Sagen wir, Szczepan Twardoch sehe heimlich auf die Uhr, weil er nach dem Interview noch zu einer Lesung nach Warschau muss. Er sitzt in seinem Haus am Dorfrand von Pilchowice am Esstisch. Hinter ihm schleicht die Katze über den Aufsatz des antiken Buffetschranks. Wenn Heniek, der schlanke Whippet der Familie, aufs Sofa springt, ruft Twardoch ihm irgendwas auf Schlesisch zu. Twardoch sagt: „Er ist ein sehr lustiger Hund, aber leider auch ziemlich dumm.“ Heniek heißt so viel wie „der Mächtige des Hauses“ oder „Heimatherrscher“. Bei Twardochs Armbanduhr handelt es sich um eine Rolex.
„Zeit gehört zu den Dingen, über die ich tatsächlich am meisten nachdenke“, sagt Twardoch. „In der griechischen Antike zum Beispiel kannte man noch ein zyklisches Zeitverständnis, das sich an den Jahreszeiten, dem Kreislauf von Werden und Vergehen orientierte und in den Olympiaden und anderen Ritualen seinen Ausdruck fand.“ Twardoch trägt eine dunkle Hose, ein schwarzes Polo-Shirt, auf seinem linken Unterarm einen tätowierten Anker. Er ist barfuß, weil er gern die Erde unter seinen Füßen spürt. Aus den beiden bodentiefen Fenstern, zwischen denen ein Keyboard steht, blickt man über die Terrasse und den Swimmingpool hinweg auf weites, von Wäldern gesäumtes Land.
Die Gegenwart endet nie
„Aber mit dem Christentum kam dann die Vorstellung auf, dass Zeit linear verläuft“, sagt er. „Dass die Geschichte der Menschheit einen Anfang hat und auf ein Ende zusteuert, die Wiederkunft Jesu Christi, die schließlich die Zeit aufheben wird.“
In „Drach“, seinem 2014 veröffentlichten, aus Perspektive der schlesischen Erde erzählten Epos, ist das Ich „alle Jahre“ und die Zeit, in die die Chronik der Familie Magnor eingeschrieben ist: eine niemals endende Gegenwart, deren ewiges Kreisen für den Menschen allein durch den Einfall immer neuer Katastrophen unterbrochen wird. „Die Katastrophe durchtrennt den Kreis der Zeit, wir erfahren das in den tiefsten Schichten der menschlichen Vorstellung von Leben und Schicksal, ihrer Struktur“, so Twardoch in seinem Tage- und Reisebuch „Wale und Nachtfalter“.
Er fällt durch die Zeit bis ins Jahr 1905
Dort entfaltet der 1979 geborene Schriftsteller die Poetik, die seinen gefeierten Romanen wie „Morphin“, „Drach“, „Der Boxer“ oder dem aus Besuchen an der ukrainischen Front hervorgegangenen Kriegsroman „Die Nulllinie“ zugrunde liegt. „Die Katastrophe reißt das irdische Dasein aus der mythischen Wirklichkeit und setzt die lineare Geschichte mit ihrer Logik in Gang.“

In „Sehnsucht“, seinem dieser Tage in der Übersetzung von Olaf Kühl erscheinenden Roman, erzählt Twardoch von dem pensionierten Bergmann Erwin Piontek, der sich eine Segeljolle kauft und auf dem etwa zwölf Kilometer südlich von Pilchowice gelegenen Stausee von Rybnik kreist. Nach einigen Monaten und etlichen Seemeilen fällt er dann mehr als einhundert Jahre durch die Zeit und erwacht in der Wüste Deutsch-Südwestafrikas inmitten des Völkermords an den Herero. Die batteriebetriebene Bisset, die Erwin am Handgelenk trägt, hatte ihm der Direktor des Steinkohlebergwerks Knurów zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum seiner Grubenarbeit geschenkt.
„Beide Zeitkonzepte haben mich schon immer sehr fasziniert“, sagt Twardoch, „und in „Sehnsucht“ wollte ich versuchen, die kreisförmige Auffassung und den im Westen vorherrschenden Glauben an die lineare Zeit in eine Art dialektische Spannung zu versetzen.“ Die Auffassung vom beständigen Wandel in den immerwährenden kosmischen Kreisläufen trifft dadurch auf den Glauben an Fortschritt und Veränderung, der sich auf der historischen, aus der Vergangenheit des Jahres 1905 bis in die Zukunft des Jahres 2031 erstreckenden Vertikale des Romans als ernüchternde Illusion erweist.
Dieses Spannungsfeld beschäftigt ihn seit Längerem. „Es ist ein angenehmer Selbstbetrug zu glauben, irgendetwas würde sich ändern, es wäre heute anders als vor fünfhundert, tausend oder zweieinhalbtausend Jahren“, schreibt Twardoch bereits 2012 in „Wale und Nachtfalter“. Denn „Gewalt, Leidenschaft, Zorn und Gier bleiben das Gleiche, die Menschen sind gleich geblieben und alles andere auch.“ Bei der Sehnsucht des schlesischen Seglers, der als Söldner der Kaiserlichen Schutztruppe in eine unbarmherzige und mörderische Welt geworfen wird, handelt es sich um eine weitere menschliche Konstante, der Twardoch in seinen Romanen mit großer Eindringlichkeit auf immer neue Weise nachspürt.
Sagen wir, Twardoch trinke am Esstisch seines Hauses in Pilchowice Kaffee und blickt aus dem Fenster. In dem gerade einmal fünfzehn Autominuten entfernten Gliwice, dem historischen Gleiwitz, einer der größten Städte des Oberschlesischen Industriegebiets, in der sich Twardochs Arbeitswohnung befindet, geht der in „Drach“ aus dem Krieg heimkehrende Josef Magnor im Mai 1918 die Wilhelmstraße entlang, wo sich im Prachtbau des ehemaligen Café Kaiserkrone heute ein McDonald’s befindet. Im Warschau des Jahres 1939 streift der Ich-Erzähler von „Morphin“, durch die zerbombte, von Deutschen besetzte Stadt. In seinem mit Müll und Grassoden getarnten Erdloch hört der polnische Historiker Koń, der sich in dem 2025 erschienenen Roman „Die Nulllinie“ freiwillig zur ukrainischen Armee gemeldet hat, das Donnergrollen der Geschütze.
„Nichts ändert sich“, sagt Twardoch. An den Fensterscheiben Regentropfen, über der Terrasse, auf der ein Tisch und vier Stühle stehen, eine mit einer Lichterkette gesäumte Markise. „Der Mensch bleibt sich immer gleich und wird mit seiner Geburt ungefragt ins Leben geworfen“, sagt Twardoch. „Niemand hat uns gefragt, ob wir Mensch sein wollen. Unserer Existenz haftet also schon allein deshalb etwas Gewaltsames an, weil wir gezwungen sind, in der uns zugedachten Zeit zu existieren.“

Über dem Grün der weiten, am Horizont leicht ansteigenden Flur ein hellgrauer Himmel. „Es sind diese Kernfragen des Menschseins, die ich erforschen möchte, und das Einzige, was mir dafür zur Verfügung steht, ist die Geschichte meiner eigenen Familie, die Verbundenheit zu meiner im Sterben liegenden schlesischen Muttersprache und meine tiefe Verwurzelung in diesem Flecken Erde.“
Die Katze liegt unter dem Keyboard, Heniek steht am Esstisch und stößt ein kurzes Jaulen aus, das Twardoch nicht zu kümmern scheint. „Ich mag es“, sagt er, „wenn der Horizont irgendwo in der Ferne liegt.“ Er schaut durch das regennasse Fenster hinaus aufs Land, das wie das erstmals zu Beginn des 14. Jahrhunderts urkundlich erwähnte Dorf Pilchowice 1727 in den Besitz der Grafen von Wengersky überging, deren Schloss Mitte des 19. Jahrhunderts von der preußischen Verwaltung zu einer königlichen Strafanstalt umgebaut wurde und von 1867 an als Lehrerseminar diente. „Bei den Wengerskys handelte es sich um ein altes polnisches Adelsgeschlecht, das im frühen 17. Jahrhundert nach Schlesien eingewandert war und den Namen beibehielt, obwohl es sich schon nach einer Generation germanisiert hatte“, sagt Twardoch und krault Henieks Kopf. „Ich liebe diese Felder, die in Erinnerung an die Grafen noch heute die ‚Felder des Herrn‘ genannt werden. Ich liebe die Aussicht.“
Hinter dem Horizont der Ozean
Die Wiesen und Wälder, die er früher gern in nächtlichen Gewaltmärschen durchschritt. Das in „Drach“ beschriebene „stille, geheime Evangelium“ dieser Landschaft, die sich auf der anderen Seite des Hauses an Leboszowice vorbei durch einen kleinen, teils sumpfigen Wald bis zu dem nur wenige Kilometer entfernten Żernica zieht, wo Twardoch geboren wurde und an den Gräbern seiner „heiligen Vorfahren“ die von ihrem Fleisch genährte Erde unter den Füßen zu spüren glaubt. „Als das Grundstück zum Verkauf stand und ich die Felder sah, wusste ich sofort, dass ich hier unser Haus bauen wollte.“ Es brauchte nur wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass hinter der Horizontlinie ein Ozean lag.
Twardoch erzählt von den schlesischen Grubenarbeitern, die Ende des 19. Jahrhunderts auf die Panzerschiffe der von Alfred Tirpitz ausgebauten Hochseeflotte geholt wurden, „wo sie in den Maschinenräumen die ihnen aus den Minen vertrauten Pumpen und Dampfmaschinen bedienten“ und ihre Liebe zur „grausigen Schönheit des Meeres“ entdeckten. Er stellt Heniek Futter hin, damit er endlich Ruhe gibt, und erzählt, wie er Anfang der Neunzigerjahre auf dem Stausee von Rybnik segeln lernte, weil es in seiner Kindheit „noch ganz normal“ gewesen sei, einem der Segelclubs beizutreten, die von den Bergwerken für die Familien der Arbeiter und Angestellten eingerichtet worden waren. „Mein Lehrer sagte mir damals, dass ein Boot mit Blick auf die Bewegung gebaut wird und man es nicht zwingen dürfe, gut zu segeln“, sagt Twardoch, der nach dem Abitur in Katowice Soziologie und Philosophie studierte.
Moby-Dick im Warschau der Dreißiger
Zu seinen literarischen Einflüssen zählen Melville und Faulkner, sogar in dem in der Warschauer Unterwelt der Dreißigerjahre spielenden Roman „Der Boxer“ zitiert er „Moby-Dick“. „Man muss das Boot einfach nur segeln lassen, dann erledigt es die Arbeit ganz allein, denn genau dafür wurde es gebaut“, sagt Twardoch, der sein Segelwissen in „Sehnsucht“ auf faszinierende und tollkühne Weise zur Anwendung bringt. „Ich befolge diesen Rat auch beim Schreiben, das sich für mich vom Segeln nicht grundlegend unterscheidet. Auch beim Schreiben treffe ich nur sehr wenige bewusste Entscheidungen und lasse mich von den Figuren und der Geschichte leiten. Ich arbeite auf akribische Weise mit der Sprache, um die richtige Melodie und den richtigen Klang zu finden“, sagt er, „aber die Geschichte entwickelt sich von selbst.“

Als Erwin Piontek nach einigen Jahrzehnten aus Afrika zurückkehrt und im Schlamm der Flüsse nach Hause kriecht, wo ihn der zwölfjährige Twardoch Anfang der Neunziger schließlich im Wald hinter Pilchowice aus dem Wasser der Bierawka steigen sieht, ist er von Algen überwachsen und trägt noch den feldgrauen Filzhut der kaiserlichen Kolonialtruppen. Seine angeblich auf Weisung Wilhelm I. für die deutsche Kriegsmarine entworfene Girard-Perregaux ist ihm irgendwo unterwegs vom Handgelenk gerutscht oder hat vielleicht sogar niemals existiert.
„Von hier bis in den Donbas sind es nur vierundzwanzig Stunden“, sagt Twardoch. „Wenn ich mich jetzt in mein Auto setzen würde, wäre ich morgen an der Front.“ Heniek liegt schlafend vor dem Sofa, die Katze hat sich verzogen. An den Fensterscheiben die Perlen der Regentropfen, über den Feldern Wolken, soweit man sieht. „Von hier aus betrachtet ist der Krieg wirklich ziemlich nah.“
Sagen wir also, hinter dem Horizont liege kein Ozean, sondern die nach Westen vorgerückte russische Front. „Es ist tatsächlich einer meiner schlimmsten Albträume, dass ich hier in meinem Haus am Esstisch sitze und auf Schützengräben und russische Panzer blicke“, sagt Twardoch. „Vielleicht habe ich mich nur deshalb so auf diesen Krieg eingelassen und Waffen und andere Hilfsgüter in die Ukraine transportiert, weil ich nicht will, dass der Krieg bis hierher vordringt.“
Die erlöste Welt
Er schaut aus dem Fenster, als gäbe es dort etwas zu sehen. „Als ich zum ersten Mal das Donnergrollen des Artilleriefeuers hörte, war dies erschreckender als die Situationen später, in denen auf mich geschossen wurde“, sagt er. „Ich glaubte nicht nur das Grollen des Kriegs in der Ukraine zu hören, sondern auch das des Ersten und des Zweiten Weltkriegs und begriff, dass alle Geschichten, die ich je über den Krieg gehört hatte, tatsächlich wahr waren.“
Auf der vertikalen, bis ins Jahr 2031 vorstoßenden Zeitachse von „Sehnsucht“, worin Twardoch das Szenario eines schlimmstmöglichen Endes des Ukrainekriegs imaginiert, wird Erwin Piontek schließlich Präsident eines aus der NATO ausgetretenen, von Russland besetzten Volksstaats Polen. „Es war, als hörte ich das Wesen des Kriegs an sich, das Wesen des ewigen Kriegs, der Teil der Geschichte der Menschheit ist und ein unauslöschlicher Bestandteil unserer menschlichen Natur.“ In der Dystopie des zwischen 2022 und 2024 geschriebenen Romans, dessen Titel im polnischen Original „Powiedzmy, że Piontek“ lautet, „Sagen wir, Piontek“, macht Twardoch die Groteske zum Schutzschild seiner Ängste und den durch verschiedene Zeiten und alternative Realitäten reisenden Helden zum Schutzpatron einer gefallenen, am Ende vielleicht nur durch ihre Sehnsüchte und Träume erlösten Welt.
„Ich hatte geglaubt, mit Mitte vierzig ein gefestigter Mensch zu sein und keine prägenden Erlebnisse mehr machen zu können“, sagt Twardoch. „Aber die Erfahrung des Kriegs hat mich verändert.“ Er sieht auf die Uhr. Er muss noch zur Buchmesse nach Warschau. „Ich weiß noch nicht, was genau sie in mir bewirkt hat, aber es ist gewiss, dass sich die Veränderung auch in meinem Schreiben zeigen wird.“
