
Auch am zweiten Tag ist der Marine-Schock im Aktienkurs von Rheinmetall sichtbar. Am Donnerstag ging es nochmals einige Prozent bergab für den Wert des größten deutschen Rüstungsherstellers. Um fast ein Viertel an Wert verloren hat der Kurs des Düsseldorfer Dax-Konzerns, seitdem das Bundesverteidigungsministerium am Mittwoch bestätigt hat, dass es das Fregattenprojekt F126 einstellt.
Seit Jahresbeginn hat das Papier sogar fast die Hälfte an Wert verloren, allerdings war die Rheinmetall-Aktie zuvor auch auf einem Höhenflug und hatte sich allein ab Anfang 2025 nochmals im Wert verdreifacht. Trotz des Rückgangs kostet eine Rheinmetall-Aktie immer noch das Zehnfache im Vergleich zur Zeit vor dem Ukrainekrieg.
Für das erfolgsverwöhnte Unternehmen ist es dennoch ein herber Rückschlag: Rheinmetall wollte das Pannen-Projekt nach der Übernahme des Marinegeschäfts der Lürßen-Werften als Generalunternehmer fortführen und hatte sich gute Chancen für einen Milliardenauftrag ausgerechnet. Auf Anfrage kommentiert der Konzern das Thema nicht. Zwar kann Rheinmetall nicht über Auftragsmangel klagen, doch war das Fregattenprojekt einer der Stützpfeiler für das angepeilte Wachstum der Marinesparte Naval Vessels Lürssen (NVL), die Rheinmetall im vergangenen Jahr übernommen hatte.
18 Milliarden Euro waren dem Verteidigungsministerium zu viel
„Mehr als zehn Milliarden Euro“ würde es schon kosten, hatte Rheinmetall-Chef Armin Papperger vor Analysten gesagt. Aus dem Verteidigungsministerium hieß es am Mittwoch, dass es 18 Milliarden Euro gekostet hätte, das Projekt F126 mit einem neuen Partner fortzuführen.
Es ist also nicht vermessen, diese 18 Milliarden gedanklich schon mal aus dem zuletzt angepeilten Plan für den Auftragseingang von Rheinmetall für 2026 herauszurechnen. Da hatte der Konzern gewohnt optimistisch ein enormes Wachstum versprochen: Der Auftragsbestand im laufenden Jahr sollte auf 135 Milliarden Euro wachsen, nachdem dieser Backlog, der auch Rahmenverträge umfasst, im abgelaufenen Jahr bei 63,8 Milliarden Euro gelegen hatte.
Auch wenn manche Analysten konstatieren, dass Rheinmetall ohne den F126-Auftrag nun seines „Kronjuwels“ beraubt sei, sehen das Beobachter aus der Branche weniger dramatisch: „Die Entscheidung von Rheinmetall, NVL zu übernehmen, wird dadurch keine schlechte“, sagt Reinhard Lüken. Er ist Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffsbau und Meerestechnik (VSM). „Der Bedarf bleibt da. Aber man muss sich etwas durchschütteln“, sagt Lüken. „Für ein Unternehmen dieser Größe wird es verkraftbar sein.“
Auftrag war im erwarteten Auftragseingang eingerechnet
Auch ohne den Marineauftrag könnte es Rheinmetall schaffen, den Auftragseingang nahezu zu verdoppeln, zumindest wenn der erwartete Großauftrag für Boxer-Kampffahrzeuge wie geplant kommt – auch weil andere NATO-Staaten fleißig bestellen. Zuletzt hatte allein Rumänien für 5,7 Milliarden Euro Rüstungsgüter in Auftrag gegeben.
Aus Sicht des Schiffbau-Verbands geht es jedenfalls um viel mehr als nur einen verlorenen Auftrag für Rheinmetall. „Es geht nicht um eine Werft. Der größte Anteil solch eines Milliardenauftrags landet in der Wertschöpfungskette. Wir reden bei einem Schiff von Hunderten von Unternehmen, die betroffen sind“, sagt VSM-Hauptgeschäftsführer Lüken. „Das kann im Zweifel so weit gehen, dass es bei kleineren Unternehmen existenzielle Probleme hervorbringen kann. Das ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.“
Der Verband hatte sich am Mittwoch überrascht gezeigt, will aber auf Nachfrage nicht einzelne Unternehmen hervorheben. Für viele beteiligte Zulieferer gebe es nun erhebliche Herausforderungen. Ausgaben müssten abgeschrieben werden, bereits gefertigte Stahlteile wanderten ungenutzt in den Hochofen. „Viele Tausend Arbeitsstunden werden schlicht verbrannt. Und das, obwohl sich NVL wirklich Mühe gegeben hat, das von den Holländern vermurkste Projekt wieder auf die Schiene zu setzen“, sagt Lüken.
Stahlteile wandern ungenutzt in den Hochofen
Ursprünglich war der Auftrag für die sechs Fregatten an das niederländische Unternehmen Damen vergeben worden. Die Werft habe „zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen der Bestellung nicht einhalten können“, heißt es aus dem Ministerium zur Entscheidung, das Projekt zu beenden. Damen hatte damals angegeben, dass 80 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland passieren soll. Es ist also nicht so, dass Zulieferer bisher leer ausgegangen wären. Geflossen sind schließlich schon rund 2,3 Milliarden Euro an den Vertragspartner. Insgesamt waren rund 10 Milliarden Euro veranschlagt. Doch drohte das Projekt nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell aus dem Ruder zu laufen.
Rheinmetall sei bereit gewesen, in einer schwierigen Lage die Verantwortung als Generalunternehmer zu übernehmen, argumentiert der VSM-Hauptgeschäftsführer. „Da ist es sehr bedauerlich, festzustellen, dass es überhaupt nichts gebracht hat. Aber es wäre billig, den Schaden für den Steuerzahler jetzt Minister Pistorius in die Schuhe zu schieben“, sagt Lüken. Aufgesetzt worden sei das Projekt schließlich unter der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihrer Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder. „Dort wurden die Warnungen in den Wind geschlagen, dass dieses Schiff für diesen Preis nicht zu bauen sei.“
Die Hoffnungen der Zulieferer im Schiffsbau ruhen jetzt auf TKMS. Die frühere Marinesparte des Industriekonzerns Thyssenkrupp soll mit ihren Meko-Schiffen die Fähigkeitslücken der Marine zumindest teilweise schließen. Wenn der Haushaltsausschuss zustimmt, sollen acht Meko A-200-DEU beschafft werden.
Der TKMS-Vorstandsvorsitzende Oliver Burkhard meldete sich in einem Video am Mittwoch aus Kanada, wo das Unternehmen auf einen großen U-Boot-Auftrag hofft. Darin sagte er, dass sich TKMS vorstellen könne, die Zulieferer der F126 an der Küste auch einzubeziehen in die Produktion der Meko. Liefern könne man das erste Schiff ab 2029. „Wir sind gefordert, wir verstehen das und nehmen das auch als Herausforderung an“, sagte Burkhard.
