Wenn es um die Generationen geht, dann fangen die meisten Leute beim Aufzählen mit den Boomern an. Auf die geburtenstarke Nachkriegsgeneration folgen dann Gen X, Gen Y, Gen Z, Gen Alpha. Die Generation Beta gibt es auch schon, das sind die heutigen Babys. Die Generation vor den Boomern jedoch kommt in den Listen meist gar nicht vor. Dabei gehören in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen dazu. Wenn die im Jahr 1945 und früher Geborenen doch einmal genannt werden, dann heißen sie die „Silent Generation“.
Still allerdings geht es nicht zu am Mittagstisch im Restaurant Hugenottengarten in Friedrichsdorf, einer Stadt mit 25.000 Einwohnern im hessischen Hochtaunuskreis. Es wird geplaudert, und zwar ohne Unterlass. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob an einem Dienstagmittag im September bloß eine Handvoll Frauen und Männer zum wöchentlichen Seniorenstammtisch gekommen sind. Oder, wie am Dienstag darauf, mehr als doppelt so viele. Alle am Tisch sind Ende 80 oder Anfang 90. In den Gesprächen geht es um früher. Um heute. Und um die Zukunft.
Der Hugenottengarten bietet traditionelle Gerichte und kroatische Spezialitäten. Das Restaurant öffnet mittags um zwölf, und das ist auch die Uhrzeit, zu der der Stammtisch zusammenkommt. Ein Dutzend Personen hätte an der Tafel Platz, aber diesmal sind nur fünf da: zwei Paare und eine Witwe, die wiederum die Schwester einer der anderen beiden Frauen ist. Die übrigen fehlen – Sommergrippe, Verwandtenbesuche. Die Männer tragen Hemd, die Frauen Strick und Perlenkette oder Bluse. Das Haar ist halblang und frisiert.
Nach ein paar Minuten bringt der Wirt die Getränke: Wasser, Weißwein, ein kleines Pils. Neben den aufgestellten Servietten liegen Ausdrucke im DIN-A4-Format: das Mittagsmenü der Woche. Auch an etlichen anderen Tischen im Lokal sitzen Ältere.

Das „Früher“ braucht beim Tischgespräch viel Raum. Die Frauen und Männer sind in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Welt gekommen, und sie teilen Erfahrungen, die keine spätere Alterskohorte mehr kennen kann. Jedenfalls nicht, soweit sie in Deutschland aufgewachsen ist oder aufwächst.
Marianne Tobeck hat als Kind wie viele Deutsche in einer Adolf-Hitler-Straße gewohnt. Der Vater war Jurist, im Krieg aber vor allem Soldat – und die Mutter mit 30 Jahren dann Witwe. Klaus Tobeck, ihr Mann, war kurz vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands noch Pimpf beim Deutschen Jungvolk. „Ich bekam aber keine Uniform mehr.“ Inzwischen sind die Tobecks seit 61 Jahren verheiratet. So lange sind manche Boomer noch gar nicht auf der Welt.
Die Kindheit im Krieg bietet viel Gesprächsstoff
Hermann Fuchs war kaum zehn Jahre alt, als er mit der Familie aus der Nähe von Dresden bis nach Worms flüchtete. Zu Fuß. „Die Russen stehen bei Chemnitz“, habe der Vater gesagt, ein Maschinenbauingenieur. „Wir müssen hier weg.“ Am Mittagstisch sagt Fuchs über sich selbst und die übrige Seniorenrunde: „Wir reden oft über unsere Vergangenheit, denn die war in so mancher Hinsicht dramatisch.“ Als Junge aber habe er vieles „nicht als Not empfunden, sondern als Abenteuer“.
Die Schwestern Claudia Schmidt und Brigitte Fuchs, Töchter eines Frankfurter Rechtsanwalts und Notars, mussten im Krieg wegen der Bomben der Alliierten die Wohnung im Westend verlassen. Der Zug sei ohne Licht aus dem Hauptbahnhof gerollt, um von den Angreifern nicht gesehen zu werden, erinnern sich die beiden. So kam die Familie nach Friedrichsdorf: „Wir wurden in einem Haus an der Saalburgstraße einkaserniert.“ Der Bruder war noch ein Säugling, und sie lebten auf engem Raum, bis die Mutter ihnen beim Bürgermeister ein Häuschen organisierte.
Die Suppe kommt in Henkeltassen. Manche haben sich vorab auch für Salat entschieden. Hauptsache, dass, wer allein ist, nicht allein isst, zitiert Klaus Tobeck den Gründer des Stammtischs. Hartmut Schmidt, der Mann von Claudia Schmidt, ist vor einiger Zeit gestorben. Seine Frau legt ein Porträtfoto auf den Tisch und berichtet, dass ihr Mann eine Druckerei geleitet habe. Inzwischen gehören insgesamt drei Witwen und ein Witwer zur Gruppe. Ein Großteil des Stammtischs wohnt in Friedrichsdorf, manche kommen auch mit dem Auto aus den nahen Vordertaunus-Städten Bad Homburg und Königstein. Schon seit bald zehn Jahren treffen sie sich jede Woche zum Mittagessen. Aber die meisten kennen einander schon viel länger.
Brief an den Bürgermeister
Denn der Stammtisch-Gründer hat, viel früher schon, noch eine andere Institution ins Leben gerufen: den Tennisclub. Um 1971 sei das gewesen, ganz sicher wissen sie das Jahr nicht mehr. In Friedrichsdorf habe so ein Angebot damals noch gefehlt. Also sei Schmidt zum damaligen Bürgermeister gegangen.
Der Rathauschef als Ansprechpartner: Das sehen sie bis heute so. Als es vor einigen Monaten schien, als müsste der Hugenottengarten schließen, weil der Koch zu alt zum Kochen geworden war, hat Klaus Tobeck am Computer einen Brief an den aktuellen Bürgermeister getippt. Der frühere Banker hat ehrenamtlich viele Jahre für die CDU im Kreistag des Hochtaunuskreises gesessen. Auch eine Unterschriftenliste hatte der 91 Jahre alte Mann Ende vorigen Jahres schon beisammen für den Erhalt des Restaurants. Denn die Stadt brauche eine „für Senioren geeignete bürgerliche Küche“.

Das Thema Einsamkeit im Alter treibt Tobeck um. Für ihn kommt es dabei nicht nur auf eine Infrastruktur an, die es Senioren leicht macht, unter Leute zu gehen. Sondern er sieht auch die Eigenverantwortung der Älteren: „Man muss auch mal den Kontakt suchen und pflegen.“ Zum Glück ging es dann recht bündig weiter im Stammlokal des Stammtischs und vieler anderer Friedrichsdorfer Senioren.
Der neue Wirt und das Personal bringen den Hauptgang. Zweimal Schollenfilet, davon einmal ohne Sauce béarnaise; einmal Schweinelende, aber mit Bratkartoffeln; eine Salatplatte, obwohl die nicht auf der Menükarte steht. „Toll, dass man sich das so wünschen kann.“
Heute spielen sie nicht mehr Tennis. Auch die Fahrradtouren an der Tauber und am Main liegen eine Weile zurück, genauso die Limeswanderungen. Aktiv sind sie trotzdem. Marianne Tobeck, früher Englisch- und Französischlehrerin an einer Gesamtschule, geht zum Bridge und mit dem Cello zum Kammerensemble. Der Literaturkreis, den eine Frau im Alter von 101 Jahren leitet, hat den Roman „Lázár“ von Nelio Biedermann gelesen. Der Schweizer Schriftsteller ist Jahrgang 2003. Kürzlich war die einstige Tennis-Truppe im Romantikmuseum in Frankfurt. Manche haben auch schon Vorlesungen der Universität des dritten Lebensalters besucht.
Um Krankheiten geht es immer
Krankheiten, Kuren und Ärzte bieten viel Gesprächsstoff. Kürzlich ging es um eine Frage, die auch jüngere Generationen heiß diskutieren: „Wie viel Wein wir trinken sollten.“ Und immer wieder, sagen sie, bringe jemand die Nachricht mit: „Der und der ist wieder gestorben.“
Sie tauschen sich aus, was die Kinder für Berufe haben. Benennen, was ihnen sonst so auffällt bei den Jüngeren. Marianne Tobeck kam im Kriegsjahr 1944 in die erste Klasse. Inzwischen staunt die ehemalige Lehrerin, „was da heute für ein Theater draus gemacht wird“. Dann geht es um das Anspruchsdenken in der Gesellschaft – „eine pure Katastrophe“, wie der Chemiker Hermann Fuchs findet. Aber vielleicht, so sagt eine der Frauen, haben sie auch selbst nicht alles richtig gemacht, die Kinder „nicht richtig am Wickel gehabt“. Es ist die Generation, in der Frauen Hausfrauen waren oder aber, mangels Elternzeit, acht Wochen nach der Geburt eines Kindes wieder in den Beruf zurückgekehrt sind.
Austausch über Literatur und Politik
Auch die Zukunft spielt eine zentrale Rolle am Stammtisch. Nicht nur, dass Fotos von Urenkeln herumgezeigt werden. Dass jemand mit Blick auf den neuen Wirt im Hugenottengarten scherzt: „Der macht das hier noch viel länger, als wir kommen können.“ Sondern eben auch, wie es weitergehen wird mit allem.
So kommt die „schreckliche Entwicklung in der Welt“ zur Sprache. Es geht um die Despoten Putin, Trump und Erdoğan. Und darum, „dass die demokratische Ordnung am Zerfallen ist“. Auch mit Blick auf die AfD sagt Hermann Fuchs, das erscheine besonders dramatisch, „wenn man eine Vergangenheit hat wie wir“. Er meint damit offensichtlich jenen Teil der deutschen Geschichte, an den nur seine Generation noch Kindheitserinnerungen hat. Auch „das Vorlaute in der Bevölkerung“ beklagt der Mann Jahrgang 1934. Dafür habe er ein „ganz primitives Wort“. Es lautet „Klugscheißerei“. Die Senioren lesen die Printausgabe der F.A.Z. und tauschen sich über Literatur und Sachtitel aus. Aber, so jedenfalls die Beobachtung, „nach Bildung fragt heute keiner mehr“.
Auch dass Meinungen so schnell geäußert würden, stört die Senioren. „Jeder glaubt, er muss was zu sagen haben.“ Die wenigen, die bei Whatsapp sind, finden es furchtbar, was da in den Chatgruppen oft für Nachrichten ausgetauscht werden. Eine der Frauen meint: „Über Themen, die uns interessieren, können wir uns mit den Enkeln kaum unterhalten.“ Ob die Enkel das anders sehen? Miteinander falle ihnen aber immer ein Gesprächsthema ein, auch als Paar nach Jahrzehnten der Ehe. Zum Beispiel Historisches. Und das Kinoprogramm.
Eine Woche später ist die Runde größer. Auf der Tageskarte stehen Krautwickel, Schnitzel Wiener Art, Fischfilet und Penne mit Sahnesoße und Hähnchenbrust. Hauptthema: die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Als Ärger der Woche bezeichnet es eine Frau, dass die CDU aus dem Landtag geflogen ist. Eine andere sagt: „Und die FDP gibt’s gar nicht mehr.“ Ein Mann empört sich über den Wahlsieg der Linken in Berlin, die Enteignungspolitik. Die Krisenstimmung nehmen sie deutlich wahr.
Die Grundstimmung ist dennoch optimistisch. Ein Mann weist darauf hin, dass der Dax trotz der vielen negativen Nachrichten doch relativ stabil bleibe. Eine Seniorin ist am Morgen von ihrer Haushaltshilfe gefragt worden, wie man sich am besten auf den Krieg vorbereite. „Wir lassen den Krieg erst einmal kommen“, habe sie geantwortet. Über Menschen, die sich Bunker bauen, schüttelt die Silent Generation den Kopf, jedenfalls in Friedrichsdorf. „Wenn man so viel darüber redet, dann redet man es herbei.“ Der frühere Banker und Kreistagsabgeordnete sagt: „Wir sind dankbar, dass wir in diesem Land leben.“
