Der begehrteste Selfie-Spot der Mailänder Design Week hat eigentlich gar nichts mit der Veranstaltung zu tun: Vor dem Dom ragen zwei riesige rote Pumps empor, etwa vier Meter hoch, mit einem Absatz, der anstelle eines Stilettos eine Teufelsgabel hat. Die Schuhe, Symbol des Films „Der Teufel trägt Prada 2“, sind eine Installation des Designers Stefano Seletti. Sie markieren den Eingang des Luxuskaufhauses La Rinascente, das in diesen Tagen ganz im Zeichen des am meisten erwarteten Ereignisses des Mailänder Frühlings steht.
Am 29. April kommt „Der Teufel trägt Prada 2“ in Italien in die Kinos, in Deutschland muss man sich noch 24 Stunden länger gedulden, um endlich zu erfahren, wie es in Zeiten von Influencern, Algorithmen, der Diktatur des Scrollens und des Niedergangs der Printmedien mit Miranda Priestly und ihrem Fashionmagazin „Runway“ weitergeht, welche Rolle die Idealistin Andy Sachs dabei spielt oder die bissige und glamouröse Emily, die, das legen vorab veröffentliche Szenen nahe, jetzt tatsächlich selbst in einem Luxusunternehmen das Sagen hat. Gut eine halbe Stunde des Films wurde in Mailand gedreht. Es gibt einen extra auf das italienische Publikum abgestimmten Trailer.
Unter den Tops der in diesen Tagen genüsslich daraus zitierten Sätze ist jener von Stanley Tucci, pardon, Nigel, als Andy plötzlich nach Jahren in der „Runway“-Redaktion auftaucht: „Oh, schau was uns TK Maxx hier hereingespült hat“, sowie Emilys Bemerkung beim Wiedersehen: „Es ist seltsam, du hast dich verändert, du bist viel selbstbewusster. Aber die Augenbrauen sind noch immer die gleichen.“
Für Kommentare in den sozialen Medien sorgen natürlich die Szenen aus Mailand: Miranda in der menschenleeren Galleria Vittorio Emanuele II, die spektakulären Luftaufnahmen von der Piazza del Duomo, die Modenschau von Dolce & Gabbana und die Präsentation von Brunello Cucinelli (beide live gedreht), dann Andy, die eine Treppe des Luxushotels Palazzo Parigi hinuntergeht, mit Miranda einen Innenhof betritt, durch irgendeine Straße von Brera hastet – ja welche eigentlich, war das gerade die Via Borgonuovo, weiß das jemand? Und dann die bange Frage: Das wird doch hoffentlich nicht alles sein, was man von der Stadt sieht?
Als käme Miranda gleich ins Zimmer gestöckelt
Blickt man dagegen in die Schaufenster des Rinascente, wird man – was für ein kluges und verführerisches Marketing – selbst zur Protagonistin. Dank Kameras, die Sprechblasen mit ikonischen Sätzen Mirandas auf das eigene Spiegelbild projizieren: „Die Details deiner Inkompetenz interessieren mich nicht“ oder „Gibt es einen Grund, warum mein Kaffee noch nicht da ist?“. Ein roter Laufsteg führt ins Untergeschoss, wo in Zusammenarbeit mit Disney die repräsentativsten Filmschauplätze nachgebildet wurden: Man kann sich an Mirandas Schreibtisch setzen und (natürlich!) fotografieren lassen; es wirkt, als sei sie auf ihren High Heels nur mal kurz aus dem Raum geklackert: Da liegt das Runway-Buch, da sind Starbucks-Becher und Telefon, das jederzeit klingeln könnte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Es gibt einen Make-up- und Friseurbereich wie bei einer Modenschau – wer die Geduld hat, 40 Minuten anzustehen, bekommt ein Styling. Auch das „Closet“, das ikonische Archiv für High-Fashion-Stücke, in dem Andy das eine oder andere modische Makeover verpasst bekam, wurde nachgebaut. Im Rinascente hängen dort Kleidung, Schuhe, Taschen und Accessoires von Etro, Missoni und Salvatore Ferragamo bis hin zu Jimmy Choo und Dolce & Gabbana. Es fehlt eigentlich nur Art Director Nigel, der „Nicht anfassen!“ brüllt.
Auf die Nachricht, dass die weltweite Tournee des Films mit Meryl Streep, Anne Hathaway, Emily Blunt und Stanley Tucci keinen Halt in Mailand machen wird, reagierte Italiens Hauptstadt der Mode leicht gekränkt. Bei der Party zur VIP-Premiere am Donnerstag mit rotem Teppich, an dem Fans Schilder hochhielten, auf denen „Das ist der Lieblingsfilm meiner Mutter“ stand, blieben die italienischen Celebritys auf der abgeschirmten Dachterrasse des Rinascente also unter sich.
Man sah, trotz hoher Eleganzdichte, die eine oder andere stoffliche Extravaganz, bei deren Anblick Miranda Priestly nicht umhingekommen wäre, missbilligend die Augenbrauen hochzuziehen. Manche Gäste fuhren ins Untergeschoss und erkundeten ihr Büro. Frauen in teuren Abendkleidern schweben auf der Rolltreppe in einem ansonsten leeren, weil schon geschlossenen Kaufhaus auf und ab: Es wirkte, als seien um Mitternacht die Schaufensterpuppen lebendig geworden. Eine Nacht im Rinascente.
Zwischen den Gästen waren auch Influencer unterwegs, die alles zweimal machten. Einmal nur so, zum Test, beim zweiten Mal für die Handykamera. Zweimal den Kellner fragen, was er da Leckeres auf dem Tablett hat. Zweimal reinbeißen und dann „Yummy“ in die Kamera sagen. Zweimal schwungvoll ein Champagnerglas von der Bar pflücken, zweimal „Wow“ rufen, wozu auch immer. 20 Jahre sind vergangen, seit der Teufel zum ersten Mal in Prada-Kleidung heraufbeschworen wurde. Er wird nicht älter. Er wechselt nur die Gestalt.
