
Für gefühlige Auftritte war Tucker Carlson schon immer gut. Er erregte sich über vermeintliche Pläne der Demokraten, Zuwanderer ins Land zu holen, um Wählerstimmen abzufischen und „angestammte“ Amerikaner zu ersetzen. Er behauptete, es werde immer gefährlicher in den USA. Die Präsidentschaftswahl 2020 nannte er einen „schwerwiegenden Betrug“. Nun sagt er sich mit großer Geste von Donald Trump los – dem Mann, in dessen MAGA-Universum er zum Superstar aufstieg, dem er den vermeintlichen Willen des Volkes einflüsterte und J.D. Vance als Vizepräsidentschaftskandidaten empfahl.
Jetzt, da der Eiertanz um die Epstein-Akten und der Krieg gegen Iran die amerikanische Rechte desillusionieren und Trumps politisches Ende absehbar ist, dreht Carlson bei. „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich Leute in die Irre geführt habe“, sagte er in seinem Podcast. Es sei „nicht genug, zu sagen: Ich habe meine Meinung geändert, oder: Oh, das ist übel, ich bin raus“, so Carlson im Gespräch mit seinem Bruder Buckley, einem einstigen Redenschreiber Trumps. Er werde „noch lange davon gepeinigt werden“, Trump zurück ins Weiße Haus geholt zu haben. Dies sei ein Moment, in dem „wir mit unserem Gewissen ringen müssen“.
„Ich hasse ihn leidenschaftlich“
Welches Gewissen? Bei Fox News entdeckte Carlson, dass Geraune („ich frage bloß“) über Verschwörungstheorien Quote bringt. Öffentlich war er für Trump, privat verachtete er ihn. Das wurde offenbar, als SMS und E-Mails aus der Zeit nach Trumps Wahlverlust 2020 ans Licht kamen. „Ich hasse ihn leidenschaftlich“, schrieb Carlson, die Story von der gestohlenen Wahl sei „Irrsinn“.
Carlsons Talent, meinte der Politkommentator James Carville, bestehe darin, „jede Haltung, egal wie weit verbreitet oder zweckmäßig, als mutige Rebellion gegen die Haltung eines anderen zu inszenieren“. So verkaufte Carlson ein „Interview“ mit Wladimir Putin, in dem er sich vor dem russischen Diktator in den Staub warf, als Anti-Propaganda. Als sich die Nachricht verbreitete, dass viele junge Konservative Nazi-Gedankengut schick finden, gab Carlson dem Neonazi und Antisemiten Nick Fuentes ein Forum.
Nun bewegt der Krieg gegen Iran, der Bruch des Wahlversprechens, sich nicht auf „dumme, endlose Kriege“ einzulassen, Carlson angeblich zur Umkehr. Im Podcast beklagte Tuckers Bruder Buckley außerdem Trumps Versäumnis, den „des Verrats schuldigen“ Barack Obama und die „echten Strippenzieher“ des Kapitolsturms von 2021 zur Rechenschaft zu ziehen. Die Demonstranten vom 6. Januar seien nämlich die „wahren Repräsentanten Amerikas, die besten aller Leute“. Die Brüder erbosten sich außerdem darüber, dass Trump gegen die George-Floyd-Proteste nicht hart genug durchgegriffen und sich nicht dafür entschuldigt habe, den Covid-Impfstoff genommen zu haben – eine „Biowaffe, die Hunderttausende umgebracht hat“, wie Carlson sagte.
In den US-Medien und auf Social Media ergießt sich Häme über seine vermeintliche „Läuterung“. Nichts als heiße Luft“, hieß es bei MS Now. Carlson „habe sich nie um den Schaden geschert, den seine Worte anrichten – wo es doch so viel Geld zu machen gibt“. „Echt jetzt, Tucker Carlson?“, ätzte der „Atlantic“. Wer ein Jahrzehnt brauche, um Trumps Charakter zu verstehen, habe sich für die politische Debatte disqualifiziert.
Schön wär’s. Zu erwarten ist, dass Carlson schlicht die nächste Welle reitet – womöglich im Schlepptau des Mannes, dem er ins Weiße Haus verhalf und der Chancen hat, der nächste Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden: J.D. Vance. Mit Tucker Carlson hätte er den ultimativen Opportunisten und Wendehals an seiner Seite.
