Es gibt ein deutsches Fußballleben ohne Jürgen Klopp. In den vergangenen Wochen galt das selten, selbst bei einem Bundesligaverein, der weit entfernt von Klopps Nationalmannschaft trainierte. Der Bundestrainer war schließlich vor ein paar Wochen bei der Eintracht zu Besuch, er plauschte mit ein paar Spielern am Trainingsfeld und rief drei von ihnen zu sich in den Kader: die beiden Stürmer Jonathan Burkardt und Younes Ebnoutalib sowie den Torhüter Noah Atubolu.
Burkardt spielte zweimal, Ebnoutalib einmal, Atubolu gar nicht. Burkardts Zeugnis bei Klopp fiel bescheiden aus. Tore: 0, wegen Abseits aberkannte Tore: 1, Tunnler des Gegenspielers: 2, Trikotnummer: 10. International bekannt geworden ist der Eintracht-Stürmer dieser Tage, weil ein Video im Internet auf und ab lief, das die deutsche Nummer 10 zeigt, wie sie von einem griechischen Mittelfeldspieler getunnelt wird. Erfolgreich waren die Länderspiele für Burkardt eher nicht.
Besser lief es für Ebnoutalib, der im Spiel gegen Griechenland zwar an den großen Verteidigern abprallte, aber als neues Gesicht von Klopps Elf präsentiert wurde. Nach zwei Spielen tauchte er in der Herbstsonne wieder beim Eintracht-Training auf. Nur acht seiner Kollegen waren gekommen, dafür das gesamte Trainerteam. Während die halbe Eintracht-Mannschaft aber mit ihren Nationalmannschaften um die Welt tourte, arbeiteten vor allem drei Spieler an ihrer Form.
Ansgar Knauff
Ein letztes Mal Klopp: Eine seiner Ideen, die den internationalen Fußball bis heute beeinflussen, ist die des offensiven Außenverteidigers. Der beste Defensivspieler auf den Flügeln ist demnach derjenige, der früher dort angegriffen hat. Weil er es versteht, offensiv zu stehen und zu denken, zugleich aber die Athletik mitbringt, um die Abwehr beim Verteidigen des Tors zu unterstützen. Klopp formte in Liverpool so Andy Robertson und Trent Alexander-Arnold zu Flügelverteidigern von Weltformat. Das war ungefähr 2019.
Sieben Jahre später, Frankfurt am Main: Die Eintracht hat ein paar Außenverteidiger, es ist aber weiter unklar, ob sie gut genug für die Bundesliga sind. Keita Kosugi ist fleißig, auch zweikampfstark; aber ist er auch technisch gut genug für den Fußball, den die Eintracht zurück nach Europa bringen soll? Elias Baum ist jung und talentiert, er kommt aus der Region, aber macht ihn das zum Außenverteidiger der Zukunft? Zweifel sind angebracht, spätestens seitdem Baum an den ersten Spieltagen bei ein paar Gegentoren eher alt aussah.

Auf der rechten Seite braucht es also eine Alternative. Hütters Liverpool-Idee heißt: Ansgar Knauff. In Hütters System gibt es keine klaren Flügelspieler, weshalb Knauffs Platz erst im Angriff zu sein schien. Dort aber spielten Burkardt und Ebnoutalib zu Saisonbeginn stark. Knauff vereint alles, was ein moderner Außenverteidiger braucht: Tempo, Physis, Laufstärke. Im Testspiel gegen Eintracht Braunschweig testete ihn sein Trainer also dort, die Eintracht musste kein Gegentor hinnehmen, was ihr in der Bundesliga bisher noch nicht gelang.
Und vorne traf der Alexander-Arnold Frankfurts: Das 3:0 erzielte Knauff selbst, zwei weitere Treffer bereitete er mit der Kapitänsbinde am Arm vor. Auf „sehr gutem Niveau“ habe Knauff gespielt, sagte Hütter. Der ehemalige Dortmunder war zuletzt am Oberschenkel verletzt. In Leipzig (Samstag um 18:30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker und bei Sky) könnte er für Baum in die erste Elf rücken.
Nnamdi Collins
Nagelsmann wechselte ihn zur Halbzeit aus. Und nach Frankfurt kehrte ein Spieler zurück, der sein Selbstvertrauen verloren hatte. Lange dauerte es, bis Collins wieder in Form kam, zuletzt war er am Rücken verletzt und gehörte auch deshalb nicht zu Klopps Doppelkader. Dafür hatte der 22 Jahre alte Verteidiger Zeit, im Stadtwald zu trainieren. Collins grätschte, flankte, schoss wie an seinen besten, ersten Tagen in Frankfurt unter dem damaligen Trainer Dino Toppmöller.

Hütter wird ihn einzusetzen wissen, schließlich hat Collins etwas, das seinen Nebenleuten Robin Koch oder Lilian Brassier fehlt: Tempo. Damit kann er das Eintracht-Tor verteidigen, wenn die Abwehrkette überspielt ist, weil Collins schnell genug ist, um die davonrennenden Stürmer noch einzuholen. Das passt zu Hütters Spielstil, bei dem die Eintracht oft hoch presst und viel Platz hinter sich hat, sofern sich der Gegner aus der Enge befreit.
Gegen Braunschweig spielte Collins als Innenverteidiger 90 Minuten. „Nnamdi ist wieder richtig fit“, lobte Hütter. Und dann wurde sein Verteidiger doch wieder zum Nationalspieler: U21-Trainer Antonio Di Salvo nominierte ihn für das Spiel gegen Georgien am Dienstagabend nach.
Lawrence Setordije
Als Lawrence Setordije zum ersten Mal bei einem Eintracht-Training dabei war, waren 2000 mehr Menschen vor Ort als bei seinem ersten Spiel. Setordije war damals noch Kapitän der Accra Lions und schaute den Bundesliga-Profis zu, wie sie sich auf die neue Saison vorbereiteten. Die Lions sind ein Partnerklub der Eintracht aus Ghana, Setordije ist der erste Spieler, der dank der Kooperation nach Frankfurt wechselte.

Wenige Tage nach dem Trainingsbesuch zeigte Setordije zum ersten Mal, dass er mehr ist als ein Beobachter. Gegen die U19 der Eintracht macht er das Spiel für seine Mannschaft, die am Riederwald später 3:1 gewinnen sollte. Wenig später gaben die Frankfurter bekannt, ihn verpflichtet zu haben. Seither darf Setordije nur mittrainieren, weil er in Deutschland nur im Profibereich spielen darf. Arbeitsrechtlich ist es ihm nicht erlaubt, für die U19 oder U21 aufzulaufen.
In einem anderen Wettbewerb aber darf er das, und zwar in der Talent Series der Bundesliga. Das ist eine zusätzliche Liga, an der 26 deutsche Klubs teilnehmen, um ihre Talente häufiger einzusetzen. Setordije, 18 Jahre alt, spielt dort oder in Testspielen wie gegen Braunschweig. „Eine sehr positive Überraschung“ nannte ihn Hütter danach. „Der Junge“, so sein Trainer, „hat mir richtig gut gefallen.“ Im offensiven Mittelfeld ist die Konkurrenz jedoch groß: Can Uzun und Ritsu Doan sind gesetzt, dahinter warten Love Arrhov, Farès Chaibi und Ayoube Amaimouni auf ihre Chance. Bei Setordije solle man also die „Kirche im Dorf lassen“, mahnte sein Trainer.
Das klingt nicht so, als würden gleich in Leipzig aus den 60 Zuschauern beim Testspiel 60.000 im Stadion. Aber auch nicht so, als geschähe das erst in drei Jahren.
