Es ist ein mit Spannung erwarteter Showdown mit zwei der prominentesten Vertreter der Technologiebranche: Im kalifornischen Oakland beginnt ein Prozess, der sich um eine Klage von Elon Musk gegen Open AI dreht, den Entwickler des mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeitenden Programms ChatGPT. Die Klage richtet sich auch direkt gegen Sam Altman, den Vorstandschef von Open AI, und es wird damit gerechnet, dass Musk und Altman vor Gericht als Zeugen auftreten werden.
Musk wirft Altman unter anderem Vertragsbruch vor, und sollte er sich in dem Rechtsstreit durchsetzen, könnte dies für Open AI gravierende Konsequenzen haben. Musk hat Schadenersatz von mehr als 100 Milliarden Dollar gefordert, außerdem verlangt er, dass Altman seine Positionen bei Open AI aufgeben muss. Open AI weist Musks Vorwürfe kategorisch zurück und beschreibt die Klage als „Belästigungskampagne“, mit der er versuche, einem Wettbewerber zu schaden.
„Altruismus gegen Gier“
Der Prozess sollte am Montag mit der Auswahl der Geschworenen beginnen, für den Dienstag sind die Eröffnungsvorträge angesetzt. Das Gerichtsverfahren unterstreicht, wie erbittert die Rivalität zwischen den einstigen Weggefährten Musk und Altman geworden ist. Musk hat die Klage 2024 eingereicht und darin argumentiert, Open AI habe seine ursprüngliche Mission, KI zum Nutzen der Menschheit zu entwickeln, kommerziellen Interessen untergeordnet. Musk gehörte 2015 ebenso wie Altman zu den Mitgründern von Open AI, hatte das Unternehmen aber 2018 im Streit verlassen.
Dank der Einführung von ChatGPT 2022 ist Open AI seither zu einem der wichtigsten KI-Spezialisten geworden. Musk hat 2023 den Konkurrenten X.AI gegründet, vor wenigen Monaten hat er ihn mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX verschmolzen. Neben Altman zielt die Klage auch auf Greg Brockman, der ebenfalls unter den Mitgründern war und bis heute als Präsident zur obersten Führungsriege gehört.
Musk hat in seiner Klage dramatische Töne angeschlagen. Er hat sie als Paradebeispiel für „Altruismus gegen Gier“ beschrieben. Altman habe Musk „beharrlich manipuliert“, um ihn dazu zu bringen, Open AI finanziell zu unterstützen. Er habe Musks „humanitäre Bedenken“ rund um etwaige Gefahren von KI ausgenutzt. „Die Niedertracht und Täuschung sind von shakespeareschem Ausmaß.“ Musk sagt, ohne seine Anschubhilfe hätte es Open AI nicht gegeben.
Open AI bereitet Börsengang vor
Musk stützt seine Vorwürfe im Wesentlichen darauf, wie Open AI im Laufe der Jahre seine Struktur verändert hat. Das Unternehmen wurde zunächst als nicht gewinnorientierte Organisation gegründet. Nicht zuletzt wegen des hohen Kapitalbedarfs im Geschäft mit KI wurde 2019 zusätzlich ein Unternehmen mit Gewinnabsicht ins Leben gerufen, das allerdings weiterhin der ursprünglichen Gesellschaft und deren Mission unterstellt ist. Kurz danach stieg der Softwarekonzern Microsoft mit einer Milliardeninvestition bei Open AI ein. Im vergangenen Jahr wurde die Struktur nochmals angepasst. Zwar spielt die nicht gewinnorientierte Organisation noch immer eine große Rolle, aber Open AI ähnelt nun stärker einem traditionellen Unternehmen. Der ChatGPT-Entwickler bereitet auch gerade seinen Börsengang vor.

Open AI beschreibt Musks Kritik an der Unternehmensstruktur als vorgeschoben. Auch Musk habe schon 2017 gesagt, Open AI brauche eine gewinnorientierte Einheit. Allerdings habe er dann versucht, die Kontrolle über das Unternehmen an sich zu reißen, und er habe es sogar mit dem von ihm geführten Autohersteller Tesla verschmelzen wollen.
Der Rechtsstreit enthielt ursprünglich mehr als ein Dutzend mögliche Ansprüche. Davon sind zwei übrig geblieben, wegen Vertragsbruch sowie aus ungerechtfertigter Bereicherung. Die zuständige Richterin Yvonne Gonzalez Rogers hat erst in der vergangenen Woche entschieden, Betrug als Klagepunkt fallen zu lassen.
Prozess allein ist ein Erfolg für Musk
Musks Forderungen in dem Rechtsstreit sind weitreichend. Er verlangt eine Rückzahlung „unrechtmäßiger Gewinne“ an die nicht gewinnorientierte Gesellschaft von Open AI. Dieser Betrag wurde von einem von ihm herangezogenen Fachmann auf 134 Milliarden Dollar beziffert. Musk will auch den Rücktritt von Altman und von Brockman erzwingen. Zudem fordert er, die jüngste Änderung der Unternehmensstruktur von Open AI rückgängig zu machen.
Dass Musk sich in all diesen Punkten durchsetzt, gilt als unwahrscheinlich. Aber allein die Tatsache, dass der Fall nun in einem öffentlichen Gerichtsprozess verhandelt wird, wird in der Branche schon als Erfolg für ihn gewertet. Dass es noch zu einer außergerichtlichen Einigung kommt, gilt als eher unwahrscheinlich. Beide Seiten haben sich in den vergangenen Monaten unversöhnlich gezeigt.
Musk hat unlängst auf seiner Plattform X geschrieben, er könne den Prozess kaum erwarten. Altman hat gesagt, er freue sich auf Musks Aussage vor Gericht unter Eid, das sei wie „Weihnachten im April“.
Neben Musk und Altman werden noch einige andere prominente Zeugen im Gericht erwartet, darunter Satya Nadella, der Vorstandschef von Microsoft. Mit Spannung dürfte auch die Aussage von Shivon Zilis verfolgt werden, die zu beiden Parteien Verbindungen hat. Sie war von 2020 bis 2023 im Verwaltungsrat von Open AI, und sie hat auch vier Kinder mit Musk. Im Zuge des Rechtsstreits sind Handy-Nachrichten aufgetaucht, die unterstellen, Zilis habe interne Informationen von Open AI an Musk weitergegeben. Altman hat sie „Elon-Flüsterin“ genannt.
Auch ein Austausch zwischen Altman und Musk aus dem Jahr 2023 wurde im Vorfeld des Prozesses publik. „Du bist mein Held“, schrieb Altman darin und fügte hinzu, ohne Musk hätte es Open AI wohl nicht gegeben. Aber es tue sehr weh, wenn Musk Open AI öffentlich attackiere. Musk antwortete: „Es ist bestimmt nicht meine Absicht, verletzend zu sein, und ich entschuldige mich dafür. Aber das Schicksal der Zivilisation steht auf dem Spiel.“
