In zwei Reihen betreten die vierten Klassen der Henri-Dunant-Grundschule in Sossenheim redselig den großen Musiksaal mit Blick auf den Pausenhof. Dieser ist normalerweise in zwei Räume aufgeteilt. Heute aber wird hier gemeinsam mit dem Bridges Kammerorchester für die Stadtteil-Oper „Du bist okay“ geprobt. Am Donnerstag und am Freitag soll sie im Volkshaus aufgeführt werden. Eine Schulstunde haben die Schüler Zeit, bis die dritten Klassen an der Reihe sind.
Seit 2022 arbeiten die Grundschule und das Kammerorchester zusammen und haben in dieser Zeit schon zwei Projekte auf die Bühne gebracht, darunter 2024 ebenfalls eine Stadtteil-Oper. „In beiden Produktionen haben wir gemerkt, dass unsere Institutionen sowohl in Anliegen als auch Motivation, nämlich dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Verständnis von Vielfalt als Stärke, beinahe deckungsgleich sind“, erläutert die Kontrabassistin des Orchesters, Nicola Vock, die auch die Leitung Education und Community innehat. Dieses „perfect match“ wird seit dem vergangenen Jahr als Residenz weitergeführt, das erste Projekt dieser langfristig angelegten Partnerschaft ist die diesjährige Stadtteil-Oper.
Kinder beleuchten die Facetten des „Okay-Seins“
Aber was bedeutet es eigentlich, okay zu sein? Auch mit dieser Thematik haben sich die Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen sowie einer Intensivklasse gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, ihrer Musiklehrerin Anne Rumpf sowie der Regisseurin Sabine Fischmann über das ganze Schuljahr hinweg fächer- und medienübergreifend auseinandergesetzt. „In diesem Zuge haben die Kinder die vielen Facetten des ,Okay-Seins‘ beleuchtet“, erklärt Rumpf. „Da ging es zum Beispiel um Rollenklischees, aber auch darum, Gefühle zu hinterfragen und anzunehmen.“
Zusätzlich zu ihrer musikalischen Arbeit haben die Kinder Bilder gemalt und kurze Videosequenzen gedreht, in denen sie darstellen, welche Bedeutung der Satz „Du bist okay“ für sie hat. Außerdem haben sie Menschen aus Sossenheim befragt, was der Satz für sie bedeutet, und so den Stadtteil in das Projekt einbezogen. Und sie hoffen nun, dass die Sossenheimer sich dadurch haben motivieren lassen, das Konzert live zu erleben.

Im Musikraum ist es mittlerweile ganz still geworden. Jeder hat seinen Platz gefunden, und Anne Rumpf gibt die letzten Anweisungen. Dann setzen auch schon die ersten Gitarrenklänge des spanischen Lieds „Anda Jaleo“ ein. Zu der Vertonung von Federico García Lorcas gleichnamigen Gedicht haben die Kinder einen deutschen Text zum Thema Traurigkeit erarbeitet. „Sehr schön habt ihr gesungen“, lobt Rumpf die Klassen am Ende des Lieds. „Aber denkt daran, dass ihr eine Geschichte vom Traurigsein erzählt – und das so lebendig wie es geht.“
Für die Musiklehrerin ist klar: Die Idee, dass Menschen musikalisch oder unmusikalisch auf die Welt kommen, ist grundsätzlich falsch. „Im Musikunterricht machen wir den Kindern von Anfang an klar, dass sie eine Stimme haben und diese auch nutzen sollen, denn unsere Stimme ist das grandioseste Instrument, das wir haben.“ Der bemerkenswert homogene Klang der dritten und vierten Klassen, die in das Projekt involviert sind, sei vor allem der jahrelangen intensiven Arbeit zu verdanken, erklärt Rumpf. Öffentliche Auftritte, etwa beim Opernplatzsingen oder den Stadtteil-Opern, würden Hemmschwellen abbauen und Kindern unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund Zugang zur Musik ermöglichen. „Bei uns werden die Kinder zum Singen ermutigt, und wenn wir dann mit einem so tollen Orchester arbeiten, motiviert sie das ungemein“, sagt Rumpf.

Doch nicht nur beim Musizieren steht das Orchester der Grundschule zur Seite. Vier Musikerinnen und Musiker arbeiteten als Musikpaten noch intensiver mit den Klassen zusammen: Einmal im Monat sind die Bağlama-Spielerin Berivan Canbolat, der Gitarrist Dennis Merz, die Cellistin Carolina Pardo Reyes und der Kamanche-Spieler Alireza Meghrazi dafür in die Schule gekommen und haben den Kindern Lieder aus ihrer Heimat präsentiert, aus denen sie für „Du bist okay“ die Stücke auswählen konnten, die ihnen am besten gefallen haben. Gemeinsam haben sie mit ihren Paten diese Stücke neu arrangiert, die Texte umgeschrieben und sich dadurch gegenseitig besser kennengelernt. „Wenn wir hier als Residenzorchester tätig sind, muss auch eine menschliche Verbindung bestehen“, meint Kontrabassistin Vock.
Zwei Lieder proben die Viertklässler an diesem Morgen, danach haben sie sich ihre Pause mehr als verdient. Bevor es aber raus auf den Hof geht, haben sie noch einige Fragen: „Wer macht denn diesen ganz lauten Ton?“, fragt ein Schüler. „Das ist das Cajon“, erklärt Rumpf und nimmt die Frage zum Anlass, das Orchester mit seinen unterschiedlichen Instrumenten noch einmal genauer vorzustellen. „Was spielt Rabie“, fragt sie in die Runde. „Geige“, schallt es ihr entgegen. „Nein, Rabies Instrument ist größer als eine Geige, das ist eine Bratsche“, erläutert sie. „Und was spielt Hadil?“ „Ukulele!“ Da muss selbst Anne Rumpf lachen. „Das ist eine Laute, auch Oud genannt.“
Eine letzte wichtige Frage beschäftigt die Kinder schließlich noch: „Sind diese Leute auch bei unserem Auftritt im Volkshaus dabei?“, fragt ein Schüler. Anne Rumpf schmunzelt. „Es wäre schlecht, wenn das Orchester nicht dabei wäre“, sagt sie – und die Schülerinnen und Schüler freuen sich umso mehr auf die Auftritte.
