Seit sechs Wochen machen Adi Hütter und Eintracht Frankfurt wieder gemeinsame Sache. In der Hoffnung, dass daraus eine gedeihliche Beziehung erwächst, die nicht nur von den Erinnerungen an vergangene Erfolgstage getragen wird, sondern zugleich ein neues, prägendes Kapitel Klubgeschichte hervorbringt. Sechs Tage bevor mit der ersten Pokalrunde die Grundlagenarbeit des Sommers abgeschlossen sein und der Ernst des Alltags alle Beteiligten erfassen wird, schrillen die Alarmglocken.
Das Team der SGE, das die vorherigen fünf Tests ohne große Mühe überstanden hatte, präsentierte sich bei der Generalprobe, für die die Klubverantwortlichen bewusst einen gewichtigen Sparringspartner wählten, in desolater Verfassung: In London, beim Kräftemessen mit dem FC Brentford, bekamen Hütters Schützlinge bei der 0:7-Niederlage nach allen Regeln der Fußballkunst vor Augen geführt, woran es ihnen – nicht nur im internationalen Vergleich mit einem ambitionierten Mittelklassevertreter der Premier League – mangelt.
Jeder Einzelne muss sich deutlich steigern, das Team im Zusammenspiel seiner Teile die Fehleranfälligkeit reduzieren, wenn das anstehende Sportjahr tatsächlich das bringen soll, was sich alle im Verein und die Weggefährten rund um ihn erhoffen: weniger Unruhe und mehr Erfolg als zuletzt.
Nur in Ansätzen abwehrbereit
„Bei einem 0:7 braucht man nicht zu diskutieren: Das geht auch in einem Testspiel nicht“, zitierte die „Bild“-Zeitung Hütter, der zudem sagte: „Wir haben viele Hausaufgaben mitbekommen.“ Der Kurztrip auf die Insel führte vor Augen, dass die Eintracht, wenn sie auf einen Widersacher trifft, der es beherrscht, durch Tempoverschärfungen, platzierte Zuspiele und offensive Rochaden permanenten Druck auf die Defensive auszuüben, nur in Ansätzen abwehrbereit ist.
Jedem der Wirkungstreffer, die die Engländer am Samstag vor rund 14.000 Zuschauern setzten, ging eine (in-)direkte Frankfurter Beteiligung voraus. Das wirkte sich spürbar auf Moral und Entschlossenheit des Bundesligaachten der vergangenen Runde aus, der in seiner Gesamtheit so auftrat, als habe er vor dem Gegner mehr Respekt als Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten. Erst nach knapp einer Stunde gab Can Uzun den ersten Torschuss ab.

Unlängst, als die Eintracht im Derby gegen den FSV dank ihrer größeren Handlungsschnelligkeit veritabel abgeschnitten hatte (5:1), hielt Robin Koch noch fest, dass ihre gegenwärtigen Bemühungen nicht vom Blick auf die Ergebnisse gesteuert seien, sondern über allem der Gedanke schwebe, sich physisch und psychisch als Gruppe so ab- und einzustimmen. Und dass sie sich mit dem guten Gefühl, bestmöglich vorbereitet zu sein, in den alsbald folgenden Pflichtspielen ans Werk machen könne.
Santos patzt mal wieder
Ausgerechnet der von Hütter im Amt bestätigte Kapitän gab gegen Brentford ein Bild ab, das nicht zuletzt bei ihm persönlich Gedanken an die vergangene Runde geweckt haben dürfte, die zu den schwächsten seiner Karriere zählte.
Der 30-Jährige hat sich viel vorgenommen – und muss nun erst einmal einen Rückschlag verkraften. Mit seiner wenig schmeichelhaften Leistung als Innenverteidiger trug Koch zum 0:3-Rückstand bis zur Pause bei. Vor dem 0:1 durch Kevin Schade (2. Minute) sorgte ein langer Ball hinter die Kette für Konfusion im Eintracht-Strafraum. Koch wirkte dabei als Chefaufpasser genauso wenig auf der Höhe wie Nebenmann Otávio. Danach nahm das Unheil seinen Lauf.
Torwartdiskussion könnte wieder Fahrt aufnehmen
Zunächst leistete sich Keeper Kauã Santos bei einem Schuss von Sangaré einen Aussetzer, bei dem er die Kugel nicht abwehrte, sondern mit den Händen hinter die Linie patschte (12.) – eine Aktion, die Parallelen zu manch fataler Ungeschicklichkeit des Brasilianers aufwies, der großes Talent mit einer bisweilen bedenklichen Anfälligkeit für Nervenflattern verbindet.
Die Torwartdiskussion, die Hütter öffentlich noch nicht offiziell für beendet erklärt hat, in seinem Aufstellungshandeln aber die Tendenz erkennen ließ, dass er Santos im Vergleich mit Michael Zetterer vorzieht, wird durch den Lapsus neue Nahrung erhalten; auch die Verpflichtung eines weiteren Torwarts gehört zu den Mister-X-Denkmodellen, die mancher aus dem Gremium hinter vorgehaltener Hand ins Spiel bringt.

Für Koch hatte die unglückselige Darbietung auch persönliche Folgen. Vor dem 0:3 durch Igor Thiago (40.) verlor er den Ball an Schade. Bei der Aktion zog er sich eine Gehirnerschütterung zu, wie die Eintracht am Sonntag kommunizierte.
Eintracht-Kapitän Koch mit Gehirnerschütterung
Koch war zunächst nicht mit den Kollegen zurück nach Hessen geflogen, sondern zu weiteren Untersuchungen in der britischen Hauptstadt geblieben. Er wird nun, so hieß, es ein „entsprechendes Regenerationsprotokoll absolvieren“.
Ein längerer Ausfall der Führungsfigur würde den Druck, auf dem Transfermarkt aktiv zu werden, signifikant erhöhen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Viererkette auf den Außenpositionen mit Elias Baum und Keita Kosugi über nicht genügend Widerstandskraft verfügt; dazu ist Otávios Eingliederung nicht abgeschlossen. Nnamdi Collins, ohnehin ein Bruder Leichtfuß, ringt nach seiner Sprunggelenksoperation um den Formanschluss. Arthur Theate gehört zum Kreis derer, die die Eintracht gerne abgeben möchte.
Auch Ellyes Skhiri, Michy Batshuayi, Niels Nkounkou oder Elye Wahi hätte Sportvorstand Markus Krösche gerne von der Payroll. Nur in der Zukunftsfrage Noel Futkeus brachte das Wochenende Klärung: Er wird an die SV Elversberg verliehen.
Der Stürmer schoss in der vergangenen Zweitligaspielzeit für Greuther Fürth 19 Tore. In Hütters Planung spielte er dennoch keine Rolle. Und der Warnschuss von London hat die To-do-Liste der Eintracht noch einmal verlängert: Binnen neunzig Minuten sind aus manchen Überlegungen Notwendigkeiten geworden.
