Nach dem Ausnahmeerfolg der frankfurterisch-jüdischen Familienserie „Die Zweiflers“ (ARD, 2024) war es nur eine Frage der Zeit, bis das ZDF nachziehen würde. David Hadda, Schöpfer der „Zweiflers“, hat eine Erzählgoldmine freigelegt, und Originalität wird sowieso überschätzt, wenn man das Zweite befragt. Bevor nun bald die nächste Staffel der „Zweiflers“ erscheint, präsentiert das ZDF uns jetzt (relativ) fix die neue Samstagabendkrimireihe „Frankfurt Mord“ mit der Kommissarin Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem).
Zwar wird stets bemängelt, im Fernsehen liefen nur mehr Krimis, die Zuschauerzahlen sprechen aber klar gegen eine Übersättigung des Publikums mit Mord und Totschlag. Und da die ZDF-Reihe „München Mord“ nun an ihr Ende gekommen ist, brauchte es keinen kreativen Geistesblitz, um eine entsprechende „neue“ Reihe mit bisweilen humoristischer Färbung, allerhand Lokalkolorit, bei allen Problemen eher warmherziger Atmosphäre und einer coolen jüdischen Kommissarin mit familiären Bindungen in die fortschrittliche Frankfurter Gemeinde zu kreieren.
Sehenswert sind die Hauptfiguren
Zu erwarten war dementsprechend eine Angelegenheit von der Stange. Allein, „Frankfurt Mord“ ist besser als erwartet. Nicht in jeder Hinsicht. Sehenswert sind vor allem die Hauptfiguren und ihre Dynamik, die Elena Lyubarskaya zusammen mit Tanja Bubbel und Nils Willbrandt ge- und erfunden hat. Das Interesse der Autoren liegt klar einerseits bei Sarah Frankfurter, die Marie-Lou Sellem als Profi spielt, der zuletzt Lebensgewissheiten abhandengekommen sind. Dass ihr Mann, seit Kurzem Ex-Mann (Wolfram Koch), schwul ist, will sie dreißig Jahre lang nicht gemerkt haben und lässt sie an ihrem Urteilsvermögen zweifeln. Dass sie sich zum One-Night-Stand mit einem Unbekannten eingelassen hat, macht es nicht besser, zumal sich die am Morgen nach Filmriss vergessene Bekanntschaft als der neue, zwanzig Jahre jüngere Kollege herausstellt.
Jakob Loose (Johannes Hegemann, „Olivia“) hat null Erfahrung als Ermittler, aber ein Philosophiestudium vorzuweisen und ist ein grundsätzlich neugieriger Typ. Komisches Potential ergibt sich daraus, dass Frankfurter jede Intimität verbergen möchte und Loose auf unaufdringliche Art die Dinge sich entwickeln lassen will. Milli Schneider (Leona Grundig), die Dritte im Ermittlertrio, erweist sich derweil als sympathische Präsidiums-Nervensäge. Interkulturell beflissen, bereitet sie als Nichtjüdin die Feier zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest vor.
Was Frankfurter nervt, denn nach Äpfel-in-Honig-Tunken für ein süßes neues Jahr steht ihr der Sinn nicht. Ihre Tochter, die angehende Rabbinerin Rakhel (Victoria Nikolaevskaja) braucht Rückhalt im Frauenkreis, wo Tante Esther (Inge Maux) und andere Damen den Kopf über neumodische Sitten schütteln. Neuling Loose empfindet sie als Klette, ihre eigenen jüngsten Erschütterungen als lästig.
Dann gibt es da noch diese tote Juristin, die auf Social Media als Embryonenschutzgesetzkritikerin und Aktivistin unterwegs war. Milli nervt durch stellvertretende Betroffenheit: Ob Frankfurter als Jüdin nicht besonders empfindlich sei bei reproduktionsmedizinischen Fragen? Frankfurter rückt ihre Position kurz und knapp zurecht. Solche und ähnliche Vermittlungsabsichten der Reihenerfinder sind Stärke und Schwäche zugleich. Aufklärung in puncto jüdischer Realität und bedrohter Sicherheit in Deutschland hierzulande tut not, aber es kommt eben auf das Gelingen jeder einzelnen Szene an (Regie Franziska Margarete Hoenisch, Kamera Stefanie Reinhard). Man wird noch sehen. Hoffentlich auch bessere Bildgestaltung, in der nicht ständig historisches Gebäude vor Stahl-Glas-Hochhaus zu sehen ist.
Schwach ist die Vermittlung des Stands der reproduktionsethischen Debatte in Deutschland. Der Mordfall und die Episodenfiguren sind voller Klischees (außer Peter Schneider als Frauenhasser). Der Ehemann der Toten (Franz Dinda) war erschöpft von vielen Versuchen künstlicher Befruchtung, in der Klinik geht nicht alles mit rechten Dingen zu, im zugehörigen Kinderbuchverlag war Ehebruch die Norm, und eine Nachbarin scheint allzu vertraut mit dem Witwer. Die Lösung überrascht kaum und wirkt konstruiert. Sei es drum. „Frankfurt Mord“ kann leicht besser werden, wenn man sich mit den Fällen mehr Mühe gibt. Wir bleiben dran.
Frankfurt Mord – Ein neues Leben läuft ab dem 3. Oktober im ZDF-Stream und am 10. Oktober um 20.15 Uhr linear im ZDF.
