
Für Dieter Hallervorden ist es eine Rückkehr in seine Heimatstadt: Hallervorden stammt aus Dessau, wo sein Vater Flugzeugkonstrukteur war und das er noch vor seiner schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg kennt. Seit einigen Jahren betreibt der 90 Jahre alte Komiker ein Theater in der Stadt, deren Bevölkerung ihm dafür stark verbunden ist. Wie stark, zeigt sich am Montag im Dessauer Hugo-Junkers-Saal bei einer Wahlkampfveranstaltung des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven Schulze gemeinsam mit Hallervorden. Die 600 Plätze sind seit Tagen ausgebucht, an der Tür müssen Personen abgewiesen werden. Am Ende sind etwa 750 Menschen im Saal. So stark besucht wie die Veranstaltungsreihe von Schulze mit Hallervorden sind in diesem Wahlkampf bisher nur die AfD-Termine.
Die ersten gemeinsamen Veranstaltungen in der vergangenen Woche führten allerdings zu öffentlicher Kritik, weil Hallervorden die CDU-geführte Bundesregierung dort als Kriegstreiber hinstellte und in einem Video ein Banner mit der Aufschrift „Stoppt den Völkermord in Gaza“ zeigte.
Kritik von neuer CDU-Generalsekretärin Hoppermann
Die neue Generalsekretärin der Bundes-CDU, Franziska Hoppermann, stellte daraufhin am Wochenende die Position ihrer Partei klar: „Es gibt keinen Völkermord in Gaza, wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine gegen den Terror und Aggression.“ Deutschland müsse sich verteidigen können, damit es sich nicht verteidigen müsse, zitierte Hoppermann Bundeskanzler Friedrich Merz und fügte hinzu, dass die CDU zur Meinungs- und Kunstfreiheit stehe. „Doch auch hier gibt es Grenzen – mindestens aber muss die Kunst mit deutlichem Widerspruch leben.“
In Dessau macht Hallervorden am Montagabend klar, dass er trotz dieser Kritik unverbrüchlich an seiner Linie festhält. Auf der Bühne stimmt er sogleich sein Lied gegen die Rüstungspolitik der Bundesregierung an. In dem Lied bezeichnet Hallervorden Boris Pistorius als „Kriegsminister“ und vergleicht die gegenwärtige Aufrüstung der Bundesrepublik mit dem Kriegskurs der Nationalsozialisten. „Am Ende geht’s um Kohle, das ist der größte Treiber“, singt Hallervorden und erhält dafür Applaus des Publikums.
Hallervorden lobt Schulze für „Rückgrat“
Unmittelbar danach greift Hallervorden die Bundes-CDU auch für ihre Kritik an seinen Aussagen an. „Wir haben starken Gegenwind bekommen von der neuen CDU-Generalsekretärin, Frau Hoppermann, die meint: So ein Lied im CDU-Wahlkampf – ganz unmöglich, da müsste schnellstens etwas geändert werden“, so Hallervorden. Hoppermann würde wohl noch ein unzulässiges Wort finden, „selbst wenn ich Pantomime machen würde“, legt Hallervorden nach. „Aber sie hat nicht damit gerechnet, dass ein Ministerpräsident namens Sven Schulze so viel Rückgrat hat und sagt: Wir lassen uns von denen in Berlin nicht vorschreiben, wie wir in Sachsen-Anhalt Wahlkampf machen“, sagt Hallervorden. „Für diese Toleranz, die alles andere als selbstverständlich ist, danke ich ganz herzlich dem Ministerpräsidenten.“
Schulze selbst stellte bei der gemeinsamen CDU-Veranstaltung mit Hallervorden klar, dass manche von dessen Auffassungen nicht der Parteilinie und auch nicht seiner eigenen Meinung entsprächen. Das Existenzrecht Israels sei für ihn „nicht diskutabel“, hebt Schulze hervor. „Auch beim Thema Völkermord habe ich eine ganz andere Auffassung.“ Zudem wolle er die Bundesregierung und auch die neue CDU-Generalsekretärin Hoppermann unterstützen, sagt Schulze. Zur Kritik Hallervordens an den gestiegenen Rüstungsausgaben und zu dessen Vorwurf einer von der Bundesregierung betriebenen Kriegstreiberei äußert sich Schulze hingegen nicht.
Stattdessen lobt Schulze Hallervorden dafür, dass er für die Meinungsfreiheit einstehe. Diese sei das „wichtigstes Gut“, so der CDU-Spitzenkandidat. „Und vielleicht auch ein Fehler der CDU in den vergangenen Jahren, dass man Debatten nicht kontrovers genug diskutiert hat.“ Als Ministerpräsident sei es ihm wichtig, in wichtigen Punkten Gegenrede wie jene von Hallervorden zu bekommen. Keinesfalls dürfe man das Thema Meinungsfreiheit im Wahlkampf der AfD überlassen.
Hallervorden bot Schulze bei privatem Kontakt Hilfe an
Das war der Grundgedanke hinter den gemeinsamen Veranstaltungen von Schulze und Hallervorden, die sich über einen privaten Kontakt kennengelernt haben. Der Schauspieler hatte dem CDU-Politiker dabei seine Hilfe im Wahlkampf angeboten.
Der Titel der Reihe lautet „Kunst braucht Freiheit“. Hallervorden erklärt dazu auf der Bühne in Dessau, die Kunstfreiheit sei ein „verlässlicher Gradmesser für den Zustand einer liberalen Demokratie“. Die Kunst müsse frei von Angst, Zwang, Zensur und Denkverboten bleiben. Die AfD wolle hingegen, wie ihr Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt deutlich belege, „ideologische Eindeutigkeit und patriotische Pflichtbekenntnisse“, kritisiert Hallervorden. „Ich habe die große Angst, dass die AfD Kunst und Kultur als reines Handwerkszeug für ihre Zwecke begreift und missbraucht.“
Schulze sagt dazu, noch nie sei in einem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt so intensiv über Kulturthemen debattiert worden wie aktuell. Seine Partei stehe für eine freiheitliche Kulturpolitik ohne inhaltliche Vorgaben des Staates an Künstler. Deshalb mache er auch ganz bewusst Veranstaltungen mit Hallervorden zu kontroversen Fragen, um die Bedeutung von Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit hervorzuheben.
Hallervorden warnt sowohl vor AfD wie vor Wokeness
Hallervorden fügte hinzu, er sehe neben der Gefahr durch die AfD auch die Gefahr einer „Sprachpolizei“ in Deutschland. „Wokeness“ und „professionelle Empörer“ wollten durchsetzen, dass schon der „Begriff Currywurst“ als rassistisch gelte und man „Dicke nicht mehr dick nennen“ dürfe.
Hallervorden hatte sich schon in der Vergangenheit immer wieder parteipolitisch positioniert. In Dessau erzählt er, dass er sich mehrfach für die FDP ausgesprochen und Helmut Schmidt Pointen für dessen Reden geliefert habe. Im Zusammenhang mit den beiden Themen Palästina und Frieden ging der mittlerweile 90 Jahre alte Komiker zuletzt aber auch andere Allianzen ein: Hallervorden trat vor einigen Monaten gemeinsam mit der BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht auf und schrieb gemeinsam mit dem Liedermacher und langjährigen niedersächsischen Linkspartei-Politiker Diether Dehm ein Gedicht mit dem Titel „Gaza Gaza“. In Dessau bekennt sich Hallervorden auf der Bühne allerdings klar zum Existenzrecht Israels und möchte seine Kritik lediglich auf die Kriegsführung in Gaza bezogen wissen.
Auf der Bühne äußert er zudem den Wunsch, dass am 6. September auch SPD und Grüne in den Magdeburger Landtag einziehen, um die politische Mitte gegen die AfD zu stärken. Am Ende werde wohl auch eine Tolerierung der Mitte-Parteien durch die Linkspartei nötig werden. Den sachsen-anhaltischen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund greift Hallervorden in Dessau dafür an, dass er bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Bühne die DDR-Hymne mitsang. Dies sei eine „Verhöhnung der Mauertoten“, sagt Hallervorden und setzt dem zum Abschluss des Abends in Dessau eine selbst gedichtete „Sachsen-Anhalt-Hymne“ entgegen.
