Die Begegnung war dem Augenschein nach eine der altbekannten Anquatschereien, wie sie junge Frauen fortwährend erleben: lästig, aber harmlos. Auf der Strandpromenade im englischen Brighton fragte ein Mann mit Sonnenbrille eine Passantin im Trägerkleid, wie sie heiße und ob er ihre Telefonnummer haben könne. Die Angesprochene wehrte ab, sie habe einen Freund und dachte sich nichts weiter dabei – bis sie ein Video des Zusammentreffens auf Tiktok entdeckte. Gefilmt wurde es aus der Perspektive des Mannes: mit Smartglasses, unbemerkt vom Gegenüber.
Unter dem Clip mit Hunderttausenden Aufrufen sammelten sich beleidigende Kommentare über die Frau. Die Gefilmte ging, wie sie der BBC erzählte, zur Polizei, wo sie erfuhr, dass Aufnahmen im öffentlichen Raum legal seien. Da könne man leider nichts machen.
Das Problem: Bisher fiel es einfach ins Auge, wenn Leute Aufnahmen machten, ob mit Filmkameras, Camcordern, Digitalkameras oder Smartphones. Smartglasses wie die neuesten von Mark Zuckerbergs Konzern Meta, die in Gestellen von Ray-Ban daherkommen, sind spontan von normalen Brillen kaum zu unterscheiden. Ein Tippen an der Seite aktiviert Kamera und Mikrofon; das Lämpchen, das dann blinkt, lässt sich leicht abkleben. Die Folge ist Ahnungslosigkeit vor der Linse.
„Pick-up-Artists“ auf der Jagd nach Bildern
Besonders attraktiv finden diese Spanner-Technik selbst ernannte Dating-Coaches, „Pick-up-Artists“ oder „Rizzfluencer“, die mit Onlinevideos aus Männerperspektive vermeintliche Aufreißerqualitäten illustrieren und damit im Internet Klicks und Kasse machen. Unterwegs sind sie auch in Deutschland. Heimlich auf dem Oktoberfest, am Alsterstrand, in Bars oder der Sauna gefilmte Frauen finden sich im Web zur Schau gestellt wieder. Die Smartglass-Träger üben Bildgewalt aus, die Betroffenen erleben Kontrollverlust und empfinden Scham, Wut oder Angst.
Dass auf einschlägigen Websites mit Smartglasses gefilmte Pornos kursieren, kann nicht verwundern. Ob sie mit oder ohne Einverständnis der Gezeigten hergestellt wurden – wer weiß das schon? Das Feld des Voyeurismus ist weit, und Smartglass-Aufnahmen von der Straße, könnte man meinen, gehören da noch zu den Harmlosigkeiten in der Tradition überkommener Fernsehstreiche mit versteckter Kamera.

Doch so einfach ist es nicht. Als Google vor ein paar Jahren mit seiner smarten „Glass“-Brille am Markt scheiterte, floppte das vom Konzern gehypte Gimmick, weil es so viel nutzloser war als jedes Smartphone, dämlich aussah und spontan als Angriff auf die Privatsphäre wie den öffentlichen Raum erkannt wurde, mit Folgen wie Kneipenverboten für die als „Glassholes“ geschmähten Träger.
Die großen Digitalkonzerne aber wollen nicht lassen von visionären „Wearables“, die reale und virtuelle Welt, Dinge und Informationen wenn schon nicht in einem Metaversum, doch wenigstens im Sichtfeld verschmelzen lassen, mit Navigation, Telefonfunktion, Augmented Reality und Künstlicher Intelligenz. Das Meta-Smartglass verkauft sich deshalb blendend, weil es unauffällig cool aussieht wie ein Agentenspielzeug. Visuelle Egoshooter können damit gestylt auf Bilderjagd gehen; die Beute sind viral gehende Videos angebaggerter Frauen oder argloser Mitmenschen, die irgendwie reingelegt wurden.
Strafrecht mit Lücken und Faustrecht in der U-Bahn
Im deutschen Recht stößt die Smartglass-Filmerei in eine Lücke: Heimliche Aufnahmen sind verboten, in der Regel aber nur dann strafbar, wenn sie in einem vor Einblicken geschützten Bereich entstanden sind. Gegen die Verletzung von Persönlichkeitsrechten zu klagen, ist nicht einfach. Bleibt auf die Schnelle nur die Meldung bei den Onlineplattformen, auf denen die Videos laufen, in der Hoffnung, dass sie dort gelöscht werden. Oder präventiv: Die Installation einer Warn-App wie „Nearby Glasses“, die Bluetooth-Signale von Smartglasses erkennen soll.
Meta verweist darauf, dass Nutzer der Smartglasses selbst verantwortlich seien für die Art der Nutzung. Ein vom SWR befragter amerikanischer „Pick-up-Artist“ und Smartglass-Filmer gibt kalt lächelnd die Losung aus, dass sich heutzutage eben jeder in der Öffentlichkeit verhalten müsse, als werde er gefilmt. Polizisten müssen bei uns offenlegen, wenn sie Bodycams tragen. Für Smartglass-Träger müsste mindestens die gleiche Informationspflicht gelten. Das wäre auch im Sinne der großen Mehrheit, die bei verschiedenen Befragungen zu Smartglasses in der Öffentlichkeit immer wieder ihre Ablehnung ausgedrückt hat.
Kein Wunder, dass im Internet eine Frau von Nutzern als Heldin gefeiert wird, die einem Smartglass-Filmer in der New Yorker U-Bahn die Brille zertrümmert hat. Der Mann veröffentlichte ein anklagendes Video wegen der Sachbeschädigung auf Tiktok – und wurde mit Häme überzogen.
