
Die Anklagebank erinnert an ein Klassenzimmer. Zwei lange Reihen, sechs Angeklagte und acht Verteidiger sind heute ins Düsseldorfer Landgericht gekommen. Man kennt sich untereinander, schüttelt Hände, nickt sich gegenseitig zu. Glatt könnte man vergessen, dass hier ein Fall organisierter Drogenkriminalität in beachtlichem Umfang verhandelt wird.
Es ist der dritte Tag im sogenannten „Rich-Kids“-Prozess. Diesen Namen verpassten ihm die Medien, obwohl er gleich doppelt falsch ist: Die zwei Hauptbeschuldigten Marvin G. und Maximilian G. sind weder Kids noch sind sie „rich“. Aber sie kommen aus gutem Elternhaus, sind beide Mitte bis Ende zwanzig, haben keine Vorstrafen, Abitur und zum Teil sogar ein angefangenes Studium.
Die Welt stand ihnen offen. Aber dann entschieden sie sich dafür, ein Drogenimperium aufzubauen, glaubt man der Anklage der Staatsanwaltschaft. Seit Beginn des Prozesses ist es die zentrale Frage: Wieso entscheiden sich Menschen, die so gute Startbedingungen in ihrem Leben hatten, für eine schwerkriminelle Laufbahn?
Die Staatsanwaltschaft wirft Marvin G. und Maximilian G. vor, zwischen 2022 und 2025 als Drahtzieher eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben. Mit Hilfe von Komplizen sollen sie insgesamt eine Tonne Kokain, vier Tonnen Marihuana, rund 20 Liter Amphetaminöl sowie rund 5000 Oxycodon- und 1000 Ecstasy-Tabletten verkauft haben. Im ersten Verfahren sind sechs Personen angeklagt. Weitere sollen folgen, da insgesamt über 30 Personen beteiligt gewesen sein sollen. Die Staatsanwaltschaft fordert 11,28 Millionen Euro von ihnen zurück.
In der Organisation der beiden – in Chats als „Firma“ betitelt, soll es so geordnet wie in einem mittelständischen Unternehmen zugegangen sein: Angestellte genossen Sozialversicherungen über Scheinfirmen, Bonuszahlungen und die neueste Technik, etwa modifizierte Google-Pixel-Handys mit eigens angefertigter Verschlüsselungssoftware. Für die IT-Sicherheit und die Finanzen soll vor allem Maximilian G. zuständig gewesen sein. Beim vergangenen Prozesstag zeichnete er ein Bild von sich als eloquentem jungen Mann aus gutbürgerlichem Haus. Jemand, der in der Robotics-AG der Schule programmierte, dann aber irgendwo zwischen Privatgymnasium und Klavierstunden falsch abgebogen ist. So weit abgebogen, dass ihn jetzt lange Jahre Haft erwarten könnten.
Luxusautos, teure Uhren, eine Villa in Marbella
In der Anfangszeit sollen die Geschäfte gut gelaufen sein. Es ist die Rede von einem Leben mit Luxusautos, teuren Uhren und einer 1,5 Millionen Euro teuren Villa in Marbella. Viel davon soll allerdings geleast gewesen sein. Laut dem Verteidiger Marc Piel, der den Angeklagten Marvin G. vertritt, sei die Gruppe gegen Ende in einer schlechten finanziellen Situation gewesen. Gründe dafür könnten gewesen sein, dass einige Lieferungen aus Südamerika nie ankamen, Ware geraubt wurde oder von Behörden beschlagnahmt.
Obwohl sich die Gruppe viel Mühe gab, über verschlüsselte Kommunikation und Decknamen unter dem Radar zu bleiben, gelang es den Behörden, sich Zugang zu einem der Smartphones zu verschaffen. Monatelang verfolgten sie in Chats Übergabeorte und eine centgenaue Buchhaltung über Käufe und Verkäufe, bis sie dann im März 2025 zuschlugen. Objekte in Deutschland, Spanien, Belgien, Polen und den Niederlanden wurden durchsucht und Verdächtige festgenommen.
Beim Verhandlungstag möchte der zweite Hauptbeschuldigte Marvin G. etwas über sein Leben erzählen. Zumindest er könnte an diesem Freitag äußerlich als „Rich Kid“ durchgehen – mit seinem weißen Button-down-Hemd, das unter einem Rundhalspullover verschwindet. Rasierter Bart und akkurat geschnittene Haare, eine Frisur, die an den Werbemogul Donald Draper aus der Serie „Mad Men“ erinnert.
Aufgewachsen umgeben von Schafen, Kühen und Weiden
Marvin G. weiß sich auszudrücken und beschreibt fast malerisch sein sorgenfreies Leben in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen: „Wir wohnten im einzigen Haus mit asphaltierter Straße, umgeben von Schafen, Kühen und Weiden.“ Auch wenn seine Eltern sich trennten, als er acht Jahre alt war, hätten sie immer zusammengehalten. „Von Streitereien habe ich nie etwas mitbekommen“, sagt er.
Er spricht langsam, nimmt sich Zeit für Details und hält die Hände dabei ineinander verschränkt, als stelle er gerade einen Geschäftsbericht vor.
Sport sei ihm wichtig gewesen. Im Sommer ging er schwimmen, spielte Tennis und entdeckte seine große Liebe: den Fußball. Bis er sich am Knie verletzte. „Danach hatte ich eine rebellische Phase“, sagt Marvin G. In dieser Zeit habe er angefangen, öfter Alkohol zu trinken, und auch mal Cannabis ausprobiert. Harte Drogen habe er nicht genommen, sagt er. Und auch wenn er mal zu tief ins Glas geschaut habe, habe er sich immer wieder gefangen.
Er besuchte ein Wirtschaftsgymnasium mit den Leistungskursen BWL und Mathematik. In seiner freien Zeit mähte er den Rasen von Nachbarn oder führte Hunde aus, um sein Taschengeld aufzubessern und sich den Führerschein zu finanzieren.
Nach dem Abitur habe er in der Nachtschicht Briefe sortiert und anschließend eine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert. Er habe aber schnell gemerkt, dass ihn der Job nicht erfülle. Er habe lieber etwas mit BWL und VWL machen wollen, sagt er. Auch wenn Marvin G. an diesem Tag nicht näher darauf eingeht, muss es ungefähr in dieser Zeit gewesen sein, als die erste Idee für die mutmaßlich späteren Unternehmungen mit Maximilian G. entstand.
An diesem Tag möchte sich keiner der Angeklagten zur Tat einlassen. Es scheint aber durch, dass grundsätzlich Bereitschaft zum Reden besteht. Über ein mögliches Strafmaß lässt sich zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren. Bei Fällen dieser Art bewegt es sich zwischen fünf und fünfzehn Jahren, sagt Yannick Börter, der als Verteidiger einen der weiteren Angeklagten vertritt.
Der Prozess wird am 16. Juni fortgesetzt.
