„Psch“, „trrr“, „bumm“ – Jugendliche stehen im Kreis und geben sich Geräusche weiter, von Hand zu Hand. Angeleitet werden die Gymnasiasten und ihr Musiklehrer aus dem Rheingau von Dietmar Wiesner, Flötist und Gründungsmitglied des Ensemble Modern, und seiner jungen Kollegin, der Cellistin Annie Jacobs-Perkins. Sie stehen im großen Probenraum des Ensembles im Frankfurter Ostend, vorne Mischpulte, dahinter Flügel und Notenständer. Dazwischen die Schüler. Die Musik, die Klangkörper – das sind sie selbst.
Anfangs wirken sie schüchtern, reagieren verhalten auf die vorgegebenen Laute. Ein Kichern hier, ein scheuer Blick dort. Hauptsache, dem Moment entfliehen, den Sound schnell weitergeben. „Nicht schneller werden“, ruft Wiesner, animiert sie, das Tempo zu halten, weiterzumachen. „Jetzt reichen wir uns Klebstoff weiter“, sagt er.
Und auf einmal geht es los. Plötzlich wird es kreativ, mutig, die Coolness ist überwunden: „Ich“, „Du“, „La Le Lu“, „Klebstoff“ „Juuuu“, „Boaaah“, „Tsjong“ „Großer Stein“, „Plopp“. Dann im Takt stampfen, klatschen, wie im Stadion. Loslassen. Jetzt wirken die Schüler der Jahrgangsstufe zwölf gelöst, die Sinne scharf, die Ohren offen, für alles, was kommt.

Jugendliche öffnen für zeitgenössische Musik: Das ist das Ziel von „Open Young Ears!“, einem Vermittlungsprojekt von Sound Port, der Werkstatt für Musik und Experiment. Zu der haben sich an ihrem gemeinsamen Standort an der Schwedlerstraße das Ensemble Modern, die Internationale Ensemble Modern Akademie und die Junge Deutsche Philharmonie zusammengeschlossen. Das Projekt gibt es seit 2025, die Probenbesuche und Workshops richten sich an Schüler der Klassen neun bis 13 und finden einmal im Monat statt. „Wir brauchen Publikum“, sagt die Initiatorin und Projektmanagerin Ina Meineke, „neue Ohren“, die komplexe Klangskulpturen zerlegen und ihre Ästhetik finden können – also das, wofür das Ensemble Modern seit seiner Gründung 1980 bekannt ist: zeitgenössische Musik. Und die hört nicht bei Schönberg auf.
„Hannah, you’re here“, ruft Wiesner: Die britische Komponistin Hannah Kendall ist für den Probentag nach Frankfurt gekommen. „Shouting forever into the receiver“ heißt ihr Stück, das zu einem Werkstattkonzert der Reihe „Happy New Ears“ gespielt wird. Eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der Geschichte der Zuckerplantagen in Guyana, dem Herkunftsland ihrer Eltern, wie sie berichtet. Zucker sei ein ambivalentes Symbol: die Süße des Geschmacks einerseits, die Grausamkeit der Geschichte andererseits. Kendall hat das in Musik übersetzt.
Die Klasse stellt ihr Fragen dazu und über ihren Alltag als Komponistin. Dann erscheinen die Ensemble-Musiker zur Probe. Die Schüler sitzen aber nicht vor dem Orchester, sondern mittendrin – ein apartes Hörerlebnis. Man fühlt sich wie in einem Film, als Teil des atmosphärisch wabernden bis kratzigen Sound-Geschehens, das koloniale Vergangenheit und aktuelle Krisen zu vereinen scheint. Unbehaglich wacklige Streicherwolken, laute, unvermittelte atonale Crescendi, ausklingende Holzbläser. Dann das mechanische Klimpern von Spieluhren, deren perlige Beethoven-Melodie „Für Elise“ plötzlich bedrohlich statt süßlich wirkt – so ambivalent wie der Rohstoff Zucker.

Manchmal sucht man Orientierung: Wohin hören? Was passiert als Nächstes? Von hinten knattern abgehackte Bibelbotschaften durch Walkie-Talkies, wie von einem Hubschrauber aus. Vorne lassen Pianisten Kreditkarten über die Saiten des Flügels gleiten. Die Geste erinnert an Ausbeutung und Profitstreben.
„Noch mal E wie Emil“, ruft Gast-Dirigent Nicolò Foron, er will die Instrumentaleinsätze noch präziser. Auch er lässt die Schüler Fragen stellen. Einer möchte wissen, was das Orchester an der neuen Musik schätzt. Die Vielfalt der Ausdrucksformen sei das Spannendste, sagt Foron. Und: „Wir mögen lebende Komponisten.“ So wie Kendall. Beethoven könne man schließlich nicht mehr fragen.
Ein anderer Schüler will wissen, ob die Musiker nach Noten spielen oder improvisieren. „Beides“, sagt eine Cellistin und zeigt ihm die Partitur, in der Passagen teils klassisch, teils wie Regieanweisungen oder Cluster aussehen. Dann spricht Flötist Wiesner zwei Schüler an. Das Duo, das schon mehrfach in der Region aufgetreten ist, lässt an dem Flügel, aus dem gerade noch schrille Kratz-Geräusche kamen, eine wohlgeordnete Pop-Ballade erklingen, vom Ensemble gibt es dafür Applaus.
Einer der beiden, Luis, ist froh, dass sie vor dem Spontanauftritt am Wochenende noch geprobt haben. Er fand das Erlebnis im Ensemble Modern „super spannend“, manchmal auch „überfordernd, wenn von allen Seiten Musik kommt“ und man sie nicht als Ganzes wahrnehmen könne. Seiner Schulkameradin Maya gefiel, dass sie Kendall und das Orchester nach Hintergründen und ihrer Arbeit fragen konnte und sie die Probe miterleben durfte.
Gleich müssen sie aber schon zurück zur Schule in den Unterricht. Eine der Schwierigkeiten bei der Organisation sei, interessierte Schulklassen zu finden, weil der Stundenplan oft sehr voll sei und zeitgenössische Musik im Lehrplan nicht unbedingt vorkomme, sagt Ina Meineke. Zudem gebe es in Frankfurt ein vielfältiges Angebot für Schulen. „Da hat man als Lehrer die Qual der Wahl.“ Der Lehrer dieses Musikgrundkurses, Volker Bender, selbst passionierter Jazz-Musiker, war jedenfalls nicht schwer zu überzeugen.
Ein breites Publikum wird man mit dem Projekt nicht erreichen. Doch als Format, das Jugendlichen zeitgenössische Musik nicht erklärt, sondern erfahrbar macht, zeigt „Open Young Ears!“, wie gut kulturelle Vermittlung gelingen kann. Wer morgens noch verlegen „psch“ und „bumm“ weitergereicht hat, sitzt wenig später mitten in einem Werk von Hannah Kendall, zwischen Instrumenten, Walkie-Talkies und Spieluhren. Die Ohren dieser Schüler jedenfalls wirken nach dem Vormittag weiter geöffnet.
