
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Montagvormittag eine neue Plattform in Betrieb genommen, die der Notenbank den Einstieg in die neue Token-Welt der Finanzmärkte ermöglichen soll. „Pontes“ heißt das Projekt, lateinisch für „Brücken“. An ihm wird seit Längerem gearbeitet. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hat die Pläne für diese Innovationen auf dem Notenbankertreffen im amerikanischen Jackson Hole vorgestellt. Jetzt beginnt der Echtzeitbetrieb, allerdings zunächst in bescheidenem Rahmen, der dann immer mehr erweitert werden soll.
„Das Eurosystem arbeitet daran, im digitalen Zeitalter einen stärker integrierten, innovativeren und widerstandsfähigeren europäischen Finanzmarkt zu ermöglichen“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. „Wir werden in enger Zusammenarbeit mit dem Markt weiter vorankommen.“
Unter Tokenisierung versteht man die Umwandlung eines komplexen, kontinuierlichen Guts oder Vermögensgegenstands in kleine, digitale Einheiten („Tokens“). Das ist ein Trend an den Finanzmärkten, eine Möglichkeit, moderne Technologie dazu einzusetzen, Finanzgeschäfte schneller, einfacher oder auch sicherer zu machen.
Abgrenzung zum digitalen Euro
Unterscheiden muss man das Ganze vom digitalen Euro, auch wenn es im Hinblick auf die Digitalisierung von Zentralbankgeld Parallelen gibt. Der digitale Euro, der 2029 kommen soll, ist fürs „Retail“-Geschäft gedacht, „B2C“ (Business-to-Consumer), also für Verbraucher im täglichen Leben. Bei den Pontes-Token, die jetzt schon kommen, geht es ums „Wholesale“-Geschäft, also das Geschäft mit Unternehmen, „B2B“ (Business-to-Business). Im Moment betreibt die EZB beide Projekte weitgehend unabhängig, auf Dauer könnte es aber auch Verbindungen geben.
Zwei Anwendungsfelder für den Anfang
Konkret setzt die EZB Token jetzt auf zwei Feldern ein. Das erste Vorhaben: Die Notenbank stellt ihr Abwicklungssystem für Großkunden wie Banken um. Dabei geht es oft um sehr große Eurobeträge, die grenzüberschreitend im Euroraum transferiert werden. Das passiert bislang über das – umstrittene – Targetsystem in Zentralbankgeld, das die Notenbank selbst an die Banken ausgibt und das als die sicherste, weil ausfallgeschützte Möglichkeit für den Transfer großer Beträge gilt. Dieses System wird nicht von heute auf morgen ersetzt, aber schrittweise durch eine Plattform für Zentralbankgeld auf Token-Basis ergänzt.
Das Projekt „Pontes“ soll gleichsam Brücken schlagen zwischen dem Targetsystem und den modernen, dezentralen Plattformen der Finanzmärkte. Deren Technik wird „Distributed-Ledger-Technologie“ (DLT) genannt, die Blockchain ist eine spezielle Ausprägung davon. Für die Großhandelsfinanzmärkte habe diese Technologie das Potential, Transaktionen schneller und effizienter zu machen, schreibt die EZB.
Im zweiten Vorhaben öffnet die EZB ihr Eigenportfolio für tokenisierte Wertpapiere. In dem Portfolio, das nicht für die Geldpolitik dient, legt die EZB Geld beispielsweise in Anleihen an; es umfasst Vermögensgegenstände im Wert von rund 23 Milliarden Euro. Das ist viel weniger als die billionenschweren geldpolitischen Anleiheportfolios der Notenbanken im Euroraum. Im Rahmen dieses Eigenfonds könnten nun – zusätzlich zu den bestehenden Anlagen – auch noch tokenisierte Wertpapiere in einer Größenordnung von beispielsweise 100 Millionen Euro erworben werden. Dabei ist nicht an Kryptowährungen oder Stablecoins gedacht, sondern an Schuldverschreibungen und Anleihen von Staaten, regionalen Gebietskörperschaften oder europäischen supranationalen Organisationen. Die Europäische Investment Bank (EIB) beispielsweise legt solche tokenisierten Wertpapiere auf. Ansonsten ist der Markt noch nicht weit entwickelt, wie es scheint. Er könnte durch den Schritt der Notenbank möglicherweise einen Schub bekommen. Die EZB will nach eigenem Bekunden mit dem Vorhaben „Erfahrungen“ sammeln.
Die Geldpolitik auf längere Sicht im Blick
Ausdrücklich noch nicht stellt die EZB mit den Vorhaben die geldpolitischen Transaktionen selbst auf Token um. Im Prinzip könnten ja auch da tokenisierte Wertpapiere verwendet werden. Längerfristig will die EZB die Geldpolitik stärker „technikneutral“ machen, das könnte dann neben konventionellen Vermögenswerten auch Token einschließen.
Ein Vorteil der Token-Technik, den man von der Blockchain kennt, ist die „Atomarität“ („Atomicity“). Eine Transaktion stellt eine untrennbare Einheit dar, sie folgt dem „Alles oder nichts“-Prinzip: Entweder wird die gesamte Transaktion in allen Teilschritten erfolgreich ausgeführt oder gar nicht. „Dadurch entfällt das Abwicklungsrisiko“, sagte EZB-Direktorin Schnabel. Als zweiten Vorteil nennt sie „Programmierbarkeit“: „Die Abwicklung von Transaktionen in diesen Systemen kann von einer Reihe von Regeln abhängig gemacht werden, die automatisch ausgeführt werden, anstatt als Abfolge manuell koordinierter Schritte verarbeitet zu werden.“
Die EZB sieht das Ganze als einen schrittweisen Prozess. Das zeigt sich auch daran, dass die Öffnungszeiten der neuen Plattform schrittweise erweitert werden. Das überrascht, weil digitale Plattformen doch oft rund um die Uhr geöffnet sind. Die Zentralbank aber will das Projekt wohl zunächst genau überwachen. Sie beginnt jetzt mit Öffnungszeiten in der Arbeitswoche von 8 bis 16 Uhr. Das soll dann stufenweise bis zu einem Betrieb „24-7-365“ ausgebaut werden, also 24 Stunden, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.
