
Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) warnt, dass das Wetterphänomen „El Niño“ besonders in Südost- und Südasien die Volkswirtschaften treffen und die politische Stabilität einzelner Nationen beeinträchtigen könnte. Das Extremwetter über dem Pazifischen Ozean, das alle zwei bis sieben Jahre das Meerwasser ungewöhnlich stark erwärmt und dadurch zu starken Regenfällen in Südamerika und extremer Hitze und Trockenheit in Asien führt, sei „kein Klimaproblem mehr, sondern ein Wirtschaftsproblem“, teilte die Bank bei der Präsentation des Jahresausblicks am Mittwoch mit.
Laut Klimaforschern könnte sich der diesjährige El Niño gegen Ende des Jahres als so stark wie nie herausstellen und das Meerwasser noch mehr erwärmen als in früheren Zeiten. Das könnte der ADB zufolge zu lange anhaltenden Dürren und Ernteausfällen führen, die bis weit ins kommende Jahr hinein die Inflation steigen lassen, die wiederum eine Senkung der Leitzinsen verhindern, das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen und die Staatshaushalte in Bedrängnis bringen könnte.
Für die Entwicklungsländer im asiatisch-pazifischen Raum insgesamt schätzt die ADB das Wachstum für das laufende Jahr auf 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, womit die Wirtschaft um einen halben Prozentpunkt weniger an Größe zugelegt hätte als noch 2025. Für das kommende Jahr sagt die ADB ein Wirtschaftswachstum von 5,1 Prozent für die Region voraus.
Turbulenzen auf dem Energiemarkt
Allerdings machten die Ökonomen der Bank klar, dass die Entwicklung in Asien dabei höchst unterschiedlich verlaufen und die Kluft zwischen den mehr und den weniger entwickelten Nationen weiter vertiefen könnte. So hätten Länder wie Malaysia, Singapur und Vietnam die Folgen der durch den Irankrieg ausgelösten Energiekrise besser weggesteckt als andere, weil die dortige Hightech-Industrie von der hohen Nachfrage nach Chips und anderer Infrastruktur für Künstliche Intelligenz profitiert habe.
Zwar gibt es auch auf den Philippinen eine Halbleiterherstellung. Doch weil das Land wie andere Nationen in Südostasien fast sein gesamtes Öl importieren und nun zu hohen Preisen auf dem Weltmarkt nach Ersatz suchen muss, ist es trotz einer Wachstumprognose von fünf Prozent dem ADB-Bericht nach viel stärker dem Risiko einer wirtschaftlichen Krise ausgesetzt. Das liegt vor allem auch am sogenannten „Super-El-Niño“, der für Dürren und Ernteausfälle sorgt und laut den Ökonomen stark von Landwirtschaft geprägte Länder wie den philippinischen Archipel oder auch die 280 Millionen Einwohner große Inselnation Indonesien heftig treffen könnte.
Zwar hat die ADB ihre Prognose für die Inflation in der Region leicht auf 4,2 Prozent gesenkt, weil Länder wie Indonesien das Benzin an den Tankstellen und den Strom stark subventionieren. Doch die staatlichen Ausgaben sehen die Ökonomen kritisch, weil diese den etwa in Indonesien ohnehin äußerst knappen Haushalt der Regierung weiter einengen und dem Staat damit Spielraum nehmen, die Konjunktur anzukurbeln. Tatsächlich steht Indonesien wegen seiner hohen Staatsausgaben bereits jetzt auf den internationalen Finanzmärkten gehörig unter Druck. Mehrere Ratingagenturen haben angekündigt, die Bonität des Landes zu überprüfen und möglicherweise herabzustufen. Das würde dazu führen, dass es für Indonesien teurer werden würde, im Ausland Schulden aufzunehmen, was den Spielraum der Regierung weiter einschränken würde.
Führte lange extreme Trockenheit durch das Phänomen El Niño dazu, dass die Ernten Anfang des kommenden Jahres schlechter als erwartet ausfallen und weniger Strom produziert werden kann, weil es den Wasserkraftwerken an Wasser mangelt, dürften in Ländern wie den Philippinen, aber auch Vietnam nicht nur der Reisanbau, die Viehzucht und die Fischerei leiden, sondern auch die Industrie. Zusammen mit den Turbulenzen auf dem Energiemarkt „könnten sich die beiden Schocks gegenseitig verstärken und die Volkswirtschaften in der gesamten Region vor erhebliche Herausforderungen stellen“, schreibt die ADB.
Auch die Deutsche Bank hat in einer Studie vor diesem „doppelten“ Angebotsschock gewarnt: Weil in einem solchen Fall Lebensmittel und Energie knapper und teurer würden, könnten sich auch in anderen Teilen der Welt die Preise erhöhen und die Lieferketten gestört werden. ADB-Chefökonom Albert Park zufolge werden sich die ärgsten Folgen erst im kommenden Jahr zeigen.
