
Die Spannung ist groß: An diesem Freitag werden in sechzehn Universitäten Universitätsleitungen und -angehörige gebannt den Livestream des Wissenschaftsrats und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verfolgen, in dem verkündet wird, wer den Titel Exzellenzuniversität und das damit verbundene Geld neu erhält. Auch für die zehn bereits verlängerten Exzellenzuniversitäten steht einiges auf dem Spiel, denn erst nach dieser Entscheidung ist klar, mit wie viel finanzieller Zuwendung sie rechnen dürfen. Schließlich gibt es nur einen Topf für alle. Wer zu den Gewinnern gehören wird, weiß niemand. Doch – Vorsicht, Spoiler! – den größten Verlierer kennen schon alle: das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt.
Als Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung von 1998 bis 2005, den damals noch Exzellenzinitiative genannten Wettbewerb ins Leben rief, folgte sie der in den Neunzigerjahren verbreiteten und auch in den rot-grünen Koalitionen beliebten neoliberalen Programmatik, wonach die deutschen Universitäten nur durch schärferen Wettbewerb wieder „international konkurrenzfähig“ werden könnten. Der Konkurrenzkampf um das Prestige, sich „Exzellenzuniversität“ nennen zu dürfen, und um jedenfalls im deutschen Wissenschaftssystem vergleichsweise hohe Fördergelder sollte die verschlafenen Elfenbeintürme zu weithin sichtbaren Leuchttürmen ertüchtigen.
Obwohl die großspurigen Träume eines Harvard am Main, eines MIT an der Isar oder eines Yale an der Spree angesichts der Budgets US-amerikanischer Eliteuniversitäten niemand je ernst nehmen konnte, prägen die Exzellenzinitiative und ihre Nachfolgerin, die Exzellenzstrategie, seither das deutsche Wissenschaftssystem weit über die mit zusätzlichen Mitteln bedachten Universitäten hinaus.
Eine Evaluation des Nutzens für die Forschung steht aus
Ihr sichtbarster Effekt besteht darin, die schon lange beobachtete und kritisierte Unwucht zwischen Drittmitteln und Grundfinanzierung zu vergrößern. Damit marschiert sie im Gleichschritt mit „Hochschulpakten“ oder noch kurzfristigeren Stiftungsprogrammen für „Innovation in der Lehre“. Ein effektiver Antreiber dafür ist das unselige Kooperationsverbot, das dem Bund die direkte Finanzierung von Hochschulen verbietet. Im Ergebnis beschert uns diese Wissenschaftspolitik Universitäten, die zwar viel Geld für Bewerbungen um „Exzellenz“ ausgeben, aber nicht einmal imstande sind, ihre Gebäude zu erhalten. Die TU Berlin, für deren marodes Hauptgebäude ein Betretungsverbot gilt, ist das augenfällige Symbol mit trauriger Aussagekraft weit über Berlin hinaus.
Zweitens ist mit dem Exzellenzwettbewerb die Entsolidarisierung zwischen den Universitäten Programm geworden, da viele von ihnen mangels Größe ohnehin nie auch nur für eine Bewerbung infrage kommen. Die Spaltung in potentielle Gewinner und garantierte Verlierer steht schon vor dem Rennen fest. Dass Größe und nicht wissenschaftlich herausragende Resultate der ausschlaggebende Faktor für Erfolg im Wettbewerb (und bei den DFG-Drittmitteln insgesamt) ist, hatte Richard Münch soziologisch kühl schon 2007 vorgerechnet. Doch weder wissenschaftliche Erkenntnisse noch die Zweifel, ob die gigantischen Kosten eigentlich der Mühe wert sind, haben Politik, Wissenschaftsrat oder DFG je dazu bewogen, eine begleitende Evaluation aufzusetzen. Der sogenannte „Imboden-Bericht“ aus dem Jahr 2016 betont ausdrücklich, den Zusammenhang von Exzellenzinitiative und Forschungsquantität sowie -qualität nicht beurteilen zu können. Insofern kann dieser Bericht kaum als ernsthafte Evaluation gelten.
Exemplarisch ist auch die Antwort, die DFG und Wissenschaftsrat auf die entsprechenden Fragen des Netzwerks Nachhaltige Wissenschaft 2024 gegeben haben: „Erhebungen zu möglichen weiteren Kosten, die an Hochschulen im Rahmen einer Antragstellung entstehen könnten, werden durch DFG und WR nicht vorgenommen.“ Ironie des deutschen Wissenschaftssystems: Seine maßgeblichen Akteure glauben, dass kritische Forschung zu Wissenschaftsförderung und -strukturen nur andere betrifft.
Exzellenz für alle
Zynisch könnte man konstatieren, dass auch Wissenschaftspolitik nun einmal Politik ist. Evaluiert werden vor allem diejenigen, die sich nicht wehren können. Allenfalls in einigen jüngeren Stellungnahmen – zu den Strukturen der Forschungsfinanzierung des Wissenschaftsrats vom Januar 2023 oder dem Positionspapier der Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Resilienz in der Wissenschaft“ des DFG-Senats vom Juli 2026 – vernimmt man leise die Einsicht, dass die ungebremste Befürwortung kompetitiver Förderprogramme statt einer auskömmlichen Grundfinanzierung doch nicht der Königsweg sein könnte, nicht zuletzt, weil sie die Widerstandsfähigkeit von Universitäten in Zeiten des politischen Autoritarismus weiter aushöhlen.
Gehör findet diese Einsicht allerdings kaum. Jedenfalls hält sie nicht davon ab, ein nicht evaluiertes Förderinstrument über die davon ausgezehrten Universitäten hinaus auszuweiten. Denn seit 2022 kommen auch die sich nun verbreitet „Hochschulen für Angewandte Wissenschaften“ (HAW) nennenden Fachhochschulen in den Genuss dieser Art von Wettbewerb. In der Förderlinie „Forschungsimpulse“ vergibt die DFG eine Million Euro pro Jahr für bis zu acht Jahre an eine HAW und Verbundpartner. Die Erfolgreichen der ersten Durchgänge bezeichnen sich schon selbst als „exzellent“. Aktuell laufen die dritte und vierte Ausschreibungsrunde parallel. Bundeswissenschaftsspiele für alle!
Als dritte Nebenfolge der Exzellenzstrategie entstand eine Reihe neuer Sozialtypen in und um die Uni herum: Beraterinnen, Coaches, Wissenschaftsmanager. Sie alle tragen auf eigene Weise zur Reproduktion des Systems bei, ja zu einem regelrechten Wettrüsten: Geht es beim Coaching der einen meist um Präsentationsfähigkeiten und nicht um Inhalte, muss die dadurch erreichte Standardisierung anschließend durch mehr „Authentizität“ weiterentwickelt werden. Schließlich werden ja auch die anderen (Gutachter) gecoacht. Hilfreich sind zwar all diejenigen, die Wissenschaftler durch den Dschungel von Drittmittelangeboten und ihre verschiedenen Antragsstufen führen können. Doch wünschte man, dass sich nicht nur die Gewinner solche Stellen leisten können, sondern gerade die „Verlierer“.
Aufgrund der quasifeudalen Personalstrukturen deutscher Universitäten muss man stets daran erinnern, dass nicht nur Professoren und Professorinnen wissenschaftliche Arbeit leisten und zunehmend mit Drittmittelanträgen und immer neuen Verwaltungsaufgaben betraut werden. Das bereitet wissenschaftliches Personal aller Ebenen auf einen möglichen späteren Wechsel ins Wissenschaftsmanagement vor, wo die gegenwärtige Wissenschaftsförderung mehr Dauerstellen schafft als in der Wissenschaft, die sie fördert.
Der Änderungsbedarf liegt auf der Hand: Es gilt, die politische Phantasie nicht länger an weitere vermeintliche Exzellenzuniversitäten in ihren bröckelnden Bauten zu verschwenden, sondern für eine Reform zu verwenden, die das Verhältnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln vom Kopf auf die Füße stellt und endlich das überkommene Personalmodell reformiert. Darunter wird es kaum zu machen sein, wollen wir nicht weiterhin konditionalisierte Grundfinanzierung als „Exzellenz“ verbrämen.
In diesem Sinne wünschen wir ein frohes Public Viewing am 2. Oktober. Man sieht sich im nächsten Wettbewerb!
Thomas Bedorf lehrt Philosophie an der Fernuniversität Hagen, Astrid Franke lehrt Anglistik an der Universität Tübingen, Frieder Vogelmann lehrt Philosophie am University College Freiburg und an der Universität Freiburg, Christiane Zehrer lehrt Fachkommunikation an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Gemeinsam sind sie Mitglieder des Netzwerks Nachhaltige Wissenschaft.
