16 Jahre alten Schülerin ins Bett, seine Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell befummelte ihre Brüste. Die frühere Studentin Johanna Sjoberg gab bei einem Zivilprozess 2015 zu Protokoll, zehn Jahre zuvor auf der Zorro Ranch zu sexuellen Massagen gezwungen worden zu sein. Laut „New York Times“ habe Epstein ihr zudem vorgeschlagen, sie auf dem Anwesen zu schwängern, um „der menschlichen Rasse seine DNA“ zu hinterlassen. Virginia Roberts Giuffre, die sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, sagte bei ihrem Verleumdungsprozess gegen Maxwell vor mehr als zehn Jahren aus, im Jahr 2001 nach New Mexico geflogen zu sein, um dort als „Sexsklavin“ für Epsteins Entourage zu Verfügung zu stehen.
Epstein gab den sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen zu
Ermittlungen zu den mutmaßlichen Verbrechen hinter den Weidezäunen der Ranch blieben aber aus. Frühere Untersuchungen der Justizbehörden in Florida zu Epsteins Aktivitäten auf seinen Anwesen in Palm Beach, der Karibik, New York, Paris und New Mexico endeten im Jahr 2008 abrupt mit einer auffallend wohlwollenden Einigung. Epstein gab den sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen zu. Im Gegenzug beließ es die Staatsanwaltschaft bei einer kurzen Haftstrafe mit anschließendem Hausarrest in Palm Beach. Weitere Ermittlungen, auch zu den Übergriffen auf der Zorro Ranch, unterblieben. Nach der Öffnung der sogenannten Epstein-Akten Ende Januar haben die Justizbehörden in New Mexico jetzt unerwartet eine Untersuchung angekündigt. „Wir werden die Zorro Ranch unter die Lupe nehmen“, schrieb der Generalstaatsanwalt Raúl Torrez in sozialen Medien. Eine Sprecherin der neu gegründeten, überparteilichen sogenannten Epstein Truth Commission versprach, nicht nur dem Verdacht auf Menschenhandel nachzugehen. Auch Anschuldigungen aus einer anonymen E-Mail im Jahr 2019, Epstein und seine Mittäter hätten die Leichen von „zwei ausländischen Mädchen“ in der Nähe der Ranch in der Wüste verscharrt, würden ebenso untersucht wie der Umstand, dass der New Yorker auch nach der Verurteilung in Florida in New Mexico nicht wie verlangt als Sexualstraftäter registriert wurde.
Beobachter machen Epsteins Verbindungen zu Politikern des Bundesstaates im Südwesten für das jahrzehntelange Hinwegsehen verantwortlich. Der New Yorker, der im Juli 2019 verhaftet und einige Wochen später erhängt in einer Gefängniszelle in Manhattan entdeckt wurde, hatte die Zorro Ranch im Jahr 1993 von dem damaligen Gouverneur von New Mexico, Bruce King, gekauft. In den nächsten Jahren baute Epstein auf einem Hügel ein fast 2000 Quadratmeter großes Haus im spanischen Kolonialstil, errichtete Pferdeställe und ließ eine Landebahn für seine Privatjets anlegen. Die Regierung in Santa Fe verpachtete dem früheren Mathematiklehrer zudem fast 500 Hektar Weideland. Vor sieben Jahren lief der Vertrag aus, als die Landkommission erkannte, dass Epstein das Gebiet nicht für Viehzucht, sondern zum Schutz seiner Privatsphäre samt mutmaßlicher Sexualverbrechen gepachtet hatte. Wie „The Santa Fe New Mexican“ recherchierte, hatte der New Yorker wiederholt für Wahlkämpfe lokaler Politiker gespendet. Unter anderen wurde der Sohn des verstorbenen Gouverneurs King, Gary King, von Epstein bei dem Versuch unterstützt, Justizminister in New Mexico zu werden. Auch Jim Baca, dem Vorsitzenden der Landkommission, soll er im Jahr 2006 zur Wiederwahl verholfen haben.
Zu dem 2023 verstorbenen ehemaligen Gouverneur, Abgeordneten und Energieminister der Clinton-Regierung, Bill Richardson, pflegte Epstein angeblich eine besonders enge Verbindung. Er spendete nicht nur fünfstellige Summen für Wahlkämpfe des Demokraten. Wie das mutmaßliche Opfer Roberts Giuffre in ihrem Verleumdungsprozess gegen Maxwell vortrug, soll Epstein die damals Minderjährige vor mehr als 20 Jahren auf der Zorro Ranch auch zu Sex mit Richardson gezwungen haben. In ihren Erinnerungen „Nobody’s Girl“, die im Oktober nach dem Suizid der Amerikanerin veröffentlicht wurden, wiederholte sie die Vorwürfe. Die Epstein-Wahrheitskommission soll nun klären, was Roberts Giuffre und mindestens zehn weitere Frauen auf der Zorro Ranch durchmachten. Vor einigen Wochen wurde das inzwischen verkaufte Anwesen zum ersten Mal durchsucht. Mehr als 20 Jahre nach Hinweisen auf Vergewaltigungen und Missbrauch ist für Ende Juli der erste Bericht zu Epsteins Zorro Ranch geplant.
