Von außen betrachtet hat Enzo Maresca einen undankbaren Job. Er soll bei Manchester City mal eben in die Fußstapfen von Pep Guardiola treten, der in zehn Jahren bei dem Premier-League-Klub 17 Titel gewonnen und den Fußball in England nebenbei taktisch revolutioniert hat. Die Nordtribüne des Stadions trägt seit dem Ende der vergangenen Saison seinen Namen; der Bau einer Statue ist längst in Auftrag gegeben. Und jetzt soll ohne ihn nach Möglichkeit alles so weiter laufen wie gehabt.
Maresca selbst verwies deshalb vorsorglich auf Beispiele, wo vergleichbare Umbrüche eben nicht auf Anhieb gelungen sind: bei Manchester United nach der Ära Alex Ferguson, beim FC Arsenal nach Arsène Wenger. „Ich habe schon oft gesagt, dass ich Pep für den besten Trainer der Welt der letzten 20 bis 25 Jahre halte“, sagte der Italiener über seinen prominenten Vorgänger: „Es ist eine Herausforderung. Es ist schön. Es ist ein Privileg.“ Citys Klub-Führung traut ihm offenbar zu, die Mannschaft in den nächsten drei Jahren weiterzuentwickeln. Die Dienste des früheren Leicester- und Chelsea-Trainers waren dem Verein sogar umgerechnet rund 20 Millionen Euro Ablöse wert.

Für Maresca spricht dabei besonders, dass er in der Saison 2022/23 ein Jahr lang als Guardiolas Ko-Trainer gearbeitet hatte. Er gilt deshalb als quasi interne Nachfolgelösung. Doch der Saisonauftakt hätte besser verlaufen können. Mitte August verlor City das Endspiel um den Community Shield – Englands Supercup – gegen den FC Arsenal mit 0:3. Der Wettbewerb ist zwar weitgehend bedeutungslos, das deutliche Resultat war es nicht. Am ersten Premier-League-Spieltag besiegte City dann den AFC Bournemouth durch zwei spät erzielte Tore 2:1, konnte spielerisch aber wieder nicht überzeugen. An diesem Freitagabend steht nun das Auswärtsspiel bei Crystal Palace an.
Die Abgänge von Rodri und Silva wiegen schwer
Taktisch will Maresca Manchester City nicht neu erfinden. Er will darauf aufbauen, was Guardiola ein Jahrzehnt lang kultiviert hat: Dominanz durch Ballbesitz, ein kuratierter Spielaufbau und einstudierte Passfolgen vom Torwart bis zum Mittelstürmer. „Wahrscheinlich ist der Grund, warum sich der Verein für mich entschieden hat, dass sie ein ähnliches Konzept wie beim vorherigen Trainer erkennen können“, sagte er nach seiner Vorstellung. Allerdings wurde ihm bei seinen vorigen Stationen bisweilen angelastet, dass seine Teams zwar oft den Ball hatten, daraus aber zu wenig Torgefahr entwickelten. Bei einem Klub, dessen Ziel in England und Europa die Spitze ist, muss er sein System an diesem Punkt nachschärfen.
Das wiederum wird durch die Abgänge gestandener Spieler in diesem Sommer nicht einfacher. Besonders schwer wiegt der Wechsel des defensiven Mittelfeldspielers Rodri zum FC Barcelona. Unter Guardiola war dieser Schutzschild vor der Abwehr, zentrales Relais im Spielaufbau und Taktgeber beim Pressing in Personalunion. Als er wegen eines Kreuzbandrisses monatelang ausfiel, bezeichnete ihn Guardiola als „nicht zu ersetzen“. Auch der Kapitän und Spielmacher Bernardo Silva hat Manchester verlassen, er spielt jetzt bei Real Madrid. Auch er war ein Spieler, der den Charakter der Mannschaft über Jahre geprägt hat.
Im Gegenzug hat City allerdings enorm viel Geld in die Hand genommen, um die Abgänge zu kompensieren. Wichtigster Zugang ist bislang der zentrale Mittelfeldspieler Elliot Anderson, für den der Klub umgerechnet rund 135 Millionen Euro an Nottingham Forest überwiesen hat. Der Dreiundzwanzigjährige soll das Fehlen von Rodri kompensieren, auch wenn sein Spiel deutlich offensiver ist. Für den erst 18 Jahre alten Ayyoub Bouaddi – ebenfalls zentraler Mittelfeldspieler – zahlt City fast 100 Millionen Euro an LOSC Lille. Bei der Weltmeisterschaft im Sommer spielte er trotz seines jungen Alters eine Hauptrolle in der marokkanischen Nationalmannschaft. Perspektivisch könnte er zusammen mit Anderson Citys neue Schaltzentrale bilden.
Noch immer im Streit mit der Premier League
Weitere Zugänge werden erwartet, bevor das Sommertransferfenster am 1. September schließt. Darum kümmern sich unabhängig von Guardiolas Abgang weiterhin Geschäftsführer Ferran Soriano und Sportdirektor Hugo Viana. Beide berichten an Khaldoon Al-Mubarak, der seit 2008 als enger Vertrauter des Eigentümers Scheich Mansour bin Zayed Al-Nahyan an der Spitze der Organisation steht. Viana ist in diesem Konstrukt der Nachfolger von Txiki Begiristain, der über zehn Jahre als Architekt für den Kader verantwortlich war, City aber schon im Sommer 2025 verlassen hatte. Es war der Beginn des Übergangs in die Ära nach Guardiola. Beobachter gehen davon aus, dass Maresca als Trainer weniger in die Kaderplanung involviert sein wird.
Noch immer wirft die Premier League Manchester City vor, jahrelang gegen die finanziellen Spielregeln des Wettbewerbs verstoßen und die Kontrolleure darüber getäuscht zu haben. Ligachef Richard Masters räumte zuletzt ein, dass sich die für beide Seiten unbequeme Angelegenheit länger ziehe als erwartet. Der Klub bestreitet alle 130 Anschuldigungen. Maresca hat mit alledem nichts zu tun, aber das Thema wird auch seine Zeit im Amt begleiten wie ein Tinnitus. Sein Job mag ein Privileg sein. Aber das Erbe, das er antritt, kommt nicht ohne Probleme.
