
Früher hat Pia-Maria Kunold in ihrem Ehrenamt Waffeln verkauft. Bei Rotaract war das, einer Jugendorganisation des internationalen Wohltätigkeitsvereins Rotary. Längst hat sich die 21 Jahre alte Studentin hochgearbeitet, hat ein Golfturnier organisiert, um Spenden von über 10.000 Euro einzusammeln.
Dabei studiert die junge Frau mit den kurzen roten Haaren eigentlich Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München. 40 Stunden soll sie dafür in der Woche aufbringen. Später würde sie gern als Ingenieurin für Luft- und Raumfahrt arbeiten.
„Ich bin gut darin, meine Zeit zu managen, gleichzeitig bietet das Ehrenamt eine gute Abwechslung zum Studium“, sagt Kunold. „Es macht mir Spaß, mit anderen für eine Sache einzustehen und etwas zu bewegen.“ Kunold hat also trotz dieser Gegensätze die für sie perfekte Kombination aus Ehrenamt und Studium gefunden. Die Aufgabe ist erfüllend, und die Studentin tut dazu noch etwas für ihren Lebenslauf. Nur wie findet man solch eine Konstellation?
Tatsächlich gehört das Ehrenamt für viele junge Menschen zum Leben dazu. Laut dem Deutschen Freiwilligensurvey 2024 engagiert sich fast die Hälfte aller Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren (49,2 Prozent) freiwillig. Damit liegt die Beteiligung sogar über dem Gesamtdurchschnitt (43,6 Prozent). Studium und Schule sind nämlich so organisiert, dass sich viele verschiedene Ehrenämter mit ihnen gut vereinbaren lassen, zumindest besser als mit Jobs, die täglich an starre Arbeitszeiten gebunden sind. Im Sportbereich engagieren sich die meisten Freiwilligen. Auch der Katastrophenschutz ist sehr beliebt. Etwa 1,76 Millionen Ehrenamtliche ab 18 Jahren helfen dort aus. Das kann zum Beispiel über eine Jugendfeuerwehr passieren. Ein Grund für diese Beliebtheit ist, dass die Gesellschaft sensibilisierter für Krisen und Notlagen ist. Darauf verweist auch Jan Holze, Vorstand der Deutschen Stiftung für Ehrenamt und Engagement. „Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat den Menschen vor Augen geführt, wie wichtig professionelle Hilfe im Notfall ist“, sagt er.
Diese Vorteile bietet das Ehrenamt
„Früher war es vielen jungen Menschen wichtig, mit anderen zusammen zu sein. Dafür schien ein Ehrenamt wie gemacht“, sagt Holze. Heute habe sich die Motivation verschoben. „Jetzt möchten sie die Gesellschaft mitgestalten.“ Auch das ist je nach Aufgabe gut möglich.
Für manche Studierende ist auch die finanzielle Seite wichtig. Wer für das Ehrenamt Geld bekommt, muss immerhin einen Teil davon weder versteuern noch an die Sozialversicherung zahlen. Für bis zu 3300 Euro gilt das für ehrenamtliche Trainer, die sogenannte Übungsleiterpauschale macht das möglich. Für andere Tätigkeiten gibt es die Ehrenamtspauschale in Höhe von 960 Euro.
Studierende haben also die Wahl: Soll es ein Ehrenamt sein, das besonders erfüllend ist, sich gut im Lebenslauf macht oder mit dem sich auch ein bisschen Geld verdienen lässt? Oder sogar all das?
Ehrenamt für den Lebenslauf oder für den Spaß
Es gebe kein „gutes“ oder „schlechtes“ Ehrenamt, sagt der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg. Selbst wer am Anfang nur für seine Bewerbungsmappe eine Aufgabe übernimmt, werde durch die Konfrontation mit gesellschaftlicher Realität wie Armut, Flucht oder Behinderung reifer.
Jan Holze von der Deutschen Stiftung für Ehrenamt und Engagement empfiehlt, nicht nur auf den Nutzen zu achten. „Studierende sollten sich ein Ehrenamt aussuchen, das ihnen Spaß macht“, sagt er. Für ihn spielt die Motivation eine entscheidende Rolle. Wer es nur für das Papier mache, schade dem Ehrenamt an sich, so Holze.
So finden Studierende ein passendes Ehrenamt
Bevor Studierende sich für ein Ehrenamt entscheiden, sollten sie darüber nachdenken, ob sie Fachwissen anwenden oder einen bewussten Ausgleich zum Studium suchen möchten, rät Marlen Koplin. Sie ist Beraterin bei „Mach mit – die Freiwilligenzentrale“ der Diakonie Düsseldorf. Um eine passende Stelle zu finden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Viele Freiwilligenagenturen und Beratungsstellen wie etwa Tatendrang e. V., Go Volunteer und die Freiwilligenzentrale der Diakonie bieten auf ihren Websites Suchmaschinen für freie Ehrenamtsstellen an. Mit diesen lassen sich die Ergebnisse beispielsweise nach Stadtteilen oder bestimmten Aufgaben filtern. Dort finden sich Jobs in sozialen Einrichtungen, aber auch im Umwelt- und Klimaschutz.
Haben Interessierte auf diesem Weg eine womöglich passende Stelle gefunden, führen sie ein persönliches Gespräch mit den Beratern der Freiwilligenzentrale. Dabei schauen diese weniger darauf, wo am dringendsten Hilfe gebraucht wird, sondern, wie viel Zeit und welche Wünsche man hat. Das Ehrenamt sei schließlich auch eine Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren. „Wenn jemand sagt: ‚Ich starre den ganzen Tag auf den Computer. Ich hätte Lust, mal mit jemandem in echten Austausch zu kommen‘, dann finden wir für ihn etwas“, sagt Koplin.
Finden lassen sich all diese Jobs nicht nur über die Plattformen, Vereine und Co. Suchen kann man auch über Instagram und Tiktok direkt nach Ehrenämtern. In der Uni kann auch die Fachschaft eine Anlaufstelle sein. Pia-Maria Kunold hat ihr Ehrenamt über einen Freund der Familie bekommen, der sich damals schon bei Rotaract engagiert hat. Es kann also auch ohne aufwendige Beratungen funktionieren.
Besonders gut eignen sich flexible Ehrenämter für viele Studierende. Ideal sind Einsatzorte, an denen sie sich ihre Zeit innerhalb der Woche einteilen können oder sich nicht langfristig binden müssen. Mögliche Optionen dafür sind zum Beispiel Nachhilfe geben, sich in studentischen Initiativen, zum Beispiel in der Fachschaft, engagieren oder bei Umwelt- und Nachhaltigkeitsprojekten und sozialen Projekten mitwirken. Auch die Arbeit von Kunold passt da. Die Studentin wendet in der Regel nur eine Stunde in der Woche dafür auf, sagt sie. In manchen Phasen können es aber auch mal zehn Stunden sein.
Wie Personaler über das Ehrenamt denken
Die Frage, welches Ehrenamt es werden soll, kann man aber auch unter einer ganz anderen Perspektive betrachten. Wer sich die richtige Aufgabe sucht, hat es womöglich leichter, später einen Job zu bekommen. Das gilt zum Beispiel für den Wirtschaftsprüfer EY, bei dem nach Unternehmensangaben mehr als 120.000 Bewerbungen jährlich am deutschen Standort eingehen. „Ehrenämter sind ein wertvoller Bestandteil eines Gesamteindruckes, den das Unternehmen von einem Kandidaten gewinnt“, sagt Andreas Butz, Personalchef von EY Deutschland. Es könne zwar keine beruflichen Erfahrungen ersetzen, helfe aber dabei, die Persönlichkeit und Motivation des Bewerbers zu verstehen.
Ehrenamtlich Engagierte haben laut Butz eine höhere Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Das i-Tüpfelchen wäre für mich, wenn man auch Führungserfahrungen sammelt, also ein Team leitet“, betont er. Trotzdem sei ein ehrenamtliches Engagement kein Muss. „Wir wollen nicht, dass es zu einer Benachteiligung derjenigen führt, die sich nicht einbringen können, weil es gute persönliche Gründe gibt“, sagt Butz.
Kandidaten sollten ihr Ehrenamt im Lebenslauf mit Einsatzort, einer Tätigkeitsbeschreibung und der Dauer aufführen, rät der Personalverantwortliche. Auch wie lange man das Ehrenamt schon macht, spiele eine Rolle. So gewichtet Butz ein Engagement, das schon ein halbes oder ein ganzes Jahr läuft, höher als eine neue Tätigkeit. Bei zwei gleich qualifizierten Kandidaten könnte das Ehrenamt sogar zum „Zünglein an der Waage“ werden.
Pia-Maria Kunold hofft, dass das Ehrenamt sie später beruflich weiterbringen wird. „Ich lerne Führungskompetenzen, Projektarbeit, Kommunikation und wie man sich in großen Organisationen zurechtfindet.“ Geht der Plan auf, dürften also beide Seiten profitieren: der Rotary-Club, für den sich die Studentin einsetzt, und natürlich sie selbst.
