
Seit 2021 erforscht das „Ensemble in transition“ Übergänge zwischen der Kultur der hörenden und derjenigen der tauben Menschen. Hier entsteht eine neue Kunstart, in der Neue Musik und Gebärdenpoesie einander die Hand reichen. Ein Konzert im Frankfurt Lab, ausgerichtet von der Frankfurter Gesellschaft für Neue Musik, bot nun einen inspirierenden Einblick mit drei Werken.
Was ist ein Echo, das man nicht hört? Glaubt man den alten Griechen, war Echo ohnehin mehr als der Ruf, den Bergwände oder Gemäuer zurückwarfen. Sie dachten sich Echo als Lebewesen, eine Nymphe, Frau. Hier nun treten vier Frauen auf: die Flötistin Désirée Hall, die Sängerin Maren Schwier, die Cellistin Larissa Nagel und Kassandra Wedel, taube Tänzerin und Gebärdensolistin. Alle in Konzert-Schwarz und barfuß. Jede der drei Musikerinnen hat Notenständer auf der großen Bühne, nur Wedel nicht.
Klingt die Flöte auf einem Ton, singt Schwier ein rollendes „r“ dazu, zittert Wedel mit Zeige- und Mittelfinger. Sie lässt zunächst nur ihre Arme und Hände tanzen, klingen, Zeichen zeigen. Erst auf unterschiedliche Weise, dann ergeben sie eine symmetrische Form. Oder spiegelt eine Seite die andere? Kommt von der Sängerin ein stimmloses „s“, tänzeln Wedels Hände in S-Kurven vor ihrem Oberkörper herab. Wellen, Tonwellen, sind ja die Basis von Echo – und von Musik.
Hörende und Gehörlose
So beginnt das Stück „Echo:Reflexion“, das der Frankfurter Komponist Alexander Reiff 2021 speziell für das Ensemble geschaffen hat, zusammen mit ihm. Die Laute, die Sängerin, Flötistin und Cellistin produzieren, etwa mit auf die Saiten titschendem Bogen, haben etwas Vorsprachliches. Sie keckern, flattern, schnurren, sirren, jaulen. Echos sind erkennbar, wenn Tonhöhen oder Klangarten sich übertragen. Die Tänzerin fügt sich ein, mit Zeichen der Deutschen Gebärdensprache für Buchstaben, die sie frei oder sozusagen poetisch vergrößert. Im zweiten Satz des Werkes wirft sie diese Anpassung an ein Prinzip ab, breitet die Arme aus und klemmt sie als X vor den Brustkorb, macht sich wieder groß, reißt den Mund auf, zieht sich zusammen.
Sie scheint Lärm zu meinen, etwas, das sie bedrängt, nicht als Ton, sondern als ständige Aufforderung oder Ausschluss. Bis sie mehrmals „Schluss jetzt“ mit den Unterarmen ruft, die waagerecht von innen nach außen schneiden. Gegen Ende hören alle vier Köpfe aufeinander, senken sich unisono, heben sich wieder. Töne entstehen, hier und dort, Wedels Hände tuschen als Pinsel breite Striche in die Luft. Ihre Wange legt sie auf beide Hände, wie zum Schlafen. Eine Hand scheint einen Schlüssel zu drehen, sie öffnet etwas. Vielleicht Frieden und Erkenntnis. Wie das tiefe Brummen des Cellos.
Aus „D.D. 11 Skizzen für Stimme und Violoncello“ des Komponisten Gerhard Müller-Hornbach (2005) spielt das Ensemble an diesem Abend einige der elf Teile, mit Geräuschen, Lippenpfeifen und Konsonantenrhythmen, denen sie einen Gebärdenpart hinzugefügt haben. Besinnlich und am narrativsten gerät die Uraufführung von Yukiko Watanabes „Kut“. Hall, im weißen Mantel, kniet zeremoniell hinter ihrer liegenden silbernen Flöte, Wedel liegt auch. Ihre verborgene Hand steigt auf, sinkt, steigt noch einmal, höher, die ganze Person steht auf, wie erweckt: ein Geist.
Auf die Zusammenarbeit kommt es an
Ihre Finger formen den Buchstaben „v“ an Halls Kopf. Gedanken? Im Nachgespräch erläutert sie das Zeichen: „Erinnerung“. Die dann vor- und zurückwogenden Hände sehen nach Meer oder Gezeiten aus. Meinen vielleicht Zeiten, früher, heute.
Watanabe ließ sich für ihre Komposition von einem koreanischen Ritual inspirieren, das mit Verstorbenen Kontakt aufnimmt. Für die Japanerin war die Zusammenarbeit mit der Gebärdenpoetin etwas ganz Neues. Nur Licht und Schatten habe sie schon einmal mitkomponiert, sagt sie. Die Querflöte hier leuchtet auch, späht ins Dunkle. Gegenseitiges Belauern. Die Atmosphäre rührt an Arnold Schönbergs „Erwartung“, einige melodische Flötentöne erinnern an Debussy.
Alle Werke dieser eindrücklichen Konzert-Performance haben das Thema Kommunikation gemeinsam. Das Ensemble, das Hall in der Zeit der Corona-Pandemie gegründet hat, wie sie im Gespräch berichtet, möchte zeigen, „wie Formen des Zusammenlebens und des Miteinanderseins gemeinsam gesucht und gestaltet werden können“. Hall studierte Flöte und Operngesang in Frankfurt, machte einen Master der Zeitgenössischen Musik in Basel und einen in Frankfurt an der University of Applied Sciences: Performative Künste in sozialen Feldern. Die Kulturen der Hörenden und der Gehörlosen seien eigenständig und gleichwertig, sagt sie, mit jeweils eigenen Traditionen. Doch habe es die der Tauben in der Gesellschaft schwer, werde marginalisiert: „Machtverhältnisse.“
Halls Projekte wollen nicht Gehörlosen per hinzugefügtem Dolmetschen oder über Untertitel Zugang zur Bühnenkultur der hörenden Mehrheitsgesellschaft ermöglichen, sondern Taube mit ihrer Kunst einbeziehen in neu zu entwickelnde Musik- und Theaterwerke. Durch diese radikal zugespitzte „aesthetics of access“ fordern sie Hörende und Taube auf jeweils eigene Weise heraus. Der eine Teil des Publikums versteht mehr hiervon, der andere mehr davon. Aber die Schwelle zum Verstehen ist der Kunst ohnehin eigen, auch der Poesie.
All das ist Pionierarbeit in Deutschland. Es brauche lange Probenprozesse, sagt Hall, zusammen mit Dolmetscherinnen und Komponisten, die sich mit in die Arbeit hineinbegäben, zum Aushandeln von Agieren und Reagieren, Führen und Folgen auf musikalische oder inszenatorische Art. Das Resultat sei nie vorhersehbar. So formen nun auch die Musikerinnen mitunter Handzeichen, oder die Tänzerin und Gebärdenpoetin lernt Partien auswendig, weil sie ja weder Partituren lesen noch den Tönen der Kolleginnen folgen kann. Diese wiederum sehen Wedels kleine und große Bewegungen, erkennen aber keine Worte. Für das Publikum wird das eigenartig schön.
