Eine unvergessliche Szene, ein paar Jahre her: An einem Sonntagmorgen in Edgar Allan Poes Heimatstadt Richmond, Virginia hält ein altgelehrter Südstaatler einen Vortrag über „The Narrative of Arthur Gordon Pym“ im Garten des Poe-Museums. Das ist kein luxuriöses Literaturmuseum, aber luxuriöse Museen für ihre großen Dichter haben die USA, mal abgesehen vom disneyhaften Mark Twain Center, auch zumeist nicht. Mit uns sind neun Zuhörer gekommen. Aber der Vortrag ist gut, und der Geist sowie der Schrecken des 1838 veröffentlichten Romans werden vermittelt.
Sein Schrecken erschließt sich schon aus darin beschriebenen Begebenheiten wie „Meuterei und Gemetzel“, „Lebendig begraben“ oder „Totenflaute“. Den Geist des Romans zu erfassen, ist komplizierter. Denn Poe gibt ihm das Gewand eines Tatsachenberichts samt vertrackter Herausgeberfiktion, während der unzuverlässige Erzähler lauter steile, gar albtraumhafte Geschichten auftischt. Er schleicht sich als blinder Passagier an Bord eines Walfängers, überlebt die besagte Meuterei, erleidet Schiffbruch, überlebt auch diesen knapp, wird dann aber, ausgesetzt in einem Boot, zum Kannibalen, bevor er, von einem britischen Schoner aufgenommen, an einer Expedition in die Antarktis teilnimmt. In der Südsee wird fast die gesamte Besatzung massakriert. Am Schluss steht die unheimliche Begegnung mit einer weißen Riesengestalt; in einer Nachbemerkung ist dann von Pyms Unfalltod die Rede.
Zwischen Schauerromantik und modernem Horror
Der Traumlogik entgegensteht der teils dokumentarische Charakter des Textes, der zu großen Teilen aus Nacherzählungen von realen Reise- und Zeitungsberichten und angelesenem maritimen Fachwissen besteht. Das heiße See-Abenteuer hat Poe allerdings „kalt geschrieben“. Er hatte den Text ursprünglich als Fortsetzungsroman im „Southern Literary Messenger“ in Richmond angelegt.

Nach seiner dortigen Entlassung und seinem Umzug nach New York wollte er daraus schnell ein Buch machen, um Geld zu verdienen. Nicht zuletzt die Umstände der Textgenese führen zu der Frage, wie ernst es Poe mit dieser Fiktion eigentlich war, deren Menschenbilder teils problematische Karikaturen sind. Auch diese Frage trägt zum Reiz des Buches bei, der oft erst mit großer Verspätung erkannt wurde, aber literarisch und interpretatorisch überaus fruchtbar war.
Mit den Handlungselementen rund um Nantucket und das Schiff, das in seinem Namen „Grampus“ auf einen Meeressäuger verweist, kann der Roman als einer der Vorläufer von Herman Melvilles Jahrhundertwerk „Moby-Dick“ (1851) gelten. Er hat diesem auch schon das digressive Erzählen und die fachlichen Exkurse voraus.
Detailliert auf das Wesen des Wals und seines Fangs geht Poe freilich noch nicht ein; dafür hat sein Roman viele ganz eigenartige Züge zwischen Schauerromantik und modernem Horror, die ihn auch als Vorläufer von Kafka oder Lovecraft erscheinen lassen. Zudem wurde „Pym“ als parodistisches, psychoanalytisches oder gar schon postmodernes Werk gelesen. Manchen erschien es, ob der Symbolik und Rätselhaftigkeit, als Traum eines jeden Textinterpreten.
Nach Arno Schmidts Übersetzung von 1966, die aus dem Titel einen „umständlichen Bericht“ machte, haben die beiden neu übersetzten und kommentierten Ausgaben von Hans Schmid und Michael Farin (2009) sowie von Andreas Nohl (2022) noch viele neue Erkenntnisse und Deutungsmöglichkeiten hinzugefügt, etwa Poes „schönes Gaukelspiel“ einer fiktiven Eingeborenensprache betreffend, die verballhorntes Hebräisch sowie ein „makkaronisches Gemisch aus Latein, Englisch und Italienisch“ bereithalte: eine interessante Zutat im amerikanischen Schmelztiegel.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
