
Diese Hitze! Man erwischt sich, wie man hektisch nach den immer noch ausverkauften Handventilatoren googelt. Die öffentlichen Orte der Stadt – Bibliotheken, Museen, Kirchen – erfahren eine ungeahnte Renaissance, indem sie plötzlich vor allem unter der Maßgabe ihrer Kühlungsleistung aufgesucht werden. Und während man sich abermals mit der scheinbar unzähmbaren Naturgewalt der nächsten ausgefallenen Zugklimaanlage konfrontiert sieht, tritt ein neuer, unliebsamer Gedanke ins Bewusstsein: Diese Hitzewellen sind wohl kein Ausnahmephänomen. Sie sind neue, widrige Realität, eine ungekannte Form des Ausgeliefertseins. Was also tun?
Ist die Hoffnung in die politisch wirksame Eindämmung der Überhitzung zu spät, verloren, aufgegeben? Und damit der Punkt erreicht, an dem Lebensphilosophien zurate gezogen werden müssen? Die Lehren, wie mit dem Unvermeidlichen, dem bitterharten – oder lieber: schweißnassen – Realitätsprinzip umzugehen sei, so wie bei den alten Stoikern? Vielleicht lohnt gerade jetzt ein Blick nach Finnland, wo als elementarer Bestandteil der Kultur eine innere Haltung und praktische Philosophie, auch im Angesicht der Hitze, eingeübt wird.
Keine andächtige Stille, keine ätherischen Öle
Im Zusammenhang mit der finnischen Sauna fällt bisweilen ein Wort, das dafür berühmt ist, nicht wirklich übersetzbar zu sein: Sisu. Gerne wird es mit den Schlagwörtern Resilienz, innere Stärke oder stoische Beharrlichkeit übersetzt und soll die Mentalität beschreiben, die die Finnen seit Jahren das internationale Glücksranking anführen lassen. Wer nun aber, beispielsweise in der aktuellen Kulturhauptstadt Oulu, eine solche Holzsauna betritt und bis dahin dachte, Resilienz sei Modeschöpfung und letzte Bastion glatter, individualistischer Selbstoptimierung und Anpassung, wird in der „Kesän Sauna“, auf einem von Freiwilligen betriebenen Saunafloß, eines Besseren belehrt.
Keine andächtige Stille, keine ätherischen Öle, auch kein Aufgussmeister, der einem einen höheren Sinn suggerierte, so wie man es hierzulande aus dem etwas verkrampften Wellnessversprechen kennt. Wenn man den viel zu dunklen Raum betritt, vielmehr ein Moment ungeregelter Coolness. Man sitzt so nah beieinander, nicht um sich gemeinschaftlich zu verbessern, sondern um sich in einem Gespräch zu verheddern, man schweigt daraufhin, nicht aus einer heroischen Überwindung des Unzumutbaren, sondern weil man kurz an seine draußen abgestellte kühle Dose Bier denkt. Die Hitze wird weder romantisiert noch dramatisiert, sie ist einfach da, so wie die Möglichkeit, unaufgeregt die Aufgusskelle in die Hand zu nehmen und so dem Raum seinen eigenen Rhythmus von „Löyly“ hinzuzufügen: dem Wasserdampf, der entsteht, wenn Wasser auf die heißen Steine eines Saunaofens gegossen wird.
Entstehen, vergehen, zu Wasserdampf werden – ist das jetzt doch einfach purer Fatalismus, der hier eingeübt wird? Draußen auf der Terrasse herrscht, nachdem man sich im Wasser abgekühlt hat, jedenfalls Lockerheit, die ins Gespräch kommen lässt. Ein Mann, den die Mehrzahl der Versammelten bereits zu kennen scheint, erzählt, er sei vom „Verein der Pessimisten“, unweit von Oulu. Ja, richtig, Verein der Pessimisten, sie hätten ihn gegründet, um auf das Problem der rapide schrumpfenden, vom Aussterben bedrohten Region aufmerksam zu machen. Eigentlich, so der Pessimist, sei da wohl nichts zu machen. Gerade deshalb mussten sie etwas unternehmen.
