Die Konkurrenz im bulgarischen Varna war so groß wie lange nicht. Erstmals seit 2022 gingen auch Gymnastinnen aus Russland und Belarus an den Start und gewannen insgesamt sieben Medaillen. Beide Länder waren aufgrund der Beschlüsse des Europäischen Turnverbandes seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gesperrt gewesen. Diese Sperre hatte der kontinentale Verband laut Pressemitteilung vom 24. Mai – also just drei Tage vor Beginn der Wettkämpfe in Varna – aufgehoben.
Alle Einschränkungen aufgehoben
In einer außerordentlichen Online-Abstimmung sei, so heißt es weiter, beschlossen worden, der Entscheidung des Internationalen Turnerbundes (FIG) zu folgen. Dieser wiederum hatte am 18. Mai bekannt gegeben, dass mit sofortiger Wirkung alle Einschränkungen für russische und belarussische Athletinnen und Athleten aufgehoben seien. Die bis dahin geltenden sogenannten Adhoc-Rules hatten zwar bei FIG-Veranstaltungen bereits seit Anfang 2024 Athletinnen und Athleten aus beiden Ländern faktisch zugelassen, allerdings als „individuelle neutrale Athleten“ bezeichnet und Flaggen, Nationalfarben sowie Hymnen untersagt.
In Varna nun erklang nach dem Reifenfinale die russische Hymne für Sofiia Ilteriakova. Und auch der russische Fanblock war in altbekannter Stärke angereist, applaudierte lautstark und schwenkte Fahnen. Silber ging an die Belarussin Alina Harnasko. Für Darja Varfolomeev blieb so in diesem Finale nur der vierte Rang. In allen vier Einzelentscheidungen erreichten russische Gymnastinnen die Medaillenränge, außerdem gewann die Gruppenformation Silber im Mehrkampf.
Demonstrativ weggedreht
Auf dem Podium applaudierte auch die aus dem sibirischen Barnaul stammende Varfolomeev den Russinnen höflich. Im April war die fünfzehnjährige Ilteriakova noch vom Weltverband verwarnt worden: Beim Abspielen der Hymne für die ukrainische Erstplatzierte bei einem Weltcup hatte sie sich als Zweitplatzierte nicht, wie vorgeschrieben, zur Flagge gewandt, sondern demonstrativ weggedreht.
Dieser „unglückliche Zwischenfall“ zeige, dass das Protokoll bezüglich der Siegerehrung überarbeitet werden müsse, heißt es dazu in der Pressemitteilung des Verbandes – und weiter: „Sport muss von Politik getrennt bleiben“.
Ilteriakova trainiert ebenso wie ihre 19 Jahre alte Teamkameradin Maria Borisova, die in Varna Silber mit den Keulen und Bronze mit dem Band gewann, im RSG-Zentrum „Die Himmlische Grazie“ in Sotschi. Geleitet wird es von Alina Kabajewa, Olympiasiegerin von 2004 und inoffizielle First Lady Russlands.
Bei den Wettbewerben der Seniorinnen kam es zu keinerlei Zwischenfällen, schlicht, da keine Ukrainerin in den Einzelfinals eine Medaille gewann. Anders bei den ebenfalls ausgetragenen Wettkämpfen der Juniorinnen, bei denen sich bereits am vergangenen Donnerstag die zweitplatzierte Ukrainerin im Bandfinale, Sofiia Krainska, vor dem Abspielen der Hymne für die russische Siegerin Iana Zaikina Ohrstöpsel einsetzte und ihre Hände demonstrativ vor die Augen hielt.
Genauso verhielt sich ihre Teamkollegin beim Sieg einer Belarussin im Ballfinale. Der ukrainische Turnverband nannte diesen Protest seiner 14 und 15 Jahre alten Gymnastinnen in einem Statement einen „Akt stiller Würde“ und rief unter dem Hashtag „CloseYourEyesAndEars“ (deutsch: Schließe deine Augen und Ohren) zu einer globalen Kampagne auf.
Zur Frage, ob diese Form des Protests auf dem Podium den Regularien gemäß zulässig ist, wird sich der Internationale Turnerbund in Bälde verhalten müssen. Im August findet in Frankfurt die Weltmeisterschaft statt. Favoritin auf den Mehrkampftitel ist wieder Darja Varfolomeev.
