Bei einem Einbruch in das Museum des burgundischen Châtillon-sur-Seine wurde jüngst der rund zweieinhalbtausend Jahre alte „Torques von Vix“ gestohlen, ein phantastisch kunstvoll gearbeiteter goldener Halsreif – und eines der bedeutendsten Zeugnisse keltischer Kultur in Europa.
Der Raub ereignete sich zwar schon vergangenen Freitag, wurde jedoch erst jetzt bekannt. Die Täter spazierten am hellichten Tage als Besucher in das Museum, schlugen eine gesicherte Vitrine ein und entkamen ungehindert mit dem 23 Zentimeter breiten Goldhalsreif. Ein Schelm, wer da nicht an den Juwelendiebstahl im Louvre vor einigen Monaten denkt, bei dem die Gauner wie der Meisterdieb Arsène Lupin vor versammelter Besucherschar ebenfalls die Vitrinen leerten.
Der gestohlene Halsring der Fürstin von Vix ist ein nationaler Schatz
Der nun gestohlene Halsring ist nicht bloß irgendein dekoratives Schmuckstück. Es entstammt dem Grab der sogenannten Fürstin von Vix, das zu einem keltischen Oppidum auf dem Mont Lassois im Nordburgund gehörte. Ein Torques, im Deutschen wegen seiner häufig gewundenen Form auch „Wendelring“ genannt, ist ein eisenzeitlicher, an einem Ende offener Halsring mit meist kugeligen Verdickungen.
Für die Kelten besaß er überragende Symbolik, vermutlich sah man ein Herrschafts- und Freiheitszeichen darin. Im Fall einer der dramatischsten Marmorfiguren der Antike, des sogenannten „Sterbenden Galliers“, wurde selbst noch der Statue des am Boden liegenden Kriegers dieses Accessoire der Freiheit um den Hals gemeißelt. Und nicht von ungefähr spielt der Reif im Asterix-Band „Die Tochter des Vercingetorix“ eine wichtige Rolle als an Adrenaline vererbtes Herrschaftszeichen ihres Vaters, des legendären Gallieraufständlers.
Über die Symbolik hinaus ist der „Torques von Vix“ aber auch ein unerreichtes Meisterwerk der Goldschmiedekunst. Sein halbmondförmiger Bogen endet in zwei Wildschweinläufen mit struppiger Fellgravur, die vom glatt polierten Ring durch eine Art Butler-Manschette abgesetzt ist. Auf den Paarhufen links und rechts macht sich auf einem mit drei Reihen Schlingfiligran dekorierten Sockel ein ebenfalls fellgravierter Pegasus zum Absprung respektive Abflug bereit. Der Schweif des Flügelpferdes wiederum geht in eine mohnkapselartige Verdickung über, die – falls Ihnen der Schatz im Frankreich-Urlaub zufällig angeboten werden sollte – auf einer Seite eine markante Delle aufweist.
Wird das unersetzliche Meisterwerk aus Gold nun eingeschmolzen?
Es ist der dritte große Raub in Frankreich in Folge: Bei einem Einbruch in das Musée Lalique in Wingen-sur-Moder im Elsass erbeuteten maskierte Täter am Morgen des 5. Juli rund zwanzig historische Jugendstil- und Art-déco-Schmuckstücke im Gesamtwert von bis zu vier Millionen Euro. Das 2011 eröffnete Museum beherbergt rund 650 Werke des Glas- und Schmuckkünstlers René Lalique und war noch Ende 2025 aufgrund des Schmuckdiebstahls im Pariser Louvre im Oktober desselben Jahres als „sensibles Objekt“ eingestuft worden. Doch konnte der Einbruch trotz den Behörden zufolge „zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen“ nicht verhindert werden.

Wie bei den auf 88 Millionen geschätzten geraubten Juwelen von Paris fehlt von den geraubten Lalique-Schmuckstücken und vom Halsring bislang jede Spur, auch wenn in Paris vier und in Châtillon ein Täter gefasst wurde. Aufgrund seiner Unverkäuflichkeit und des beträchtlichen Gewichts von genau 480 Gramm reinen Goldes steht das Schlimmste zu befürchten: dass nämlich der keltische Torques von den Dieben eingeschmolzen wird, wie es wohl auch für die Louvre-Preziosen geplant war.
Als Reaktion auf die Diebstahlserie hat die französische Regierung angekündigt, „gefährdete“, also wertvolle Kunstschätze künftig besser zu schützen. Demnach sollten „besonders sensible Exponate vorübergehend“ aus den Ausstellungen genommen und an sicheren Orten verwahrt werden – bis sie besser „gegen mögliche Angriffe geschützt“ seien, so einer der vielen jetzt verkündeten Punkte des Aktionsplans.
Mit dem Apollo-Saal im Louvre als bisherigem Präsentationsort der Juwelen hat man bereits begonnen: Er ist seit einigen Tagen nur noch leer zu besichtigen, sämtliche Vitrinen, in denen zuvor unter anderem die französischen Krönungsjuwelen ruhten, wurden herausgeräumt. Verbrämt wurde das absurderweise als Sichtbarmachung der „Ästhetik“ des Saals mit Barockdecken Charles Le Bruns und Ergänzungen von Eugène Delacroix und François Girardon, der nun erstmals „ohne Ablenkung“ genossen werden könne.
Man stelle sich vor, das Berliner Bodemuseum nach dem Diebstahl seiner Hundert-Kilo-Goldmünze oder das Grüne Gewölbe Dresden nach dem dortigen Diamantenraub wären einfach leer geräumt worden. Die Befreiung der Ausstellungssäle von ihren Exponaten kann nicht die Idee des Universalmuseums Louvre sein – dafür gibt es Versailles. Die Mona Lisa, 1911 schon einmal gestohlen, wurde als Gefährdete schließlich auch nicht abgehängt und in Sicherheit gebracht, um ihre architektonische Hülle, den „Salle des États“, in all seiner Schönheit zu erleben.
Es ist ein Offenbarungseid, der offenbar, wie in Frankreich üblich, von ganz oben par ordre du mufti dem neu bestimmten Louvre-Direktor Christophe Leribault und nun auch der Direktion in Châtillon-sur-Seine verordnet wurde, weil Macron auf den letzten Metern seiner Präsidentschaft keine weiteren publicityschädlichen Raubzüge und den Eindruck eines sichtbar überforderten und hilflosen Staats riskieren will. Mit einem aktivistischen 33-Punkte-Paket, das etwa unangekündigte Sicherheitsüberprüfungen durch Spezialisten des Ministeriums sowie zusätzliche Schulungen für das Museumspersonal vorsieht, will das Kulturministerium nun der Räuberplage gegensteuern. Wie aber landesweit in kürzester Zeit „besonders gefährdete“ Häuser und Exponate identifiziert sowie hernach aus den Vitrinen genommen und sicher verwahrt werden sollen, ließ das Ministerium offen.
