Er liebt es, das Spiel vor sich zu haben. Es von hinten aufzubauen, mit klugen Pässen zu eröffnen, seine Mitspieler zu dirigieren, das Feld zu überblicken. „Das Spiel mit dem Fuß“ sieht er als seine größte Stärke an. Dabei darf er auch die Hände benutzen. Auch das mag er natürlich: „Bälle halten“.
Marlon Franzen ist Torwart. Mit Leidenschaft. Und auf recht hohem Niveau: Franzen spielt in der U19 von Eintracht Frankfurt. Der Verein ist zu seiner zweiten Heimat geworden. „Ich bin schon mein halbes Leben lang bei der Eintracht“, sagt der Teenager. Mit neun Jahren kam er nach Frankfurt, Anfang Oktober wird er 18.
Schon sein Opa war Torwart, spielte immerhin in der dritten italienischen Liga, ehe er aus beruflichen Gründen nach Deutschland kam. Und auch sein kleiner Bruder Henri ist Torwart – in der U17 bei der SG Orlen im Untertaunus. Als Marlon mit seinen Eltern zum ersten Wechselgespräch im Sommer 2018 zur Eintracht kam, war auch der kleine Henri voller Stolz dabei – und trug Torwarthandschuhe.
„Es war schon immer mein Traum, Fußball-Profi zu werden“
Die Franzens wohnen in Idstein – gut 50 Kilometer vom Riederwald entfernt, wo die Eintracht ihre Trainingsplätze unterhält. Zu nah, um ins Internat der Eintracht aufgenommen zu werden. Ziemlich weit, wenn man fast jeden Tag hin- und herpendeln muss – aber nah genug, um es anzugehen.
Am Anfang haben ihn seine Eltern kutschiert, später gab es einen Hol- und Bring-Dienst des Vereins, manchmal nutzte er Bus und Bahn. Mittlerweile fährt Franzen gemeinsam mit einem Mitspieler, der ebenfalls in Idstein wohnt und schon den Führerschein hat.

„Die Dreiviertelstunde auf der Autobahn macht mir nichts aus“, beteuert der junge Mann. Um an sein Ziel zu kommen, wäre er auch weitere Wege gegangen. „Es war schon immer mein Traum, Fußball-Profi zu werden“, sagt Marlon Franzen – ein Traum, den er mit Tausenden teilt. Aber er hat sich an die Umsetzung gewagt: „Ich habe mein ganzes Leben darauf ausgerichtet.“
Er hat dafür auch verzichtet. Auf andere Hobbys. Auf Freizeit. Bisweilen auch auf schulischen Erfolg. Franzen besucht die elfte Klasse der gymnasialen Oberstufe an der Gesamtschule in Idstein. „Letztes Jahr habe ich es bisschen schleifen lassen“, bekennt er mit einem schelmischen Lächeln. Eine Klasse musste er schon wiederholen. Doch das Abitur strebt er schon an, für seinen Plan B. Vielleicht Sport studieren, wie sein Vater? Und dann Trainer werden?
Plan A ist Fußball-Profi: „Auf jeden Fall.“ Mittlerweile trainiert er fünfmal pro Woche. Spielt mit der Eintracht-U-19 in der DFB-Nachwuchsliga. Drei Torhüter kämpfen in seinem Team um den einen Platz zwischen den Pfosten. „Konkurrenten und Kumpels“ seien sie, beteuert Franzen über sein Verhältnis zu Laurin Müller und Meris Gradascevic. „Wir haben ein gutes Klima im Training, feuern uns gegenseitig an.“ Daran ändere auch nichts, „dass jeder der Beste sein will“.
Aus der U11, in der er als Knirps einst bei der Eintracht begonnen hat, sind nur noch drei oder vier Spieler dabei. Einige kicken wieder bei kleineren Vereinen. Andere haben dagegen schon den Sprung nach oben geschafft: Lennart Karl vorneweg, der bei den Bayern in der Bundesliga spielt. Bis zur U14 war er Franzens Teamkollege bei der Eintracht. Doch auch Dropouts gehören zur Realität. „Einige spielen gar nicht mehr.“
„Für mich würde eine Welt zusammenbrechen“
Marlon Franzen ist 1,84 Meter groß und 80 Kilo schwer. „Grad so groß genug für einen Torwart“, wie er es selbst einschätzt. „Aber ich wachse immer noch“, hofft er. Ein richtiges Vorbild als Torwart hat er nicht, nicht mal seinen Opa. Worauf er bei den Torhütern achtet, wenn er Bundesligaspiele schaut, sind Stellungsspiel, Ausstrahlung, ihr Können am Ball.
Als Kind war er Fan von Borussia Mönchengladbach, wie sein Vater. Doch auch die Eintracht sei ihm „schon immer sympathisch gewesen“ – ein Magnet als größter Klub der Region. Dort „Fußball spielen zu dürfen“, erfüllt ihn mit Stolz. Und er hat den Eindruck, dass es ihm in der Schule auch Prestige und Ansehen einbringt. Jetzt schon. Erst recht sollte er es zu den Profis schaffen. Auch das große Geld, das es als Fußballer zu verdienen gibt, sei verlockend, gibt der Junge zu. Umschreibt es aber geschickt: „Finanziell unabhängig zu sein“, sei sein Ziel.
Doch auch das gehört zum weiten Weg bis zur Traumerfüllung: immer weiterarbeiten, auch nach Rückschlägen und Gegentoren. Und flexibel bleiben. Schauen, wo sich ein Kaderplatz öffnen könnte. Und wenn es trotz aller Mühe nicht klappen sollte? „Für mich würde eine Welt zusammenbrechen.“
