Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) hat gerade eine Einschätzung an die Politik veröffentlicht, ob ein Social-Media-Verbot eigentlich ausreicht. Die Wissenschaftler stützen sich dabei auf wissenschaftliche Evidenz – die naturgemäß bisher noch nicht so gut ist, schließlich wurde das erste Social-Media-Verbot der Welt erst im Dezember 2025 in Australien aufgestellt. Silvia Schneider ist an der Ruhr-Universität Bochum Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Sprecherin am DZPG.
Frau Schneider, gerade hat Frankreich als erstes europäisches Land ein Social-Media-Verbot beschlossen für Kinder, die jünger als 15 Jahre sind. In Deutschland tut man sich damit schwer. Bei der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und nun auch von der DZPG heißt es, ein Verbot allein reiche nicht. Bei der DZPG wird unter anderem auf noch nicht publizierte Daten über Eltern verwiesen. Um was geht es da?
Wir haben Eltern unter anderem gefragt, was sie von einem Social-Media-Verbot halten, ob ihnen damit geholfen wäre. Und das Ergebnis war bemerkenswert, denn etwa die Hälfte sagt, dass sie sich wünschen, ihre Kinder wären nicht auf den Plattformen unterwegs. Aber einige von ihnen sagen auch: Ein Verbot würde ihnen nicht viel helfen.
Wen haben Sie denn befragt?
Im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit und in Kooperation mit der Ruhr-Universität Bochum haben wir vor einigen Jahren ein digitales Panel auf den Weg gebracht, das sogenannte deutsche Gesundheitsbarometer. Damit fragen wir die psychische Gesundheit in der Bevölkerung ab, wir erstellen eine Langzeitreihe, also praktisch eine Art Fieberkurve der Gesundheit Deutschlands. Wir versenden regelmäßig Fragebögen per E-Mail, jährlich werden die aus den Antworten gewonnenen Daten publiziert, mittlerweile haben wir 30.000 Personen aus allen Bundesländern, die regelmäßig teilnehmen.

Und aus dieser großen Gruppe haben Sie die Eltern herausgefiltert und denen zusätzliche Fragen zum Social-Media-Verbot per Mail gestellt?
Ganz genau. Das Tolle ist, dass wir Daten über ihre psychische Gesundheit zuvor bereits erhoben hatten. Also konnten wir sehen, ob Personen, die ein Verbot hilfreich fänden, bereits zuvor psychisch vorerkrankt waren oder vielleicht selbst in der Vergangenheit ein suchtartiges Handynutzungsverhalten an den Tag gelegt hatten. 1639 Personen, die Kinder im Alter von null bis 17 Jahren haben, haben an unserer Befragung teilgenommen.
Bleiben wir kurz beim Studien-Set-up, bevor wir zu den Ergebnissen kommen. Worauf beruhte die Einschätzung, ob jemand psychisch instabil ist oder ein suchtartiges Handynutzungsverhalten hat, auf einer Selbstauskunft?
Letztlich ja. Wir haben beispielsweise abgefragt, ob jemand selbst nicht gut aufhören kann, Social Media zu nutzen, ob er FOMO verspürt, also fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen. Es gibt auch verschiedene andere Kriterien, die dann anhand der sogenannten Bergen-Skala bewertet werden. Diese Skala ist etabliert und validiert. Das ist state of the art.
Ein Ergebnis: Je mehr suchtartiges Nutzungsverhalten die Eltern selbst zeigen, umso weniger unterstützen sie Maßnahmen wie ein Altersverbot oder die Verbesserung der Medienkompetenz. Sie stimmen den Empfehlungen, die auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gemacht hat, zwar durchaus zu. Gleichzeitig fühlen sie sich aber mit der Umsetzung dieser Empfehlungen überfordert.
Wer psychisch belastet ist oder selbst ein Handyproblem hat, der kann ein Verbot gegenüber seinen Kindern weniger gut durchsetzen. Es kostet Kraft und Ausdauer, einem Kind das Handy am Esstisch zu verbieten.
Wie viele der befragten Eltern sahen sich davon überfordert?
Generell traf es eher auf die zu, die psychisch belastet waren. In unserem Panel hatten 15 Prozent der Eltern depressive Probleme, 23 Prozent erhöhte Angst- und knapp 24 Prozent erhöhte Stresssymptome. Das kann man nicht addieren, denn manches davon überlappt sich natürlich. Aber insgesamt fühlt sich knapp ein Drittel der Eltern überfordert davon, ein Social-Media-Verbot zu Hause im Alltag durchzuziehen.
Weltweit blickt man auf Australien, das Social-Media-Verbot dort ist eine Art Großexperiment. Der Volkswirt Christopher Roth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik und andere Wissenschaftler führen regelmäßig Befragungen unter rund 970 Jugendlichen durch. Der ernüchternde Befund: Sechs Monate nach Inkrafttreten des Verbots bestimmter Social-Media-Plattformen halten sich nur noch sechs Prozent der 14- bis 15-Jährigen daran, im April waren es noch 27 Prozent. Die Jugendlichen sagen, dass sie nur davon lassen würden, wenn etwa zwei Drittel ihrer Freunde auch komplett aussteigen würden. Wie groß schätzen Sie vor diesem Hintergrund den Einfluss der Eltern ein?
Der Einfluss der Eltern ist sehr groß, das ist klar. Ihr Einfluss ist umso größer, je jünger die Kinder sind. Aber auch bei Jugendlichen haben Eltern etwas zu sagen. Es geht ja um das tägliche Miteinander, um Familienregeln. Die legen die Eltern in der Regel fest.
Ist vonseiten der Wissenschaft also klar belegt, dass ein reines Verbot nichts bringt?
Nein, das kann man so abschließend nicht sagen, hierzu fehlen uns die notwendigen Daten. Aber die vorliegenden Einzelbefunde lassen vermuten, dass eine Altersbegrenzung wie ein Mindestalter von 13 Jahren für die Nutzung von Plattformen sinnvoll ist, aber vermutlich nicht ausreicht. Die Plattformanbieter in die Pflicht zu nehmen, ist dringend geboten, und daher macht es Sinn, Plattformanbieter künftig nachweisen zu lassen, dass ihre Dienste keine erheblichen Risiken für die psychische Gesundheit bergen. Suchtfördernde Algorithmen müssen aus den Profilen Minderjähriger entfernt werden.
Das durchzusetzen, ist – siehe Australien – schwierig.
Das stimmt. Deshalb fordern wir die Politik auch auf, nicht nur ein Verbot auszusprechen, sondern Programme zur Medienkompetenz und zur Elternaufklärung zu fördern. Aber natürlich müssen auch die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und andere Bezugspersonen mitziehen. Wir befinden uns in einer Krise, und aus der kommen wir nur raus, wenn alle rund um unsere Kinder bessere Kompetenzen in positiver Erziehung bekommen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, was falsch läuft: Wir alle sind gut darin, störendes Verhalten eines Kindes zu benennen, zu schimpfen und ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Bezugspersonen können in der Regel aber wesentlich schlechter positives Verhalten eines Kindes sehen, benennen und ihm Aufmerksamkeit schenken. „Handy weg!“ ist leicht gesagt. Aber zu bemerken, dass ein Kind von sich aus das Handy gar nicht mit zum Esstisch gebracht hat, ist schwieriger. Es ist aber total wichtig, dass Eltern dies wahrnehmen und ebenfalls mit Aufmerksamkeit belegen. Wir brauchen daher eine allgemeine Stärkung von grundlegenden Erziehungskompetenzen bei allen Bezugspersonen von Kindern.
Mit vielen kleinen Dingen. Wir entwickeln gerade beispielsweise eine App für Eltern, die helfen soll. Darin stellen wir beispielsweise die Aufgabe „Erwisch dein Kind bei drei Dingen pro Tag, die es gut gemacht hat – und lobe es dafür!“ Wertschätzung, dem Kind das Gefühl geben, dass es etwas kann, das kommt heutzutage häufig viel zu kurz.
Gibt es denn Erkenntnisse dazu, welchen Weg Kinder und Jugendliche als den erfolgversprechendsten ansehen? Viele wissen ja, dass ihnen die Plattformen nicht guttun, aber schaffen es trotzdem nicht, sie zu ignorieren …
Ich habe mit dem DZPG und meiner Kollegin Hanna Christiansen aus Marburg eine Studie durchgeführt, bei der Schüler sich selbst ein Detox-Programm überlegt haben. Die bittere Erkenntnis war: Sogar von den Schülern, die freiwillig mitgemacht haben, gelang es am Ende nur 50 Prozent, ihre Screentime zu reduzieren. Sie sagten, wenn es klappt, dann nur im Klassenverband, alleine wäre es fast unmöglich. Und das lag unter anderem nach Aussage der Kinder und Jugendlichen an etwas völlig Profanem: Sie wussten nicht, was sie stattdessen machen sollten. Ihnen war das Leben ohne Handy zu langweilig. Das ist interessant, denn darin liegt ja ein Auftrag: Kinder müssen wieder lernen zu spielen, sich zu beschäftigen.
