Das beste Spielfilmende aller Zeiten? Auf der Diskussionsplattform Reddit liegt „The Truman Show“ weit vorn, genau wie „Matrix“. Genannt wird aber auch „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg. Wenn es nicht das beste Ende sei, dann das ergreifendste. Zur Erinnerung: Spielbergs Film über Oskar Schindler, gespielt von Liam Neeson, zeigt den Kampf des Helden um die Rettung „seiner“ Juden in Schwarz-Weiß, beschließt mit seiner Rede, seiner Rechtfertigung und seinem Gram den fiktionalen Teil des Films. Dann wechselt der Film zur Farbe, zur dokumentarischen Beglaubigung: An Oskar Schindlers Ehrengrab in Jerusalem ziehen 1993 in langem schweigendem Zug die noch lebenden „Schindlerjuden“ vorbei.
Jede Person legt am Ruheort dieses „Gerechten unter den Völkern“ nach jüdischer Tradition einen Stein ab. Darunter eine gebrechlich wirkende Frau im Rollstuhl. Am Ende legt ein Mann eine rote Rose auf die Grabplatte. Als Zeichen der Verbeugung vor Schindler, dem „Synonym für Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit“.
Man kann in diesem „besten Ende ever“ auch eine Legende sehen, die die wahre Geschichte verkürzt. Oskar Schindlers Rettung von mindestens 1200 jüdischen Menschen vor dem Holocaust, von Zwangsarbeitern, die er durch Verhandlung und Bestechung von SS-Mitgliedern und anderen Nazigrößen nach der gewaltsamen Räumung des Ghettos in Krakau in seiner nach Brünnlitz verlegten Fabrik vor der Vernichtung schützte, war nur in Kooperation mit seiner Ehefrau Emilie Schindler möglich. Historisch gesichert ist, dass Emilie bei der Beschäftigung und Versorgung der „Schindlerjuden“ den entscheidenden Part spielte.
Holocaust-Aufarbeitung geprägt vom Blick auf handelnde Männer
Ereignisgeschichte und historische Biographie bedürfen der Versprachlichung und möglicherweise Verbildlichung, um zugänglich zu sein. Dabei kann man von einer Falle in die nächste tappen. Was in der Nachkriegszeit, so heißt es in der BR-Arte-Dokumentation von Annette Baumeister, „Emilie Schindler – Die vergessene Heldin“, die zögerliche Holocaust-Aufarbeitung geprägt habe, seien der Blick auf handelnde Männer und der männliche Blick der Forscher gewesen. Oskar Schindler, Judenretter, NSDAP-Mitglied, Spion in Polen, Frauenheld und großspurig auftretender Geschäftsmann mit immer neuen Ideen (und Pleiten) war eine komplexe Figur, eignete sich aber hervorragend für die Erzählung vom „guten Deutschen“ in finsterer Zeit. Er wurde zur Lichtgestalt.
Weggelassen wurde seine Frau Emilie, vor allem, als Schindler nach dem Krieg in Frankfurt lebte, während Emilie sich in Argentinien, wo beide mit einer Geflügel- und Biberrattenfarm pleitegegangen waren, zurückzog, vereinsamte und bitter wurde. Das freilich änderte sich mit den Dreharbeiten zu „Schindlers Liste“. Zwar taucht Emilie, gespielt von Caroline Goodall, nur in wenigen Szenen auf, aber mit dem Erfolg von Spielbergs Film kam auch das Interesse an der Zeitzeugin. Seit 1994 wuchs die Aufmerksamkeit, wurde berichtet, ehrte man sie als „Engel der Verfolgten“. 1993 wurde auch sie eine „Gerechte unter den Völkern“. 2001 starb sie in Strausberg bei Berlin.

„Emilie Schindler“ ist nicht die erste dokumentarische Darstellung, die ihren Anteil an der Rettung von 1200 Juden vor der Vernichtung zurechtrückt. Leider auch nicht die beste, denn hier scheint zu gelten, den Tort an Emilie Schindler möglichst groß erscheinen zu lassen und Oskar Schindler möglichst klein. Spielbergs Film kann einen aus der Perspektive der historisch-weiblichen Korrektur ja auch wütend machen. Die greise Frau im Rollstuhl, die unauffällig am Ehrengrab vorbeigeschoben wird, ist Emilie Schindler. Ihren Äußerungen und journalistischen Filmaufnahmen zum Ende ihres Lebens nach ist sie auf ihn alles andere als gut zu sprechen. Nach der Pleite mit der Farm, als sie sich trennten und er ein Jetset-Leben aufnahm, verarmte sie, wurde vergessen.
Den in Baumeisters Doku gezeigten Videos der Shoah Foundation, in denen die Überlebenden auch Emilie Schindlers Wirken beschreiben, hätte man ihre Bedeutung entnehmen und sie adäquat würdigen können. Aber daran war niemandem so recht gelegen. Vor allem nicht, so suggeriert die Doku, dem Selbstdarsteller Oskar Schindler. Wobei der Film hier reine Behauptung ist. Der Film verfolgt ein Interesse: an Oskar Schindler kaum ein gutes Haar zu lassen. Er weist die Thesen-Oberflächlichkeit auf, die ARD-„History“- und Arte-Kulturdokus kennzeichnet. Schnell und wie aus zusammengewürfelten Quellen geschnitten, ähnelt der Film mehr einer Archivausstellung als einer historisch seriösen Rekonstruktion.
Da turtelt ein Paar am Fenster (zur Bebilderung der anfänglichen Verliebtheit des Paars). Da zeigen Parademarschbilder die Entpersonalisierung im NS-Staat. Da bilden blaugrau-trübe Bilder halbzerstörter Fabrikgelände visuelle Anker. Eine unmittelbare Kraft entfaltet der Film nur, als Emilies Nichte und ein Überlebender, Henry Dressler, berichten, wie Emilie im Januar 1945 Juden aus einem verschlossenen Viehwaggon befreite. Für Sekunden sind entsetzliche Bilder von Toten zu sehen, manche, so heißt es, waren mit Haut und Haaren am Waggon festgefroren.
Es ist schade, dass „Emilie Schindler“ vor allem darauf abzielt, die Mär von der betrogenen Ehefrau zu dekonstruieren. Die Chance, ihre Geschichte aus eigenem Recht zu erzählen, hätte angesichts der Quellenlage bestanden. Dass Arte den Film am Sonntagabend nach „Schindlers Liste“ zeigt, ist richtig. Wie man ihn besser gemacht hätte, kann man sich bei Lutz Hachmeisters Dokumentation über den „anderen Schindler“ in „Calmeyers Dilemma“ ansehen.
Emilie Schindler – Die vergessene Heldin läuft am Sonntag um 23.20 Uhr bei Arte. Zuvor läuft Schindlers Liste.
