Es gibt nicht wenige ehemalige Schüler, die ihren Start in Eton als Schock erlebten. Prinz Harry kam das burgähnliche Gebäude wie ein ehrwürdiger Tempel vor, in dem sich der Besucher wie ein demütiger Pilger fühlte. Der Schriftsteller Musa Okwonga sah darin die Architektur geborener Führungspersönlichkeiten. Allein 18 britische Premierminister wurden in Eton ausgebildet. „Als exklusivste Jungenschule der Welt sollte Eton ein Schock sein“, schreibt Harry in seiner Biographie „Spare“ und ergänzt: „Für brillante Jungen war Eton der Himmel, für einen weniger brillanten konnte es nur die Vorhölle sein.“
Am 8. September wird ein künftiger König durch das große Tor von Eton treten, das den Besucher wie ein schwarzer Schlund empfängt. Prinz George Alexander Louis of Wales, 13 Jahre alt und Zweiter der britischen Thronfolge, wechselt an diesem Tag von der beschaulichen Lambrook School in das wenige Kilometer entfernte Eton College, das schon sein Vater besucht hatte.
Gegründet wurde die Schule 1440 von einem Ahnherrn der Windsors: Henry VI. von England. Ein glückloser König, der als willensschwach galt und unter Wahnvorstellungen litt. Dafür hatte er offenbar ein gutes Herz, denn er gründete das Eton College in Windsor als Wohltätigkeitsschule, um Kindern aus armen Familien eine kostenlose Bildung zu ermöglichen.
Das Schulgeld beträgt jährlich 73.000 Euro
Knapp 600 Jahre später ist davon so gut wie nichts mehr übrig. Das Schulgeld beträgt jährlich 73.000 Euro, nicht wenige der 1300 Schüler stammen aus den reichsten Familien Großbritanniens. Zwei davon waren die Premierminister David Cameron und Boris Johnson, später maßgeblich für den Brexit verantwortlich, die das Image verfestigten, Eton College sei ein Sammelbecken für verwöhnte Kids aus der Upperclass, die in der Lage sind, als Erwachsene schon mal ein ganzes Land an die Wand zu fahren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Deshalb hatte lange Zeit einen besonders schlechten Ruf, wer die Schule besucht hatte. Der Schauspieler Dominic West, ehemaliger Eton-Schüler, nannte es ein Stigma, das in der medialen „Galerie der Schande“ nur knapp über dem des „Pädophilen“ rangiere.
Eton-Schüler galten lange als besonders elitär, bestätigt Ferdinand Steinbeis, Geschäftsführer der „Von Bülow Education“, einer auf britische Internate spezialisierten Vermittlungsagentur. Natürlich sei es noch immer so, dass Familien, die ihre Kinder nach Eton schickten, Wert auf ein prestigeträchtiges, traditionelles Internat legen, in dem ein hoher Anspruch herrscht, sagt Steinbeis. „Und natürlich werden hier Netzwerke gebildet; deshalb kommen automatisch viele Kinder aus der gehobenen Gesellschaft.“ Aber es sei nicht ganz fair, die Schule darauf zu reduzieren. Mittlerweile tue Eton eine ganze Menge dafür, den Jungs ein Gefühl der Verantwortung mitzugeben: „Ich glaube, dass die Schule sehr viel aus diesem Kapitel gelernt hat.“
Ein normales Internat ist das Eton College dennoch nicht. Der Schulalltag basiert auf teils skurrilen, teils besonders strengen Regeln. Alle Schüler der reinen Jungenschule müssen im Unterricht einen Gehrock tragen, dazu ein weißes Hemd mit Weste und Krawattenhalstuch. Die Heimreise am Wochenende ist für die Schüler nicht erlaubt, Tagesschüler gibt es nicht. Für den ersten Jahrgang gilt ein striktes Smartphone-Verbot. Stattdessen erhalten die neuen Schüler sogenannte Brick Phones – einfache Handys ohne Internetzugang.
Unpünktlichkeit wird in Eton strikt geahndet. Wer zu spät zum Unterricht kommt, muss am nächsten Tag früh aufstehen und sich im Schulsekretariat in das „Verspätungsbuch“ eintragen. Bei einem schwerwiegenderen Verstoß drohen „Lines“ – 100 Hexameter lateinischer Dichtung, die von Hand abgeschrieben werden müssen. Selbst die Fehler, die man machte, hätten etwas Episches gehabt, schreibt Musa Okwonga in seinem Buch „One of Them“ über die Zeit in Eton. Die Bestrafungsmaßnahmen hätten einem das Gefühl gegeben, „dass alles, was du machst, wichtig ist“.
Schamlosigkeit – die Superkraft der Upperclass
Es gibt viele Ehemalige, „Old Etonians“ genannt, die ein ambivalentes Verhältnis zu der Schule ihrer Kindheit haben, nicht nur Prinz Harry, der in seiner Biographie die tägliche Tortur beschreibt, sich morgens in Frack und Hemd zu zwängen. Okwonga, der in den Neunzigerjahren als einer der wenigen schwarzen Schüler mit einem Teilstipendium Eton besuchte, erinnert sich an die „lads“ – außergewöhnlich selbstbewusste Schüler, denen keiner etwas anhaben konnte und für die Konventionen keine Rolle spielten. Manche von ihnen zeichneten sich durch besondere Schamlosigkeit aus, für Okwonga „die Superkraft der Upper class“, die sie zwar nicht in Eton gelernt, aber dort perfektioniert hätten.
Andererseits schwärmt der Schriftsteller von seinen Lehrern, die ihn für sein Leben geprägt hätten. Lehrer, die enorm gebildet waren, ihre Schüler motivierten und ihnen Werte wie Bescheidenheit vermittelten. Auch Steinbeis hebt hervor, dass die Lehrer und Betreuer in Eton moderne Pädagogen seien: „Es ist keine Schule, die in der Vergangenheit stecken geblieben ist, sondern eine sehr moderne Schule.“

Nach wie vor aber herrscht ein hoher Leistungsdruck in akademischen, aber auch künstlerischen und sportlichen Disziplinen. Die Aufnahmeprüfung gilt als überaus hart, auf einen Platz gibt es im Durchschnitt zehn Bewerber. Schüler, die Besonderes geleistet haben, werden öffentlich hervorgehoben. Allerdings, schreibt Okwonga, werde sichtbare Anstrengung verspottet. „Die Kunst besteht darin, etwas zu erreichen, ohne dass es erzwungen wirkt.“ Der Druck ist enorm, dafür gehen fast alle Absolventen nach dem Ende ihrer Schullaufbahn auf renommierte Universitäten und sind später im Leben, auch dank des Netzwerks, überdurchschnittlich erfolgreich.
Für Prinz George als künftigem König ist der Weg vorgeschrieben. Sein Vater, Kronprinz William, war im gleichen Alter, als er am 6. September 1995 in einem viel zu großen Anzug, begleitet von seinen Eltern und einer Heerschar von Fotografen, in Eton ankam und unsicher in die Kameras lächelte. Er wurde ein guter Schüler, der nicht weiter auffiel und jeden Sonntag zu Fuß über die Brücke zur anderen Seite der Themse lief, um mit seinen Großeltern im Oak Room von Windsor Castle zu Mittag zu essen. Anschließend lehrte ihn Königin Elisabeth unter vier Augen, wie die „Firma“ zu führen sei.
Prinz George ist der dritte Royal in Eton. Sein Großvater Charles und dessen Geschwister gingen auf das schottische Internat Gordonstoun, in den Generationen vorher war es üblich, dass Mitglieder des Königshauses von Privatlehrern unterrichtet wurden. Für Eton könnte es ein Imagegewinn sein, dass jetzt wieder ein Windsor die Schulbank drückt.
Offensichtliche Privilegien genießt er dennoch nicht. Allerdings ist sein Onkel Harry ein Beispiel dafür, dass für Royals nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Als Harry beim Rauchen von Cannabis erwischt wurde, gab es großen Aufruhr. Aber im Gegensatz zu vielen Schülern vor ihm flog der „Duke of Hazard“, wie Palastangestellte ihn wegen seines risikoaffinen Verhaltens nannten, nicht vom Internat.
