Er hatte nur wenige Tage zwischen der Höhe Arizonas, wo er trainiert, und der Ebene Berlins, wo er das beste Rennen seines Lebens laufen will. Aber die paar Stunden in Frankfurt hielten direkt eine unliebsame Überraschung bereit für Aaron Bienenfeld. Über Nacht wurde sein Fahrrad geklaut. Alt und ein bisschen klapprig war es zwar, aber er hatte sich den Abschied von dem Velo anders vorgestellt.
An diesem Sonntag plant Bienenfeld aber erst mal andere Abschiede. Von seinem Status als Athlet, der bislang noch ein wenig unter dem Radar einer größeren Öffentlichkeit gerannt ist. Von seinem Status als Neuling auf der Marathonstrecke. Der Hesse wirkt auf einem guten Weg, ein Topathlet zu werden, der den Besten hierzulande im Nacken sitzen kann.
Die drei Besten (Amanal Petros, Samuel Fitwi, Richard Ringer), allesamt mit Bestzeiten unter 2:05 Stunden unterwegs, starten in diesem Jahr Ende Oktober beim Frankfurt-Marathon. Bienenfeld hebt sich die Rolle als laufender Lokalmatador am Main noch auf – die Strecke verläuft nur wenige hundert Meter entfernt von seiner Wohnung im Stadtteil Niederrad.
Bienenfeld hofft auf den großen Durchbruch
Für den erhofften großen Durchbruch hat er sich den größten deutschen Marathon ausgesucht, das traditionell Ende September stattfindende Berliner Rennen. Bei erwarteten guten Bedingungen an diesem Sonntagvormittag traut sich Bienenfeld eine Klassezeit zwischen 2:06 und 2:08 Stunden zu. Seine aktuelle Gefühlslage kurz vor dem großen Tag: „Aufgeregt“, sagt er schmunzelnd. „Ein Marathon ist immer unvorhersehbar. Aber ich habe mich in eine gute Ausgangsposition gebracht.“ Sein Mindestziel in Berlin – „dann ist es schon ein guter Tag“ – lautet: schneller zu sein als beim Hamburg-Marathon im Frühjahr.
Dort hatte Bienenfeld im April in der Szene für Aufsehen gesorgt, als er bei seinem Debüt über 42,195 Kilometer nach 2:08:47 Stunden ins Ziel kam. Niemals in der Geschichte des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) war ein Athlet bei seinem Marathon-Erstling schneller. Arne Gabius hielt zuvor diese Bestmarke mit seinen 2014 in Frankfurt gelaufenen 2:09:32 Stunden.
Und das, obwohl Bienenfeld in der Hansestadt viele Kilometer lang ohne Unterstützung durch Pacemaker laufen musste. Mitglieder seiner Gruppe hätten die Pacemaker angestachelt, das Tempo zu erhöhen. Bienenfeld aber blieb bei seiner Rennstrategie, ging das forcierte Tempo nicht mit – und überholte am Ende wieder all jene Athleten, die vorgeprescht waren. Mit einem für ihn besser orchestrierten Rennen wäre also womöglich eine noch bessere Debützeit drin gewesen.
Bis zu 180 Kilometer pro Woche in Flagstaff
Was Bienenfelds Hoffnungen und Ambitionen für seinen zweiten Marathon haben wachsen lassen. Zumal er bei seiner zweiten richtigen Marathonvorbereitung Abläufe noch schärfen und (Anfänger-)Fehlerchen vermeiden konnte. Bis zu 180 Kilometer ist er je Woche gerannt in seiner amerikanischen Wahlheimat Flagstaff. In einer Höhe von über 2000 Metern wohlgemerkt. Die vergangenen viereinhalb Wochen vor seinem Heimflug nach Frankfurt habe er „nur in der Höhe verbracht, ohne auch nur einmal hinunterzufahren“, erzählt Bienenfeld, der in Arizona längst auch heimisch geworden ist.

Im dortigen Sommer werde es aber auch sehr heiß, sodass die erste Einheit des Tages meist um 7 Uhr in der Früh ansteht. Mittags amerikanischer Zeit widmet sich der 2023 zum Profiläufer gewordene Bienenfeld, der für Düsseldorf Athletics startet, seinem Nebenerwerb. Bienenfeld coacht diverse, überwiegend deutsche Amateurläufer, die schon ein gewisses Leistungsniveau haben. Hobbyathleten zu ihrem Ziel zu bringen, beispielsweise einen Halbmarathon in 1:25 Stunden oder einen Marathon in unter drei Stunden zu schaffen, sei seine Spezialität. „Ich versuche, indem ich mein Wissen und meine Erfahrung in Training und Rennstrategie einbringe, sie dorthin zu bringen, wovon sie geträumt haben“, so Bienenfeld.
Von Offenbach in die Vereinigten Staaten
Der 28-Jährige, der in Offenbach geboren wurde, an der Stadtgrenze zu Frankfurt zur Schule ging, als Läufer beim SSC Hanau-Rodenbach sehr gefördert wurde, später dann in der Mainmetropole studierte, jobbte und wohnte, schätzt die Bedingungen im amerikanischen Sportsystem. Mit einem Stipendium als Läufer wechselte er einst von der Frankfurter Goethe-Universität in die Staaten, studierte an den und lief für die Universitäten von Cincinnati und Oregon. Mit der Folge, dass er, der seit achteinhalb Jahren überwiegend in den USA lebt, auch ein Stück weit außerhalb des Fokus des DLV agierte.
Bei den kürzeren und mittleren Strecken auf der Bahn war er stets vorn mit dabei, konnte aber nicht richtig glänzen. Als er im Training feststellte, dass er bei den sogenannten „Long Runs“ auch mit Cole Hocker, dem amerikanischen Weltmeister (5000 Meter) und Olympiasieger (1500 Meter), mithalten konnte, verschob sich sein Fokus zunehmend auf die längeren Distanzen. 2023 steigerte er sich im Halbmarathon auf 61:51 Minuten, erreichte kurz darauf über diese Distanz Rang 32 bei den Weltmeisterschaften (61:49) und setzte im vorigen Jahr in 61:45 Minuten eine weitere persönliche Bestzeit.
Somit hat er, der auch von seiner auf der Bahn erworbenen Spritzigkeit profitiert, sehr gute Grundlagen für eine erfolgreiche Marathonkarriere. Zumal auf der Straße die Verdienstmöglichkeiten für Athleten wie ihn deutlich höher sind. „Man muss es so ehrlich sagen: Auf der Bahn ist es für viele Athleten eine brotlose Kunst“, sagt Bienenfeld, der 2024 in Chicago als Pacemaker schon Marathonluft schnupperte. Im Jahr darauf hatte er schon den Wechsel auf die Langstrecke geplant, doch kurzfristig bekam er die Chance, über 10.000 Meter an der Leichtathletik-WM in Tokio teilzunehmen. Somit wurde nicht wie geplant der Berlin-Marathon 2025 zu seiner ersten Schaubühne über 42,195 Kilometer.

Nun soll die Ausgabe 2026 ihm den Weg weisen zur nationalen Spitze. Olympia 2028 in Los Angeles ist da ein nicht mehr fernes und lohnenswertes Ziel – aber auch ein schwer zu erreichendes. „In Europa ist es aktuell wohl in Deutschland am schwierigsten, sich zu qualifizieren“, sagt Bienenfeld. Die Konkurrenz im hierzulande auch im Breitensport boomenden Marathon ist erheblich und stark.
Bienenfelds Debützeit in Hamburg (2:08:47) ist auf die Sekunde identisch mit der deutschen Rekordzeit von Jörg Peter, die bis 2015 27 Jahre lang Bestand hatte. Noch vor wenigen Jahren hätte Bienenfelds erste Duftmarke über 42,195 Kilometer unter den besten fünf Rennen eines Deutschen aller Zeiten rangiert. Das sei einerseits etwas frustrierend, wie Bienenfeld durchblicken lässt. Aber andererseits „kann man aufgrund von Sponsoreninteressen nun viel besser vom Laufen leben“. Weil seine Familie väterlicherseits aus Slowenien und Kroatien stammt, hätte Bienenfeld auch das Recht, für deren Geburtsland zu starten. Mit seinen aktuellen Bestzeiten würde er sofort vier nationale Rekorde innehaben, so Bienenfeld schmunzelnd.
Mit Blick auf den Berlin-Marathon hat er solche Gedankenspiele aber ohnehin verdrängt. Eine Art Zusatzpreis (auch vom Preisgeld her) für ihn wäre, beim größten deutschen Marathon als bester Deutscher ins Ziel zu kommen. „Das ist nicht unrealistisch“, so Bienenfeld selbstbewusst. Auch wenn Sebastian Hendel (2:07:33) und Haftom Welday (2:08:13) mit schnelleren persönlichen Rekorden ins Rennen gehen. Bienenfeld tritt ja schließlich in der Hauptstadt an, um Grenzen zu verschieben.
Und wie geht er um mit der enormen Belastung eines Marathons, den Schmerzen, die Rennen wie diese mit sich bringen? „Ich unterteile mir im Kopf die Strecke in kleinere Abschnitte. Und stelle mir vor, durch wie viel mehr Schmerz ich während der monatelangen Vorbereitung gegangen bin, sodass das Rennen an sich nur noch einen Bruchteil davon darstellt“, erzählt Bienenfeld. „Hinterher stolz auf mich sein können ist auch eine große Motivation.“ Auch wenn er sich anschließend in Frankfurt noch um ein neues Fahrrad kümmern muss.
