Die Schriftstellerin Elif Batuman, die als Tochter türkischer Eltern in den USA aufwuchs, wurde mit ihren Romanen „Die Idiotin“ und „Entweder/Oder“ bekannt. Beide handeln von Selin, einer jungen, sehr belesenen Studentin in Harvard, die biographische Details mit Batuman teilt. Seit einiger Zeit schreibt Batuman, die auch als Journalistin für den „New Yorker“ arbeitet, auf der Plattform Substack außerdem einen teils sehr nerdigen Newsletter über Schreiben, Literatur und Beobachtungen, die sie im Alltag macht. Wir treffen uns in Berlin, wo Batuman Fellow des DAAD-Programms ist.
Frau Batuman, Sie sind Schriftstellerin und Journalistin. Früher erschienen Ihre Texte meist im „New Yorker“, jetzt schreiben Sie regelmäßig auf der Plattform Substack. Warum haben Sie damit angefangen?
Es macht Spaß, für den „New Yorker“ zu schreiben, und es ist ein Privileg, aber es dauert sehr lange. Sehr viele Leute müssen es lesen, und es braucht immer einen Anlass. Man kann nicht einfach schreiben, worüber man gerade nachdenkt. Ich wurde gefragt, ob ich für Substack schreiben möchte, als sie dort Autoren gesucht haben. Ich hatte nicht vor, damit Geld zu verdienen, besonders weil viele meiner Leser Studierende sind. Aber Substack wollte, dass ich Geld verlange. Und ich habe gemerkt, dass das ein zuverlässiger Nebenverdienst ist. Ich brauche sehr lang, um ein Buch zu schreiben, deshalb waren meine anderen Einkommensquellen immer der Journalismus oder das Unterrichten. Ich mag beides. Aber dafür braucht man Zeit, und Substack kann ich nutzen, wann es mir passt.
Leser können auf Substack auch kommentieren. Ziehen Sie aus diesen Kommentaren etwas für Ihr eigenes Schreiben?
Auf jeden Fall. Das ist etwas, was ich sehr vermisst habe, als es mit Twitter den Bach runterging. Ich fand Twitter toll. Seit ich angefangen habe zu schreiben, gab es immer Spannungen mit Verlegern oder Leuten, die angeblich den Geschmack der Öffentlichkeit kennen: Was Menschen verstehen und was sie nicht verstehen, was zu esoterisch, zu akademisch, zu sonst was ist. Was ich aufregend an Twitter fand, war, dass man da einen Witz machen und sofort sehen konnte, wie und worauf die Leute reagieren. Auf Substack ist es wieder so, dass manche Posts sehr erfolgreich sind und manche nicht. Daraus kann man viel lernen.
Lenken Sie diese Statistiken nicht auch ab? Zu wissen, was gelesen wird?
Ich glaube, es ist nichts falsch daran, etwas zu schreiben, von dem man glaubt, dass es andere interessiert. Ich finde, es ist ein Problem zu denken, dass etwas, nur weil es populär ist, auch dumm ist. Auf der anderen Seite habe ich im College mal einen Rat von einer Dozentin bekommen, die mir zufällig zugewiesen wurde. Ich schrieb über russische Sachen, sie mochte Russland aber gar nicht, sie war aus Polen. Sie sagte zu mir: Du schreibst für jemanden, von dem du denkst, er würde sich nicht für deine Sachen interessieren. Aber du bist nicht vom Mars, wenn es dich interessiert, geht es auch anderen so. Du musst ihnen nur zeigen, dass sie interessiert sind.
Das passt zu dem Aspekt des Gatekeepings, den Sie angesprochen haben: dass schon im Vorhinein bestimmte Dinge ausgeschlossen werden, weil man glaubt, dass sie nicht funktionieren. Ich habe das Gefühl, dass sich nicht nur Ihre Texte auf Substack oft mit nischigen Themen beschäftigen. Sind Sie manchmal überrascht, was Leute mögen?
Ja. Meine Schreibkarriere bestand in gewisser Weise darin, sehr nischige Dinge einem größeren Publikum näherzubringen. Ich glaube, das hat viel mit dem Internet zu tun. Mein erstes Buch sollte eine Neuerzählung von Dostojewskis „Die Dämonen“ sein und in einem Doktorandenprogramm für vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford spielen. Man sagte mir, so etwas sei unverkäuflich, die Leute wollten kein ganzes Buch über depressive Doktoranden lesen. Ein Sachbuch sei besser, dann könne ich viele russische Romane auf lustige, coole Art für Leute zusammenfassen, die keine Zeit haben, die Romane zu lesen, aber gern darüber auf Cocktailpartys reden wollen. „Die Besessenen“, ein Buch über russische Literatur, kam 2010 raus. Was ich mit Substack und auch mit „Die Besessenen“ verstanden habe, ist, dass es da nicht um riesige Zahlen geht. Das Buch hatte nicht Millionen Leser, aber mehr, als man damals dachte. Das war genug.
Es gibt ja auch die These, dass das Internet die Lesekultur zerstört, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Leute schrumpft. Sie behaupten also das Gegenteil?
Ich glaube, die Leute lesen viel mehr als früher. Sie lesen unterschiedliche Dinge, es gibt nicht mehr den Kanon wie früher, was gut ist, aber auch viele Nachteile hat, weil man nicht mehr dieses gemeinsame Gespräch hat, bei dem alle dieselben Bücher gelesen haben. Das vermisse ich ein bisschen.
Sie schreiben auf Substack oft recht voraussetzungsreich über Literatur. Wissen Sie, wer Ihre Leser sind?
Viele Studierende, aber nicht nur. Junge Schriftsteller, viele sehr junge Leute, die noch in der Schule oder auf dem College sind, Doktoranden. Aber auch Leute, die eher im Alter meiner Eltern sind, vielleicht schon in Rente, und immer schon mehr mit Literatur zu tun haben wollten.
Entsteht so auch eine Debatte über Literatur?

Ich weiß nicht. Manchmal erwähnen Leute Dinge, von denen ich noch nie gehört hab. Ich kriege sehr interessante Lesetipps, manchmal auch akademische Aufsätze. Einmal habe ich etwas über den japanischen Roman in der Meiji-Zeit geschrieben und dann einen sehr spezifischen Aufsatz dazu geschickt bekommen. Ich finde das ermutigend und horizonterweiternd, viel mehr als Debatten. Es fühlt sich gerade an, als gebe es so viele Debatten, die keine richtigen Debatten sind, weil die Leute nur ihren Standpunkt verteidigen. Ich versuche eher Dinge zu finden, auf die Leute sich einigen können, und das ist tatsächlich einiges.
Substack wird manchmal als Alternative zu den etablierten Medien gesehen. Haben Sie das Gefühl, Sie können hier Dinge schreiben, die in anderen Medien keinen Platz haben?
Ich glaube schon. Historisch gesehen hat das vielleicht mit den Druckkosten zu tun, man konnte nicht etwas von jemandem drucken, der noch im Denkprozess ist. Dabei funktioniert Denken nun einmal so. Und ich lese so was gern. Ich brenne für Verwirrung und für die Suche. Deshalb mag ich Tolstoi, weil es in seinen Romanen eine etwas aufgeräumtere Version dessen gibt. Figuren, die sich am Ende selbst widersprechen, oder das, von dem sie denken, dass es passiert, passiert nicht, und das ist dann das Ende. Das hat in Zeitungen und Magazinen nicht funktioniert. Aber mit dem Internet könnte es so sein.
Es geht aber auch um politische Fragen. Manche sagen, man könne auf Substack Dinge sagen, die man in den etablierten Medien nicht sagen kann.
Ich fühle mich ein bisschen lockerer auf Substack. Wenn etwas hinter der Paywall ist, werden das vielleicht 1000 Leute lesen. Und man kann es nicht googeln. Ich habe das Gefühl, ich kann Dinge nuancierter ausdrücken, und ich kann über Dinge sprechen, in die ich nicht verwickelt sein wollte, wenn es eine Publikation wäre, die Tausende Leute lesen.
Wie entscheiden Sie, was sich für Substack und was für den „New Yorker“ eignet?
Ich wollte unbedingt mit Sayaka Murata [einer japanischen Schriftstellerin] sprechen, und ich glaube, es wäre nicht sehr reizvoll für sie gewesen, in meinem Substack vorzukommen. Ähnlich ist es bei Positionen, von denen ich denke, sie sollten in der Öffentlichkeit mehr Gehör bekommen. Für den „New Yorker“ habe ich über die Neubewertung der russischen Literatur nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine geschrieben. Da war ich sehr frustriert über die mediale Berichterstattung. Sollten alle russischen Bücher gecancelt werden, oder hat Literatur nichts mit Politik zu tun? Ich glaube, niemand, der sich wirklich für Bücher interessiert, denkt so. Aber viele Leute glaubten, sie müssten sich für eine der beiden Seiten entscheiden.
Der Ukrainekrieg war ein großer Einschnitt in Ihrer künstlerischen Arbeit, die MeToo-Bewegung auch. Gab es andere, ähnliche Momente?
Wie für viele privilegierte Amerikaner haben sich 2016 viele Dinge für mich verändert. Ich war sehr überrascht, dass Trump gewonnen hat, und ich habe mich geschämt, dass ich überrascht war, denn viele Leute waren es nicht. Und ich fragte mich: Warum habe ich Literatur studiert? Was, wenn ich mich dadurch entpolitisiert habe? Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, bin ich verwirrt. Es gibt zwei Bedeutungen des Wortes Politik. Eine bezieht sich auf Parteien, Wahlen und Regierungen, die andere auf das, was die Feministinnen der zweiten Generation sagten: Das Private ist politisch. Inzwischen bin ich zurück bei der Idee, dass es Menschen auf beiden Seiten gibt. Ich glaube, das ist wichtig. Aber kurz war da diese Horrorvorstellung, dass ich, indem ich mich von der politischen Sphäre zurückgezogen habe und dachte, dass die Dinge nichts mit mir zu tun haben und sich schon von allein lösen würden, dabei geholfen habe, Menschen wie Trump oder Erdoğan den Weg zu ebnen.
Aber jetzt sehen Sie das anders?
Ich war sehr begeistert von der Wokeness-Bewegung in den USA. Als ich aufwuchs, kam viel von der Grausamkeit und Dummheit im öffentlichen Diskurs von rechts. Jetzt sehe ich es von beiden Seiten. Und es von links zu sehen, brachte mich auf den Gedanken: Es reicht nicht, die richtige Meinung zu haben. Man sieht Leute, die wegen linker Dogmen hinter anderen her sind, sie verletzen und ihnen das Gefühl geben, sich schämen zu müssen. Das hat mich daran erinnert, warum ich die Regierungsseite von Politik immer unattraktiv fand. Die Art von Politik, die mich anspricht, ist die, die in Romanen stattfindet. Ich vermute, in der Vergangenheit hätte ich gesagt, dass Romane nicht politisch sind, nicht politisch sein sollten. Aber das glaube ich nicht mehr.
Die MeToo-Bewegung ist nun schon wieder einige Zeit her. Hat sie wirklich so viel verändert, wie man dachte?
In der Darstellung von Frauen und Mobbing hat sich wirklich etwas geändert, manche Dinge erscheinen uns heute völlig absurd. Allerdings ging es teilweise auch um die Freude, mächtige Männer zu entthronen, das war langfristig nicht hilfreich. Mein erster Verleger etwa wurde „metoot“, und wenn ich jetzt zurückschaue, denke ich: Sein Verhalten war nicht angemessen, jemand musste ihm sagen, dass das aufhören muss. Aber ich glaube nicht, dass er seinen Job verlieren musste, um für den Rest seines Lebens als freischaffender Übersetzer zu arbeiten.
Sie haben einmal gesagt, MeToo habe Ihr Schreiben und Ihren zweiten Roman maßgeblich beeinflusst. Wäre er heute ein anderer?
Jedes Buch ist ein Zusammenspiel aus der Handlung und der Zeit, in der es geschrieben wurde. Ich wollte keine Fortsetzung zu meinem ersten Roman „Die Idiotin“ schreiben, aber als ich das Buch während der MeToo-Bewegung vorstellte, erzählten viele Frauen die Geschichte ihrer frühen Sexualität neu, und ich hatte den Eindruck, dass ich das auch machen muss. Als ich aufwuchs, dachte ich, Romane und Politik seien komplett getrennt voneinander, Feminismus sei lahm und Frauen müssten einfach nur härter arbeiten, besser als Männer werden und dann werde schon alles gut. Heute erscheint mir das als totaler Quatsch. Warum hab ich das jemals gedacht, obwohl ich ja nicht dümmer war als heute?
In Ihrem Newsletter schreiben Sie auch oft über Beobachtungen. Einmal ging es darum, wie viele Dackel Sie in Italien gesehen haben …
Nun sind Sie seit einiger Zeit in Berlin. Gibt es etwas, was Ihnen hier aufgefallen ist?
Ich war überrascht, wie viele türkische Sachen es hier gibt. Und dann haben meine Frau und ich bemerkt, dass man sich auf der Straße anders anschaut. In New York kann man mit niemandem Augenkontakt aufbauen, hier ist das schon so. Und es gibt ein anderes Verhältnis zu belanglosem Smalltalk. Manchmal sage ich irgendwas sehr Dummes, nur um Konversation zu betreiben, und mein Gegenüber sagt: „Oh, glaubst du das wirklich? Interessant, das war mir noch gar nicht aufgefallen.“ Und dann muss man sagen, nein, natürlich glaube ich das nicht wirklich. Oh, und dann gibt es noch etwas: In einem Post über Berlin habe ich geschrieben, dass es hier sehr viele Mülleimer in Form von Eis in der Waffel gibt. So viele habe ich noch nie gesehen.
