Die USA, konstatierte der amerikanische Science-Fiction-Autor Isaac Asimov 1971 in seinem Essay „Die gute Erde stirbt“, seien die wohlhabendste Nation der Welt. „Aber die USA können so nur leben, weil sie mit nur einem Sechzehntel der Erdbevölkerung etwas mehr als die Hälfte aller Energie nutzen, die für den menschlichen Verbrauch produziert wird.“ Würden alle Menschen auf dem Niveau der Amerikaner leben wollen, so stiege der Energieverbrauch der Erde aufs Achtfache, prognostiziert der Schriftsteller.
Was er als Horrorszenario der Überbevölkerung und einer zukünftigen Umweltkatastrophe an die Menschheit richtet, ist der Traum von Digger Rockwell. Denn Digger verdankt seinen Reichtum sprudelnden Erdölquellen und dem Umstand, dass die in der nicht allzu fernen Zukunft, in der Regisseur Alejandro Iñárritu seinen Film „Digger“ ansiedelt, noch immer der Motor der Weltwirtschaft sind.
Seinen Angestellten ruft Digger noch vor dem Frühstück per Headset zu, dass sie sich anstrengen sollen, größere Gewinne herauszuholen. Eine Million Barrel fördert seine Plattform in Alaska pro Tag. Zwanzig, dreißig Prozent mehr seien doch noch drin: „I need some hustle!“ Mit Zahlen hantiert er gern, solange sie für ihn sprechen. Als ein Wissenschaftler aus Grönland ihn anruft, um vor einem Riss im Gletscher zu warnen, auf dem die Ölförderungsanlage steht, ermahnt Digger ihn erst, seine Zahlen bitte dem System des Auftraggebers anzupassen („In English please, I don’t speak Meter or Celsius“), und beginnt daraufhin, sofort mit ihm zu verhandeln: „Der Vertrag für Grönland läuft nur noch neun Monate.“ So lange könne man doch noch ein paar Berechnungen anstellen, wie gefährlich das Ganze überhaupt sei. Der Wissenschaftler stimmt schließlich winselnd zu, nachdem Digger ihn in die Enge getrieben hat: „Wollen Sie dafür verantwortlich sein, dass ich all die Leute dort entlasse?“ Zufrieden legt der Ölmilliardär auf.
Diese Verhandlung hat er gewonnen, seine Rechnung aber ohne die Natur gemacht, der man weder drohen noch schmeicheln kann. Der Riss ist gewachsen. Das Methangas unterm Eis hat einen Gletscher von der fünffachen Größe Washingtons abgespalten, und der treibt nun auf Nordeuropa zu.
Mit einem Hauch Texas
Natürlich hat man bereits im vergangenen Jahr beim letzten Teil der „Mission: Impossible“-Reihe bewundern können, dass Cruise nicht nur schön rennt, um die Welt zu retten, sondern auch in den feineren Fächern der Mimik und des sonstigen Ausdrucks ein begnadeter Schauspieler ist. Er garnierte den Actionfilm am Rand damit, soweit ein Film dieses Genres es eben zulässt. In „Digger“ aber hat er endlich wieder 130 Minuten Zeit, alle Register zu ziehen – und wer ihn im Gerichtsdrama „Eine Frage der Ehre“ (1992) oder Paul Thomas Andersons „Magnolia“ (1999) beeindruckend fand, dem sei versichert: Der Mann, in dieser Rolle äußerlich kaum wiederzuerkennen, ist in den vergangenen Jahrzehnten nur noch besser geworden und hat in Iñárritu einen Partner gefunden, der ihm vertraut.
Der mexikanische Regisseur gibt ihm nicht weniger zu tun, als er 2014 Micheal Keaton in seinem Drama „Birdman“ zugemutet hat. Und er stellt Cruise exzellente Kollegen zur Seite: John Goodman gibt einen grau angestaubten Hardliner-Präsidenten, für den Bomben eine gute Lösung jeglicher Probleme darstellen; Riz Ahmed kämpft als Wissenschaftler um den Wert von Wahrheit und Fakten; Jesse Plemons fungiert als guter Geist; und Sandra Hüller beweist, dass sie immer den richtigen Ton trifft und selbst mit dem nackten großen Zeh noch das Innenleben ihrer Figur vermittelt, selbst wenn sie nur am Rand einer Szene sitzt.
Es braucht diese Schauspielgrößen, um die schwierige Aufgabe, die der Film ihnen stellt, auch nur im Ansatz zu bewältigen. Denn „Digger“ spielt mit einigen doppelten Böden und changiert zwischen den emotionalen Färbungen wie ein Ölteppich in der Sonne. Kurze leuchtende Slapstick-Momente (nacheinander ringen drei Besucher in Diggers Salon mit der Stolperfalle eines Eisbärfells) wechseln mit tiefschwarzem Humor (der Kampf ums Überleben von Diggers räudiger Lieblingskatze) und verzwickter Satire, die härteste politische Wahrheiten ausspricht.
Der Öltycoon vorm Europarat
Zu den stärksten Momenten der letzteren Sorte gehört der Auftritt des Öltycoons vor dem Europarat. Angeklagt, die Welt mit seiner Gier nach mehr Profit ins Chaos gestürzt zu haben, greift er nach der mächtigsten Rhetorikwaffe, die er kennt: der Wahrheit. „Wie viele Flugzeuge mussten betankt werden, damit Sie hier sein können? Niemand von Ihnen ist heute mit dem Fahrrad zu dieser Sitzung gekommen.“ Und hält ihnen vor, wie viel ihres komfortablen Lebensstils sich seiner unermüdlichen und mitunter riskanten Ölförderung verdanke: „Sie haben mich gewähren lassen und mir diese Verträge gegeben, um von Russland und China unabhängig zu bleiben.“ Ein Schuh trifft ihn am Kopf. Chaos bricht aus. Der Mob wütet. Nicht nur drinnen, auch vor dem Parlament.
Dass all das vor überstilisierten, fast schon Brecht’schen Kulissen geschieht – im Hinterzimmer des Europarats ist ein Montblanc an die Wand gemalt, von der Decke tropft es rhythmisch, als wären die letzten Gletscher direkt auf dem Dach geschmolzen –, ist Teil des Konzepts, einer großen, ehrgeizigen Meta-Idee. Ebenso wie die Kostüme, die Goodman als Präsidenten in einem zu großen, eckigen Anzug zeigen (Machtsymbol: zu lange, rote Krawatte!) und Cruises Digger bei der Regierungskrisensitzung mit Bolo Tie und grellem Achtzigerjahre-Cardigan als jene Art Geschäftsmann, der ganz genau weiß, wann er auf bodenständig und volksnah machen muss.
Wenn Kino immer auch eine Vertrauensübung zwischen Künstler und Publikum ist, so kann man sich bei Iñárritu und Cruise darauf verlassen, dass sich der Sinn der Details und großen Bogen schon enthüllen wird. Und auch, was der Künstler vom Publikum nach dieser Mahnung erwartet oder nicht erwartet, wird beantwortet. Seine Botschaft ist so streng wie Asimovs Zukunftsblick vor vielen Jahren.
„Digger“ läuft von Donnerstag an im Kino.
