Die billigste Energie ist diejenige, die nicht verbraucht wird. Der Satz fehlt in keiner Rede, keinem Papier der Europäischen Kommission zur Energiekrise. Kein Wunder also, dass die Energieeffizienz eine wichtige Rolle spielen soll, um die Krise zu bewältigen. Im Mai will die Kommission Vorschläge vorlegen, wie die EU kurzfristig Energie sparen und effizienter verwenden kann. Das hat sie in der vergangenen Woche angekündigt. Langfristig soll die Kombination aus Elektrifizierung der Wirtschaft und Energieeffizienz die Europäer unabhängiger von Öl und Gas machen und die Energiewende vorantreiben.
Kritiker gab es auch damals schon. Der Ökonom Clemens Fuest vom Ifo-Institut warnte 2023: Die Energieeffizienz könne sich als Wachstumskiller erweisen. Berlin setzte damals gerade die in den EU-Vorgaben für Deutschland vorgesehenen Ziele in nationales Recht um. Seither gilt: Bis 2030 muss der Verbrauch hierzulande um 22 Prozent sinken.

Kein Unterschied zwischen grünem und fossilem Strom
Fuest berechnete nun, wie die Energieeffizienz steigen muss, damit Deutschland das erreichen und dennoch wachsen kann. Schließlich bedeutet Wachstum in der Regel mehr Energieverbrauch. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Energieeffizienz muss um vier Prozent im Jahr steigen. Nur so kann Deutschland gleichzeitig den Energieverbrauch wie verlangt senken und zumindest ein moderates Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent erreichen.
Tatsächlich war die Energieeffizienz zuvor jährlich nur um 1,4 Prozent gewachsen. Auf diesem Niveau müsste die deutsche Wirtschaft bis 2030 um 14 Prozent schrumpfen. Sonst sind die Einsparziele nicht zu schaffen.
Das ist umso schlimmer, weil das Energieeffizienzgesetz den Verbrauch unabhängig davon deckelt, ob „grüne“ Energie verbraucht wird oder fossile, sagt Fuest der F.A.Z. auch drei Jahre später, in der nächsten Energiekrise. „Klimaschutz kann das nicht rechtfertigen, denn eine der Chancen der Energiewende liegt ja gerade darin, dass es Zeiten geben wird, in denen durch Wind und Sonne sehr viel Strom zur Verfügung stehen wird“, betont er.
Damals hörte niemand hin. Nun kommt das Thema zurück. Die Diskussion darüber, wie die EU ihre Klimapolitik nach 2030 ausgestalten soll, hat in Brüssel begonnen. Eine Frage ist, ob die EU sich und den Mitgliedstaaten weiter Effizienzziele setzt. Fuest steht mit seiner Kritik nicht allein. Der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) in Köln, Marc Oliver Bettzüge, spricht zwar nicht von einem Wachstumskiller, kommt aber zu ähnlichen Ergebnissen.
Das Energieeffizienzgesetz verlange, dass der Verbrauch jährlich um 2,2 Prozent sinke. Zugleich gehe die Bundesregierung davon aus, dass die Endenergieproduktivität – also die je Wirtschaftseinheit verbrauchte Energie – sich im Durchschnitt um 2,1 Prozent im Jahr erhöhe. „Zusammengenommen bedeuten diese Ziele: Nullwachstum“, sagt Bettzüge. Politisch ist das schwierig. „Ohne Wachstum seien die vielfältigen Herausforderungen für die deutsche Gesellschaft schwieriger zu bewältigen“, schrieb der Expertenrat für Klimafragen, dem Bettzüge angehört, schon in seinem letzten Zweijahresgutachten.
Die Ziele bedeuten: Nullwachstum
Die Energieproduktivität über viele Jahre anhaltend um mehr als zwei Prozent im Jahr zu steigern, hält Bettzüge für kaum machbar – zumindest dann, wenn sich die Wirtschaftsstruktur nicht gravierend verändere. Tatsächlich ist die Endenergieproduktivität seit 2020 nur zweimal stärker gestiegen als zwei Prozent: 2022 waren es nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 2,83 Prozent und im Jahr darauf 4,17 Prozent. Das war die Folge der hohen Preise in der Ukrainekrise. Viele Unternehmen fuhren die Produktion herunter. Entsprechend sank die Produktivität nach dem Ende der Krise 2024 sogar – um 1,3 Prozent.
Auf die Effizienzziele verzichten kann die EU dennoch nicht, warnt Christian Noll von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF). „Viele Unternehmen in Deutschland haben hier noch viel Luft nach oben“, sagt er. Im europäischen Vergleich liege die deutsche Industrie bei den Fortschritten bei der Energieeffizienz auf dem vorletzten Platz. Ohne die Ziele und die daraus folgenden Programme könnten Deutschland und Europa weder Importabhängigkeit ausreichend senken noch ihre Klimaziele erreichen.
Grüner Strom allein reicht nicht
„Mit grünem Strom allein können wir das wirtschaftlich nicht schaffen“, sagt Noll. Dieser Strom werde für zu viele Dinge benötigt, von der Elektromobilität über die Herstellung von grünem Wasserstoff bis zu den Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Im Übrigen seien die Ziele rein indikativ. Wenn Deutschland sie nicht erreiche, werde das keine rechtlichen Folgen haben – für Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft aber erhebliche.
Clemens Rohde vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie sieht das ähnlich. Das Effizienzziel ist für ihn eine Ableitung aus den europäischen Klimazielen. „Wenn wir die Emissionen wie geplant bis 2030 um 55 Prozent reduzieren wollen, geht das nur mit den vorgegebenen Zielen zur Energieeffizienz“, sagt er. Der Ausbau der Erneuerbaren allein reiche dafür nicht aus und sei noch teurer, als auf Effizienz zu setzen.
Fuest macht demnach einen Fehler: Er geht von einer unveränderten Wirtschaftsstruktur aus. Deutschland benötige einen Strukturwandel hin zu mehr wertschöpfungsstarken Branchen, um die Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben. Es gebe andere Länder auf der Welt wie Australien, in denen genug grüner Strom erzeugt werden könne, um dort energieintensive Produkte herzustellen. „Wir haben den Strom einfach nicht in ausreichender Menge, um weiter im bisherigen Maße Grundstoffchemikalien oder Massenstahl herzustellen.“
„Energieeffizienzziele und Wachstum sind gleichzeitig nur mit raschem Strukturwandel weg von energieintensiven Industriezweigen hin zu weniger energieintensiven Branchen realistisch vorstellbar“, sagt auch Bettzüge. Es gebe momentan nur ein Problem, gesteht er ein: „Das ‚Weg‘ geschieht bereits, das ‚Hin‘ noch nicht so recht.“
