Archäologen sind vorsichtige Menschen, sie sprechen meist von Hypothesen und Annahmen. Auch Projektleiter Detlef Gronenborn vom Mainzer Leibniz-Zentrum für Archäologie (Leiza) präsentiert keine Erfolgsmeldung, sondern erst einmal eine Annahme: „Wir glauben, die Reste der ehemaligen Grabkammer gefunden zu haben.“ In diesem Jahr haben Mainzer Archäologiestudenten die Hügelkuppe des Kapellenbergs in Hofheim am Taunus in Augenschein genommen, wo sie das Grab einer hochstehenden Person der Michelsberger Kultur vermuteten.
Damit wurde über mehrere Jahre ein Querschnitt des gesamten Grabhügels vorgenommen. Am äußeren Rand in der Erosionsschicht fanden sich spektakuläre Funde wie ein Beil, Klingen und Scherben. Weiter innen stieß man auf Siedlungsbefunde, vorwiegend in Gestalt von Pfostenlöchern. Diese haben in der Archäologie allerdings einen hohen Wert: „Nichts ist dauerhafter als ein ordentliches Loch“, hat im Jahr 1904 der Archäologe Carl Schuchardt dem verblüfften Kaiser Wilhelm erklärt und damit ein wichtiges Prinzip formuliert, das in Hofheim immer noch seine Gültigkeit hat.
An der Kuppe sieht es am Schnitt in den Waldboden nach normalem, wenngleich etwas steinigem Untergrund aus. Doch die großen runden Kiesel liegen dermaßen dicht an dicht, dass sicher ist, dass sie von Menschenhand dorthin gesetzt wurden. „Steinlage“ nennt man das in der Archäologie.

Noch etwas an dieser Steinhäufung ist bemerkenswert. An der Hügelkuppe erkennt man eine mit Steinen ausgekleidete, wannenförmige Vertiefung, die mit grauem Material verfüllt wurde – den Boden der einstigen Grabkammer. „Vergleichbare Grabanlagen kennen wir aus Nordfrankreich“, sagt Gronenborn. „Das passt zu unseren bisherigen Erkenntnissen, wonach die ersten Bewohner des Kapellenbergs aus dem östlichen Pariser Becken eingewandert waren.“
Eine weitere Parallele zu bretonischen Anlagen findet sich: der gestufte Unterbau, der die Erosion des Steinhügels verhindern sollte. Die Steinstufen wurden anschließend mit Erde überdeckt, erklärt Grabungsleiter Ferenc Kántor von Hessenarchäologie. „Auch am Kapellenberg finden wir Hinweise auf eine solche Stufung.“ Skelette allerdings wird man in Hofheim vergeblich suchen, denn der saure Waldboden zersetzt Knochen.
Wie alt der Hügel genau ist, konnte noch nicht sicher geklärt werden. Bisher lautet die Hypothese, der Hügel stamme aus den Jahren um 4100 vor Christus, die umliegende Wallanlage aus den Jahrhunderten danach. Nun sind neue Holzkohleproben aufgetaucht, die Gronenborn bald persönlich ins Labor nach Mannheim bringen möchte. Drei Monate wird man dort für die Messungen benötigen.

In dem freigelegten Boden zeichnet sich farblich etwas ab: ein schwarzer Fleck, die Kohle, sowie ein roter Fleck. Hier handelt es sich um roten Mainsandstein, der gern als Mühlstein verwendet wurde. Womöglich hat man ihn als Baumaterial recycelt. Der künstlich errichtete Hügel müsse etwa vier Meter in die Höhe gereicht haben, sagt Gronenborn. Eine ungeheure Leistung, denn mehr als Werkzeuge aus Stein und Knochen sowie Körbe dürften den Bauherren nicht zur Verfügung gestanden haben.
Unklar ist bislang, ob der Grabhügel natürlich erodiert ist oder mutwillig zerstört wurde. Gronenborn hat eine Lieblingshypothese, demnach könnte die Abflachung der Hügelkuppe mit dem römischen Wachposten zusammenhängen, der sich in der Nähe befand. Für die Römer war es vor dem Bau des Limes äußerst wichtig, bis nach Mainz schauen zu können. Auch in Marxheim hat sich damals ein Lager befunden. Womöglich habe man an dieser Stelle einen Aussichtspunkt errichten wollen und dann festgestellt, dass kein Sichtkontakt mit der Siedlung Mogontiacum bestand. Aber auch das ist derzeit nur eine vage Annahme.
Sicher ist, dass der Hofheimer Hügel mit dem großen Tumulus und der Siedlungsaktivität kein Solitär, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs war. In der Jungsteinzeit bildeten sich weitreichende Handelsnetze heraus, die vom Atlantik bis zum Mittelmeer reichten. Ein Hinweis darauf sind die beiden Steinbeile, die sich heute im Hofheimer Stadtmuseum befinden – das Material stammt ursprünglich aus den Westalpen.
Aber auch rund um Hofheim war seinerzeit einiges los. Gerade hat eine Magisterarbeit von Jill Kabuth sich mit der Hattersheimer Siedlung befasst, die für ihre Zeit recht groß gewesen sein muss. Im Zuge der Grabungen für die Starkstromtrasse Rhein-Main-Link seien bei Zeilsheim Spuren weiterer Siedlungsaktivität der Michelsberger Kultur entdeckt worden, berichtet Gronenborn. Bei den umliegenden Siedlungen habe wohl Sichtkontakt zum Kapellenberg bestanden.

Erst in den Jahrhunderten danach habe man die Siedlungen im Tal aufgegeben und sei auf den Berg gezogen, wo man die Befestigung um den Hügel errichtet habe, die später durch einen Palisadenzaun verstärkt worden war. Es habe damals ein günstiges Klima geherrscht, das dazu geführt habe, dass die Bevölkerung stark angewachsen sei, erklärt Gronenborn. Dadurch habe es aber auch mehr Konflikte gegeben. Nach dem Jahr 3600 vor Christus finden sich keine Hinweise auf Siedlungsaktivitäten mehr. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, soll die damalige Landschaft digital rekonstruiert werden.
Seit 2008 forschen Leiza, die Mainzer Universität und Hessenarchäologie, die archäologische Abteilung des Denkmalamtes, an der Fundstätte Kapellenberg. Erst vor wenigen Jahren wurde der Grabhügel als solcher erkannt. Hitze und Trockenheit haben in diesem Jahr dazu geführt, dass die Grabungskampagne nicht so weit kam, wie sie eigentlich sollte. Daher sollen die Forschungen möglichst fortgesetzt werden.
