„Ein bisschen Stoff, ein bisschen Zweifel, so klingt die moderne Existenz.“ Das also fällt der KI als Slogan ein, wenn vor der Kamera eine Frau in weiten Hosen, mit Spiralblock und Stift steht. Der erste Lacher lässt nicht lange auf sich warten in der Ausstellung „A Step Ahead – 125 Jahre Mathildenhöhe“. Im ersten der vier Säle ist einer der hübsch geformten hölzernen Plakatständer zu sehen, die 1901 auf der Mathildenhöhe für meist lokale Unternehmen warben, die etwas mit den erstaunlichen Neuerungen zu tun hatten, die man in der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie, „Ein Dokument deutscher Kunst“, besichtigen konnte. Jetzt ist in einem Nachbau des Ständers ein digitales Werbepanel angebracht, das sich individuell den Personen anpasst, die vor ihm Aufstellung nehmen, bis die Kamera sie erfasst hat.
Ehe Werbung im öffentlichen Raum auf diese Weise funktioniert, muss die KI-Werbepoesie also wohl noch ein bisschen zulegen. Dennoch ist schon die amüsante Installation zu Beginn eine Bestätigung dessen, was das Institut Mathildenhöhe meint, wenn es seine Jubiläumsausstellung „A Step Ahead“ nennt. Das Innovative, Zukunftsgewandte, Kühne der einstigen Künstlerkolonie soll in Beziehung zu heutigen Design-Neuerungen gesetzt werden, die den künftigen Alltag prägen könnten.
Zwar war die Mathildenhöhe als Kolonie schon knapp zwei Jahre zuvor entstanden, gezählt aber wird das Bestehen des Welterbes von der ersten Ausstellung an. Und alle 25 Jahre wird in Darmstadt groß gefeiert, das erste Mal 1926. Erst recht dieses Mal, denn der 125. Jahrestag – das fünfte Jahr des Welterbe-Status – fällt mit der World Design Capital (WDC) zusammen, die noch bis in den Herbst hinein beweisen will, was in der Rhein-Main-Region alles mit und durch Design bewegt werden kann. Nun ist die Jubiläumsausstellung Teil des WDC-Programms.
„Die erste World Design Capital“
„Die Mathildenhöhe war die erste World Design Capital“, sagt der Direktor des Instituts Mathildenhöhe, Philipp Gutbrodt, der „A Step Ahead“ kuratiert hat. Gutbrodts Idee aber, nicht nur zurück, sondern auch nach vorne zu schauen, zusammen mit den Besuchern, ist vor dem Zuschlag des WDC-Titels an die Region entstanden. Auf den 1000 Quadratmetern der großen Ausstellungshalle, die erst zur dritten Ausstellung 1908 errichtet wurde, wird in jedem Raum an eine der insgesamt vier Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914 erinnert. Und an Aspekte, die bis heute wirken. Dazu wird der Bogen zu heutigen Entwürfen geschlagen, die Zukunftspotential entfalten könnten.
Das ist spielerisch und heiter, man kann mit den Händen eigene Musik an einem Display komponieren, gemeinsam an einer Station einen digitalen Turm bauen, dessen Projektion ultrasensibel auf jeden Fingerzeig reagiert, um den Hochzeitsturm (1908), das Wahrzeichen Darmstadts, neu zu denken. Und man kann am Ende die Lampe „Chito“ an- und ausknipsen, die aus dem neuartigen Werkstoff Chitosan, Insektenchitin, besteht, so neuartig, wie es 1914 im Café des Platanenhains der bequeme weiße Stuhl aus Pressstoff gewesen ist. Die Mathildenhöhe hat stets nach neuen Materialien und Methoden gesucht, mit manchem Erfolg bis in die Gegenwart. Chitosan kommt aus Halle an der Saale und zeigt, was man alles heute schon erreichen könnte, wenn man sich vielleicht ein bisschen mehr an dem Wahlspruch orientierte, den der Ermöglicher der Mathildenhöhe, Großherzog Ernst Ludwig (1868 bis 1937), im Aufgang der Ausstellungshalle hinterlassen hat: „Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut, das Neue frisch zu wagen. Bleibe treu der eigenen Natur und treu den Menschen, die du liebst.“

Doch lässt die Präsentation Besucher nicht ohne eine gewisse Wehmut zurück. Wer mehr Künstlerkolonie sehen möchte als die wunderschön entworfene und gearbeitete Schlafzimmereinrichtung von Patriz Huber, die dieser für das kleine Glückert-Haus entworfen hat, wo heute noch die Holzvertäfelung erhalten ist, mehr als das Harmonium von Albin Müller (1908) oder ein Modell der Dreihäusergruppe, wird nur in der Dauerausstellung im Museum Künstlerkolonie nebenan glücklich werden, jenem einstigen Atelierhaus, das als erstes fixes Bauwerk schon 1901 die Besucher empfing. Denn die riesigen Hallen sind für „A Step Ahead“ ausgesprochen luftig bestückt, mit einigen grafischen Werken und großen Fototapeten der historischen Ausstellungen, wenigen originalen Objekten und je ein, zwei zeitgenössischen Positionen mit bewegten Bildern oder Interaktionen. Sie sollen den Faden der Gründerväter, Mütter gab es nicht, aufnehmen: lösungsorientierte Gestaltung für bestimmte Anforderungen, ästhetisch ansprechend und möglichst mit lokalem Bezug.
Zum Bestreben von 1904, Design zu demokratisieren, etwa mit bedruckten Heimtextilien aus lokaler Herstellung, mit der Dreihäusergruppe auch für mittlere Einkommen und mit einem besonderen Augenmerk auf die Küche, gesellen sich daher zwei Projekte aus Frankfurt: die Stoffe aus Recycling-Fasern von (un)woven studio, die als Kleiderstoff zwar sehr sperrig, aber bestens geeignet für Wandbespannungen und Möbelbezüge scheinen, und die für die Besucher geöffnete „Wekitchen“, eine inklusive Küche nach Forschungen von Akpene Therése Gbogbo, die es behinderten und nicht behinderten Personen ermöglicht, völlig barrierefrei gemeinsam zu kochen, zu essen und zu wohnen. Auch deren Entwickler Jonathan Radetz wünscht sich, wie seine Kollegen von 1904, dass möglichst viele der Elemente kostengünstig produziert und verbreitet werden können.

Die These von „A Step Ahead“ allerdings, heute arbeiteten Gestalter meist in Teams gemeinschaftlich an Innovationen, in der Künstlerkolonie hingegen sei eine Art Einzelgenies am Werk gewesen, mag man nicht so ganz teilen. Erst recht nicht, wenn man sich die großartigen beiden Überraschungsmomente der Ausstellung zu Gemüte führt. Die von der Mathildenhöhe mit dem Darmstädter Unternehmen Faber Courtial entwickelten farbigen 3D-Simulationen der ersten und der letzten Ausstellung geben sehr wohl ein Bild davon ab, dass die Künstler, Architekten und Gestalter seinerzeit nicht unentwegt gemeinsam an einer Tapete oder einem Besteck gearbeitet haben mögen – die Räume aber, die sie für ihr Atelierhaus, die Treffpunkte des Publikums und auch die später verkauften Immobilien entworfen haben, bestehen am Ende meist aus der Summe der individuellen Teile.
„90 Prozent Handarbeit und zehn Prozent KI“ steckten in den beiden 3D-Modellen, sagt Gutbrodt. Denn im Gegensatz zu den grell gefärbten historischen Fotografien, die man seit kurzer Zeit inflationär im Internet findet und die alle nichts mit der tatsächlichen Farbgebung zu tun haben, hat man auf der Mathildenhöhe geforscht. Farbaufnahmen hat es natürlich noch nicht gegeben. Aber weil die Ausstellungen international Furore machten und Journalisten, Kunstinteressierte und Fachleute seinerzeit Farbdetails noch sprachlich beschrieben, gibt es viele Texte über die dort gezeigten Neuerungen.
Mit ihnen sind die Animationen der Fotos gespeist worden. Das Ergebnis sind zwei kurze Loops, die man am besten gleich ein paarmal ansieht, um sich in das Darmstadt von 1901 und 1914 zu versenken. Es ist ein begeisterndes Erlebnis. An den 3D-Modellen möchte er weiterarbeiten, sagt Gutbrodt, denn so kann das Institut noch mehr Erkenntnisse über die damals bahnbrechenden Ausstellungen gewinnen. Auf künftige weitere Kurzfilme dieser Art kann man sich also schon einmal freuen.
„A Step Ahead – 125 Jahre Mathildenhöhe“, Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe Darmstadt, bis 31. Januar 2027
