
Als die Musiker auf den Balkon der Rottweiler Straße 6 treten, wird es auf der eben noch belebten Straße im Frankfurter Gutleutviertel kurz still. Trotz der Hitze sind die Anwohner am Sonntagnachmittag zusammengekommen. Trotz 34 Grad haben sie ein Lächeln im Gesicht. Ob jung oder alt, der Zusammenhalt ist zu spüren. Als das erste Balkonkonzert des Abschlussfestes des Projekts „Eine Straße geht ins Konzert“ beginnt, schauen alle gespannt nach oben, wo die Musiker den ursprünglich südafrikanischen Song „Mbube“, in der englischen Version bekannt unter „The Lion Sleeps Tonight“, spielen.
Das Projekt „Eine Straße geht ins Konzert“, das mit der diesjährigen Staffelholzübergabe in die dritte Runde geht, ist eine Kooperation der Alten Oper in Frankfurt und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Marcus Fein, Intendant der Alten Oper, beschreibt das Projekt als die Möglichkeit eines gegenseitigen Kennenlernens: „Es kommt ein Austausch zwischen den Bewohnern der jeweiligen Straße und der Alten Oper zustande.“ So entstehe echte Beziehungsarbeit, die beide Seiten während des Projekts leisteten. Man könne viel voneinander lernen, sagt Fein, wenn man die Bewohner direkt nach ihren Wünschen frage und diese auch umsetze.
Während der Spielzeit lassen sich die Anwohner durch die Alte Oper führen und besuchen gemeinsam Konzerte. Außerdem organisieren die Straßenbewohner kulturelle Aktivitäten in ihrem Viertel, um die Nachbarschaft zusammenzubringen. So schaffe man eine Verbindung zu den Menschen und eine Durchlässigkeit, da man die Türen der Alten Oper für einen größeren Teil der Gesellschaft öffne, sagt Fein.
Die Straße „Alt-Preungesheim“ übernimmt das Projekt
Auf dem Abschlussfest übergibt die „alte Straße“, die Rottweiler Straße, das Staffelholz an die „neue Straße“ Alt-Preungesheim. Deren Anwohner waren in der Bewerbungsphase durch ihr Engagement und ihre Motivation aufgefallen. Julia Scheit, die Vertreterin von Alt-Preungesheim, hat die Bewerbung begleitet. „Schon bei dem ersten Treffen waren alle on fire“, sagt sie. Durch das Projekt habe sich eine tiefere Verbindung der Anwohner entwickelt, auch der obere und der untere Teil der Straße fänden nun regelmäßig zusammen.
Nicht nur die Balkonkonzerte sorgen für Stimmung, auch der „Spaßchor“ – ein Projekt der „alten Straße“, bei dem jeder mitsingen kann – hat einen Auftritt. Zum Abschluss der Veranstaltung musizieren die Musiker, die an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studieren, und der Chor gemeinsam. Es werden Lieder wie „Hey Jude“ von den Beatles oder „Don’t stop me now“ von Queen gespielt. Das Publikum lässt sich von der Stimmung anstecken und singt mit.
„In einer Gesellschaft, die uns versucht zu erzählen, wie unterschiedlich wir sind, ist es umso wichtiger, miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt Frank Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Es ginge bei dem Projekt vor allem darum, den Zusammenhalt wieder zu stärken und der Polarisierung in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Bei Projekten wie „Eine Straße geht ins Konzert“ merke man wieder, was die Menschen vereine, so Dievernich. Der Vorstandsvorsitzende ist davon überzeugt, dass „wir nicht übereinander, sondern miteinander reden“ sollten.
Dem Leitgedanken des Zusammenhalts bleibt die „neue Straße“ Alt-Preungesheim treu: Das Programm, das unter dem Motto „Mach (es) mit Musik“ steht, solle generationsübergreifend wirken, sagt die Vertreterin Scheit. Zu Beginn wird ein Höfefest gefeiert, auf dem das Programm der diesjährigen Staffel vorgestellt wird. Danach ist ein Lagerfeuerabend mit Gitarre, ein Töpfer- und Malkurs mit musikalischer Untermalung und ein Konzert im Kerzenschein in der Kreuzkirche in Preungesheim geplant.
