Die Komplexität, ein Zentralbegriff im Werk des französischen Soziologen und Anthropologen Edgar Morin, hat in den letzten zwanzig Jahren ihre wahre Tragweite erwiesen. Das ursprünglich theoretische Postulat, dass alles mit allem zusammenhängt und nicht in gesonderte Teilaspekte zerlegt werden kann, hat sich zum politischen Programm ausgeweitet. Ein Programm gegen vierschrötige Antworten und populistische Vereinfachung. Denn schlimmer noch als akribisch aufgedröseltes Expertenwissen sind die Pauschalerklärungen im Großen und Ganzen. Kein wirksameres Mittel also gegen die Verlockungen unserer Gegenwart als die Lektüre der Schriften Edgar Morins.
In seinem sechsbändigen Monumentalwerk „La Méthode“ versuchte Morin zwischen 1977 und 2004 alle Wissensbereiche von der Physik und der Biologie bis zur Anthropologie, Erkenntnistheorie und Ethik interdisziplinär noch einmal zusammenzufassen. Es war der ziemlich verrückte Anlauf zu einer neuartigen Enzyklopädie.

Statt den aktuellen Kenntnisstand in eine feste Ordnung zu bringen, ging es aber darum, ihn von stets wechselnden Standpunkten aus zu betrachten und damit in immer neue Zusammenhänge zu stellen. Widersprüchlichkeit und wechselseitige Konvergenz der Dinge schlossen einander dabei nicht mehr aus. Als Beispiel nannte Morin manchmal die europäische Kultur, deren miteinander rivalisierendes Doppelerbe aus jüdisch-christlichem und griechisch-römischem Gedankengut ein kohärentes Ganzes hervorgebracht habe und dennoch nie ganz in sich aufgegangen sei.
Widerstand gegen die Nazi-Besatzung
Interessanter als diese elastische Methodenlehre ist indessen das, was sich in den über hundert Büchern und Schriften des Soziologen zu allen möglichen Themen perspektivisch immer neu kreuzte. Es geht da um Kino und Massenkultur, Mai ’68 und Religionsfundamentalismus, linken Fortschrittsglauben und ökologische Wachstumsskepsis, europäische Stadttradition und globale Metropolenrealität, menschliche Todeserfahrung und biologische Manipulationstechnologie.
Diese unersättliche Interessensvielfalt war dem 1921 als Edgar Nahoum in einer nichtreligiösen jüdischen Pariser Familie Geborenen offenbar schon in die Wiege gelegt. Bevor sie jedoch wissenschaftlich zur Entfaltung kam, musste sie sich gegenüber der Zeitgeschichte behaupten. Als Fünfzehnjähriger schnürte der Schüler Solidaritätspakete für die republikanischen Freiheitskämpfer des Spanischen Bürgerkriegs. Während des Geschichtsstudiums schloss er sich 1942 gegen die Nazi-Besatzung einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. In jenen Jahren änderte er seinen Namen Nahoum in Morin, den er dann beibehielt.
Nie habe der Nationalsozialismus jedoch sein positives Deutschlandbild, das ihn durch Kino und Literatur in seiner Jugend geprägt habe, auslöschen können, schrieb er 2019 in seinen Memoiren „Les souvenirs viennent à ma rencontre“. Dieser differenzierte Blick bestimmte auch sein nach einjähriger Tätigkeit als Militärattaché in Deutschland 1946 veröffentlichtes Buch „Das Jahr Null. Ein Franzose sieht Deutschland“, in dem er das Porträt eines geknickten, hungernden und allerlei Wahnvorstellungen ausgesetzten Volks zeichnete.
„Der Mensch und der Tod“
Morins erste wissenschaftliche Publikation war 1948 die Studie „Der Mensch und der Tod“. Die philosophisch-anthropologische Ausrichtung wollte er auch in den soziologischen Studien der folgenden Jahre über das französische Dorfleben oder über den aufkommenden Starkult in der Nachkriegsgesellschaft beibehalten. Seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der modernen Kulturindustrie schlug sich 1962 Im Buch „L’esprit du temps“ nieder. Im Unterschied zur latent abschätzigen Behandlung der Massenkultur durch die Frankfurter Schule ging es Morin um eine wertfreie Erfassung der industriell hervorgebrachten und kommerziell vertriebenen geistigen Konsumware. Er wolle, schrieb er in jenem Buch, mit seiner Analyse die „Festung der Hochkultur“ aufbrechen und die Debatte ins flache Gelände der vorbehaltlosen Auseinandersetzung hinabführen.

Wissenschaftliche Forschung und philosophische Reflexion hinderten ihn jedoch nie an der subjektiven Betrachtung konkreter Lebensumstände wie etwa seiner wechselnden Wohn- und Aufenthaltsorte, im „Kalifornischen Tagebuch“ (1970), in „New York, Stadt der Städte“ (1984) oder 1987 im Buch „Europa denken“ – zu einer Zeit, wo dieser Kontinent noch zu gedanklichen Höhenflügen anregte.
Auch politisch mischte Edgar Morin sich in die Tagesaktualität ein. Nach dem Krieg geriet er bald in Konflikt mit der kommunistischen Partei, die ihn als Mitglied ausschloss. Ab 1954 engagierte er sich gegen den französischen Algerienkrieg. Nach der Wende des Berliner Mauerfalls wurde die Krise der Linken zu Zeiten des Neoliberalismus für ihn ein wiederkehrendes Reflexionsthema. Besonders exponierte Morin sich früh mit seiner Israel-Kritik. Ein zusammen mit zwei weiteren Autoren verfasster Zeitungsbeitrag, in dem er schon 2002 sich wunderte, wie schnell der Staat eines zuvor verfolgten Volks selber zum Unterdrücken eines anderen Volks übergegangen sei, brachte ihm virulente Beschimpfungen und in Frankreich ein Gerichtsverfahren wegen Rassenbeleidigung ein.
Ungewisses Schicksal
Eine wichtige Achse seines Denkens bildete in den letzten Jahrzehnten aber die Frage der Belastbarkeit der Erde als Lebensraum. Bis vor kurzem noch hätten die Menschen auf dem „Fremdkörper“ Erde gelebt und untereinander ihre Kriege geführt, schrieb Morin schon 1993 im Buch „Terre-Patrie“: Nun müssten sie lernen, als Schicksalsgemeinschaft auf dem Mutterboden der kosmischen Parzelle „Erde“ zu leben.
Er skizzierte in jenem Buch die Vision eines nicht-messianischen „Evangeliums der Verlorenheit“, einer Ermutigung zur Handlungsbereitschaft bei vollem Wissen um das ungewisse Schicksal unseres kleinen Planeten. Mit diesem Anliegen, das kein ökologisches Rettungsprogramm sein wollte, sondern auch die geopolitischen Spannungen und sich wieder häufenden Kriege einbezog, trat er bis vor wenigen Wochen noch in der Öffentlichkeit auf.
Kurz vor seinem 105. Geburtstag ist er am 29. Mai in Paris gestorben.
