Die aufeinandergestapelten schwarzen Kunststoffringe haben im Innern stromlinienförmig geformte Luftschaufeln. Im Werk 4 des Ventilator-Spezialisten EBM-Papst im Dorf Hollenbach im fränkischen Norden von Baden-Württemberg montieren Werker die matt glänzenden Bauteile in die neueste Version von sogenannten Axialventilatoren: Mehr als 100.000 Stück davon hofft das Familienunternehmen im laufenden Geschäftsjahr zu verkaufen. Sie werden aller Voraussicht nach Chips und Computer kühlen, die durch die KI-Anfragen von Menschen heißlaufen.
Fünf Kilometer weiter, hinter bewaldeten, sich sanft in die Landschaft schmiegenden Hügeln, erläutert EBM-Papst-Chef Klaus Geißdörfer am Stammsitz des Unternehmens in Mulfingen die glänzenden Aussichten. „Wir kommen am Markt sehr gut an, wir haben gerade die richtigen Produkte zur richtigen Zeit“, sagt Geißdörfer im Interview mit der F.A.Z. Und die richtigen Produkte sind Ventilatoren, die EBM-Papst an die Hersteller von Kühl- und Lüftungsanlagen verkauft, die damit die Rechen- und Datenzentren auf der ganzen Welt ausrüsten. Die Geräte aus dem Hohenlohekreis laufen in so gut wie allen Anlagen der großen IT- und KI-Konzerne. Bei Amazon, Google, Oracle und Meta genauso wie bei Microsoft, Anthropic, NTT oder ByteDance.
Geschäft mit Datenzentren wächst schnell bei EBM-Papst
Die Erlöse, die das Unternehmen mit solchen Anlagen erzielt, machen mittlerweile weit mehr als ein Drittel des Umsatzes im Kerngeschäft aus, bei dem EBM-Papst im im März zu Ende gegangenen Geschäftsjahr 2025/26 auf 2,04 Milliarden Euro kam. „Im Kerngeschäft sind wir um zwölf Prozent gewachsen, die Umsätze im Datengeschäft sind dabei schneller gestiegen – und wir sehen in den ersten beiden Monaten, dass das Geschäft dieses Jahr noch einmal stärker zulegen wird“, sagt Geißdörfer.
Noch entstehen die großen Rechnerfarmen vor allem in den USA. Die Ventilatoren für diesen Markt stellt EBM-Papst am Stammsitz in Mulfingen und ein Dorf weiter in Hollenbach her oder in dem vor vier Jahren erweiterten Werk in Telford im US-Bundesstaat Tennessee. „Wir sehen aber, dass nun auch die Bautätigkeit in Asien und Europa zunimmt, auch dort wird das Geschäft bei uns zulegen“, erläutert Geißdörfer und verweist unter anderem auf das geplante KI-Rechenzentrum des japanischen Technologiekonzerns Softbank mit einer Gesamtleistung von bis zu fünf Gigawatt und einem Investitionsvolumen von bis zu 75 Milliarden Euro.

Auf die Frage, wie lange das Datenzentren-Wachstum andauernd wird, antwortet der EBM-Papst-Chef mit einem Lachen und macht das Zeichen einer Glaskugel. „Wir wissen von unseren Kunden, dass der Bedarf an Rechenleistung im Moment größer ist als das Angebot“, sagt Geißdörfer. Der Zweiundfünfzigjährige geht davon aus, dass der Markt in diesem und im nächsten Jahr jeweils um 30 bis 40 Prozent wachsen wird und sich das Wachstum 2028 auf nur noch fünf bis zehn Prozent abflacht. „Was danach passiert, da gibt es keine Prognosen.“
Computer in Rechenzentren werden entweder mit Luft- oder Wassersystemen gekühlt. Für Datenzentren reicht es in der Regel aus, wenn Luft durch die Serverschränke gepustet wird. Steigt die Rechenleistung bei KI-Anwendungen an, müssen die Anlagen mit Wasser gekühlt werden, dem die Hitze dann mit Wärmetauschern wieder entzogen wird. Für beide Systeme baut EBM-Papst Ventilatoren. Zudem stellt das Unternehmen auch kleine Kompaktventilatoren her, die direkt in Rechner montiert werden.
Zwei Konkurrenten, eine Region, viele Ventilatoren
Während Kompaktlüfter vor allem aus Asien kommen, produzieren mehr als 90 Prozent der weltweit angebotenen Großventilatoren gerade einmal zwei Unternehmen. Neben EBM-Papst ein Hersteller, der nur 15 Kilometer von Mulfingen entfernt in Künzelsau seinen Sitz hat: Ziehl-Abegg. Branchenkenner bezeichnen den Kreis Hohenlohe deswegen auch als „Ventilatoren-Valley“. Die Geschichte von EBM-Papst ist eng mit dem Konkurrenten verknüpft. Gegründet hat das Unternehmen Gerhard Sturm mit den beiden Söhnen des Ziehl-Abegg-Gründers Emil Ziehl im Jahr 1963 als Elektrobau Mulfingen (EBM). Sturm war damals technischer Leiter bei Ziehl-Abegg.
1992 kaufte EBM den Ventilatoren-Hersteller Papst im Schwarzwald und nahm den bekannten Namen als Marke auf. Seit 2003 firmieren alle Unternehmen der EBM-Gruppe unter dem Namen EBM-Papst. Die Verbindung der Familien Ziehl und Sturm prägt das Unternehmen bis heute, und so verteilen sich die Eigentumsverhältnisse von Beginn an auf drei Parteien.
Emil Ziehl gründete sein Unternehmen 1910 in Berlin als Hersteller von Elektromotoren, verlegte den Sitz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Süddeutschland und baute Ziehl-Abegg zu einem der international führenden Unternehmen im Bereich der Luft-, Regel- und Antriebstechnik aus. Die Produkte kommen in Wärme- und Kälteanlagen sowie Reinraum- und Agraranlagen zum Einsatz. 2025 erzielte das Unternehmen, das auch Aufzugsmotoren herstellt, mit weltweit 5800 Mitarbeitern gut eine Milliarde Euro Umsatz.
Geißdörfer stößt 2021 die Neuausrichtung an
Bei EBM-Papst hat Geißdörfer die klare Ausrichtung auf die industrielle Luft- und Heiztechnik angestoßen, als er im November 2021 die Verantwortung in Mulfingen übernahm. Die Geschäftsfelder Automobiltechnik für Personenkraftwagen und Hausgeräte sind am Auslaufen. Vor zwei Jahren hatte der Ventilatoren-Spezialist dann angekündigt, seine Sparte industrielle Antriebstechnik an Siemens zu verkaufen. Der Vollzug erfolgte dann im vergangenen Jahr. Der veräußerte Unternehmensbereich entwickelt, produziert und verkauft Antriebssystemlösungen, unter anderem auch für fahrerlose Transportsysteme.
Zusammen mit diesen auslaufenden Geschäftsfeldern, deren Erlöse sich noch auf 194 Millionen Euro summieren, erwirtschaftete das Unternehmen im Jahr 2025/26 mit weltweit mehr als 13.000 Mitarbeitern einen Gesamtumsatz von 2,236 Milliarden Euro, mit einer Steigerung um fast sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im laufenden Jahr strebt EBM-Papst einen Umsatz von mindestens 2,4 Milliarden Euro und 2028/29 von mehr als drei Milliarden Euro an. Den Gewinn nennt das Unternehmen nicht, und auch der Frage, ob die operative Umsatzrendite einstellig oder doch zweistellig ist, weicht der EBM-Papst-Chef mit einem Lächeln aus.
Zweites wichtiges Geschäftsfeld neben der aber deutlich größeren Lufttechnik, zu der die Ventilatoren für die Datenzentren gehören, ist die Sparte Heiztechnik. Da steigerte EBM-Papst die Erlöse um 6,6 Prozent auf 257,3 Millionen Euro. Das Familienunternehmen stellt unter anderem Ventilatoren für Wärmepumpen, aber auch Gasgebläse oder Ventile her, die in Heizanlagen zum Einsatz kommen. Ein Markt, der sich nach der Überzeugung Geißdörfers normalisieren und wachsen werde. Mit der neuen Regel wisse nun jeder, woran er sei, sagte der Manager mit Blick auf das Heizungsgesetz der früheren Ampelregierung und die Reform durch die amtierende Bundesregierung. Das Familienunternehmen produziert die Zulieferteile für die Heiztechnik unter anderem in Landshut. Dort sind 889 Mitarbeiter beschäftigt, und einige Abteilungen sind in Kurzarbeit.
Deswegen hat Geißdörfer 40 Beschäftigte vom Standort Landshut nach Hollenbach beordert. Dort gibt es genug zu tun. Dort montieren sie mit ihren Kollegen die Kühlsysteme für die Datenzentren der Welt – zu denen auch die Ventilatoren mit den stromlinienförmig geformten Luftschaufeln aus schwarzem Kunststoff gehören. Und in diesem Werk wird EBM-Papst die Arbeit vorerst nicht ausgehen.
