In CDU und CSU hört man gerade wieder häufiger ein Wort, das in der deutschen Debatte über Jahre erledigt war: Kernenergie. Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in dieser Woche nach Berlin reiste, wo sich die Führung der Unionsfraktion zur Klausur traf, sprach sie über die Lehren, die aus der gegenwärtigen Energiekrise zu ziehen seien. Um unabhängig von fossilen Importen zu werden, müssten in Europa erzeugte Energien ausgebaut werden. Dazu zählte von der Leyen ausdrücklich auch die Kernkraft: Hier eröffneten „vor allem die neuen, kleinen modularen Reaktoren neue Perspektiven“.
Die Begeisterung der Kommissionschefin für kleine Atommeiler, sogenannte Small Modular Reactors (SMR), ist nicht neu. In Brüssel hat sie unlängst eine Strategie auf den Weg gebracht, wie die Technologie in Europa einsatzbereit gemacht werden soll. Bemerkenswert ist eher, dass sie beim Besuch ihrer Parteifreunde in Berlin darauf zu sprechen kam. Denn die Haltung des Kanzlers zu dem Thema kennt sie bereits. Als sie unlängst den deutschen Atomausstieg als strategischen Fehler bezeichnete, erwiderte Friedrich Merz, er teile ihre Einschätzung, fügte aber hinzu: „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so.“
Das Wort des Kanzlers wiederum hinderte Jens Spahn, den Vorsitzenden der Unionsfraktion, nicht daran, neulich eine andere Front in der Atomdebatte zu eröffnen. Am Rande eines Forschungskongresses dachte er laut über die Möglichkeit nach, die zuletzt abgeschalteten Atomkraftwerke zu reaktivieren. „Ich finde jedenfalls, diese Debatte müssen wir gesellschaftlich führen“, sagte er.
Riskiert die Union einen weiteren Konflikt mit der SPD?
An sich sind die Positionen von Spahn und von der Leyen nicht ungewöhnlich. Beides stand so im Wahlprogramm der Union. Inzwischen regieren CDU und CSU allerdings in einer Koalition mit der SPD, weshalb mindestens Spahns Vorstoß die Frage aufwirft: Macht sich die Union gerade etwa bereit, einen weiteren Konflikt in der Koalition aufzumachen?
Im Moment ist noch schwer abzusehen, inwieweit die Fraktion ihrem Vorsitzenden folgen und in die Offensive gehen will. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, hat die F.A.S. deshalb allen Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU dieselbe Frage gestellt: Sollten Politik und Gesellschaft die Diskussion, ob und in welcher Form Kernenergie für die Energiegewinnung in Deutschland künftig eine Rolle spielen könnte, wieder aufnehmen? Oder sollte am Atomausstieg nicht mehr gerüttelt werden?
Die Reaktion war verhalten. In einer Frist von 48 Stunden meldeten sich von den 208 Unionsabgeordneten gerade einmal 17 zurück. Elf forderten grundsätzlich, die Diskussion wieder aufzunehmen, und machten dabei keinen Unterschied zwischen der Reaktivierung alter Meiler und der Forschung an neuen, kleinen Reaktoren. Vier wandten sich ausdrücklich gegen den Vorschlag von Jens Spahn, verlangten aber eine Debatte über SMR. Die übrigen zwei gaben an, am Atomausstieg sollte festgehalten werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt der Stimmungslage in der Union und wirft eher neue Fragen auf. Warum diese Zurückhaltung? Folgt man Spahn nicht, will ihm aber auch nicht in den Rücken fallen? Oder will man umgekehrt nicht dem Kanzler widersprechen, nicht einmal in einer anonymen Umfrage?
Auffällig ist jedenfalls, dass die SPD, an deren Abgeordneten die F.A.S. dieselbe Frage geschickt hat, auskunftsfreudiger war. Von den 120 Sozialdemokraten meldeten sich 24 zurück. Die Position der Partei ist hinlänglich bekannt: nie wieder Atomenergie. Angesichts der Energiekrise, der Tücken der Energiewende und neuer Technologien kann man aber mal nachfragen, ob einzelne Abgeordnete womöglich umdenken. Danach sieht es nicht aus. Alle 24 Sozialdemokraten schrieben: keine neue Debatte, nicht über eine Reaktivierung, nicht über kleine Reaktoren.
Es sieht also nicht danach aus, als würde sich im Bundestag gerade eine neue Pro-Atom-Koalition formieren. Aber eine Frage ist damit noch nicht beantwortet: Unabhängig von den Sorgen und den ungelösten Fragen in der Debatte, von der Angst vor Störfällen und der komplizierten Endlagersuche – würde eine Rückkehr zur Kernkraft überhaupt die Probleme der deutschen Energieversorgung lösen?
„Man könnte hohe zweistellige Milliardenbeträge mobilisieren“
In den Augen von Manuel Frondel jedenfalls schon. Der Ökonom am Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) sieht in einer Reaktivierung von Kernkraftwerken mehrere Vorteile. Nicht nur, dass die Anlagen wichtig wären, um die Klimaziele zu erreichen. Sie würden auch die Abhängigkeit von Gasimporten verringern und die Staatskasse entlasten. Schließlich müsste die Bundesregierung dann weniger Gaskraftwerke mit Milliardensubventionen neu bauen, als Puffer, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Statt Staatsgelder zu verschlingen, könnten die alten Meiler – lange Laufzeiten vorausgesetzt – dem Fiskus sogar Einnahmen bescheren, glaubt Frondel: „Durch Steuereinnahmen und gesparte Subventionen könnte man volkswirtschaftlich hohe zweistellige Milliardenbeträge mobilisieren.“
Die Betreiber der Kernkraftwerke erwecken allerdings nicht den Eindruck, als wollten sie ihre Anlagen noch einmal hochfahren – oder als seien sie dazu überhaupt in der Lage. Der Konzern EnBW teilt mit, der Rückbau seiner fünf Kernkraftwerke sei „praktisch gesehen irreversibel“. Das gelte auch für Neckarwestheim II, das vor drei Jahren als eines der letzten drei deutschen AKW vom Netz ging, zusammen mit Isar 2 und Emsland. Von Preussen Elektra, dem Betreiber von Isar 2, heißt es: „Aus unserer Sicht sind die Anlagen nicht mehr reaktivierbar.“ Und Emsland-Betreiber RWE möchte sich nicht an Spekulationen beteiligen, „was theoretisch alles möglich wäre“.

RWI-Ökonom Frondel hält die Angaben der Energiekonzerne jedoch nicht für verlässlich. „Als Betreiber, der einen Atomkompromiss mit dem Staat eingegangen ist, ist die Behauptung natürlich nachvollziehbar“, sagt er. Der Forscher verweist auf mehrere Studien, denen zufolge eine Reaktivierung möglich wäre, darunter jene Analyse der Radiant Energy Group, auf die sich offenbar auch Unionsfraktionschef Spahn bezog. Die amerikanische Denkfabrik, gegründet vom Kernkraftaktivisten Mark Nelson, rechnete Ende 2024 vor, dass sich die Kraftwerke Brokdorf, Emsland, Grohnde, Neckarwestheim II und Isar 2 in bis zu fünf Jahren reaktivieren ließen. Kosten: rund neun Milliarden Euro.
Frondel hält die Rechnung der Amerikaner für belastbar und bedauert, dass seither weiter rückgebaut wurde. Die Bundesregierung müsse die Arbeiten in den Kernkraftwerken sofort stoppen und prüfen, welche Meiler sich tatsächlich wieder ans Netz bringen ließen. Frondel ist längst nicht der einzige Ökonom, der das fordert.
Zweifel an der Objektivität der Studien
Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern sieht die Sache aber grundlegend anders. Dazu zählt Lion Hirth von der Hertie School of Governance. Der Energieökonom ist kein Atomkraftgegner. Die Entscheidung, die laufenden Kernkraftwerke abzuschalten, hält er für „keine besonders kluge Idee“ in einem Land, das eine energieintensive Industrie hat, aber keine nennenswerten fossilen Ressourcen, und das nicht mit viel Wind und Sonne gesegnet ist. Hirth hielte es sogar für eine gute Nachricht, sollten sich die abgeschalteten Kraftwerke tatsächlich reaktivieren lassen. Aber anders als Frondel hat er Zweifel an der Seriosität der herangezogenen Analysen: „Ich kenne keine Studie, die mir objektiv erscheint und die zu dem Schluss kommt, dass das zu vertretbaren Kosten machbar wäre.“
Hirth geht davon aus, dass die Reaktivierung von Kernkraftwerken am Ende sogar deutlich teurer würde als der Bau neuer Gaskraftwerke, und das wäre die Sache in seinen Augen nicht wert. Schließlich passten die alten Meiler, die bestenfalls immer auf Volllast laufen müssen, nicht mehr so richtig ins Stromnetz von heute, wo Wind und Sonne phasenweise schon den kompletten Bedarf decken. „Wir brauchen keine Kraftwerke, die rund um die Uhr Grundlast liefern, sondern solche, die flexibel einschaltbar sind“, sagt er. Frondel vom RWI ist da anderer Meinung. Mit Blick auf das Ziel im Koalitionsvertrag, Deutschland zur führenden KI-Nation zu machen, und die dafür nötigen Rechenzentren sagt er: „Wenn das ernst gemeint ist, dann brauchen wir dauerhaften, günstigen Grundlaststrom.“
Ähnlich umstritten ist der zweite Punkt in der aktuellen Kernkraftdebatte, die modularen Reaktoren. SMRs sind deutlich kleiner als herkömmliche Anlagen, und mit ihnen ist die Hoffnung verbunden, sie könnten einen entscheidenden Nachteil der Kernkraft ausgleichen: die enormen Baukosten für die Kraftwerke. Einmal in Serie gefertigt, sollen SMRs Atomstrom wettbewerbsfähig machen. In der Union gibt es namhafte Anhänger der Technologie. Als Ursula von der Leyen im März die SMR-Strategie vorstellte, erhielt sie Zuspruch von Gitta Connemann, der Vorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsunion von CDU und CSU. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zählt zu den Fans der kleinen Meiler.
Bis zur Serienproduktion ist es noch weit
Das Problem ist allerdings, dass die Technologie längst nicht marktreif ist. Kanada, das von Söder als Vorbild genannt wird, plant, bis 2030 den ersten SMR ans Netz zu bringen. In den USA wurde 2023 das Pilotprojekt NuScale eingestellt, weil die Kosten explodierten. Der Weg zu einer rentablen Serienproduktion dürfte noch weit sein. Bis sich die Produktion von SMRs rechnet, müssen laut einer Analyse des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung mehrere Tausend Exemplare eines Typs gefertigt werden.
Hirth von der Hertie School hält die Technologie für so vielversprechend, dass er der Bundesregierung rät, in die Forschung zu investieren. Bisher haben Union und SPD das nur für die – noch unausgereiftere – Kernfusion vereinbart. Trotz der Hoffnungen auf SMRs fände Hirth es aber falsch, schon jetzt auf eine Idee zu bauen, an der die Atomindustrie seit Jahrzehnten ohne nennenswerten Erfolg tüftelt. In der aktuellen Debatte seien die neuen, modularen Reaktoren – wie auch die Gedankenspiele zur Reaktivierung der alten Meiler – „Nebelkerzen“, die vom Wesentlichen ablenkten, nämlich dem konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze, sagt der Ökonom: „Ich habe die Sorge, dass aus einem vagen Wunschtraum heraus energiepolitische Entscheidungen nicht getroffen und Investitionen nicht getätigt werden, die jetzt nötig sind.“
RWI-Fachmann Frondel gesteht den SMR-Skeptikern zu, dass noch offen sei, ob sich die kleinen Reaktoren wirtschaftlich betreiben lassen. Dass diese kommen werden, steht für ihn aber außer Frage, und für Deutschland mit seinem ungelösten Endlagerproblem könnten sie besonders interessant sein. Bestimmte Typen von SMR sollen nämlich nicht mit klassischen Brennstäben betrieben werden, sondern mit Atommüll. Übrig bliebe dann ein Endprodukt, das zwar immer noch strahle, aber sich oberirdisch lagern ließe, sagt Frondel: „Die Endlagersuche hätte sich damit erledigt.“
Die Debatte, ob eine Rückkehr zur Kernkraft angezeigt ist, dürfte sich so schnell nicht erledigen. Dafür sorgt schon die AfD, die schon länger eine Reaktivierung der alten Meiler fordert. Hinzu kommt die Entwicklung in der Welt, wo nicht nur Ursula von der Leyen eine „Renaissance der Kernenergie“ erkennt, an der Europa teilhaben sollte. Belgien hat erst vor wenigen Tagen beschlossen, den Rückbau seiner Kernkraftwerke zu stoppen. Auch die Niederlande und Schweden revidieren ihren Ausstiegskurs. Italien, das nach der Katastrophe in Tschernobyl vor vierzig Jahren alle seine Kraftwerke abgeschaltet hat, plant eine Rückkehr zu Atomkraft. Und so weiter.
Sicher ist jedoch, dass die Diskussion über die Reaktivierung der alten Meiler ein Ablaufdatum hat. Denn irgendwann sind die Anlagen definitiv zu weit zurückgebaut. RWI-Ökonom Frondel sagt: „Ich schätze, dass das Zeitfenster noch ein bis eineinhalb Jahre beträgt – dann ist die Gelegenheit vorbei.“
