In Prag, dieser melancholischen Stadt, deren herzzerreißende Schönheit in jeder Metamorphose sichtbar bleibt, ist das jüdische Erbe allgegenwärtig, nicht nur im Josefov-Viertel mit seinen Friedhöfen, verwinkelten Gassen und Gebetshäusern wie der Altneu-Synagoge aus dem dreizehnten Jahrhundert. In der drei Minuten entfernten Pinkas-Synagoge stehen die Namen von mehr als 80.000 böhmischen und mährischen Juden, die von deutschen Nationalsozialisten ermordet wurden.
Die dunkelste Vergangenheit ist in der Topographie dieser Stadt fest verankert. Aber wie steht es um die jüdische Gegenwart? Sie existiere praktisch nicht, sagt Eli Beneš, einer der wenigen jüdischen Autoren in Prag, der sich kurz entschlossen zu unserem Treffen in einem Wirtshaus in der Altstadt gesellt. Die Gemeinde zähle heute nur noch rund 1500 Mitglieder, sagt er. Und fragt man nach den Gründen, kommt die Antwort ohne Umschweife: weil fast alle ermordet wurden.
Nach der Rückkehr aus dem KZ wird er nicht mehr heimisch in Prag
Sosehr Prag als frühes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit gilt, nicht zuletzt dank Rabbi Löw und der mit ihm verknüpften Golem-Sage, war die Gemeinde, anders als etwa in Warschau, nie besonders groß. Seit dem neunzehnten Jahrhundert im Bürgertum verwurzelt und häufig assimiliert, machten Prager Juden nur einen kleinen Teil der Stadtgesellschaft aus. Die wenigen aber, die den Holocaust überlebten, fanden sich nach ihrer Rückkehr in einer aberwitzigen Situation wieder, wie Beneš erzählt. Aufgrund ihrer einstigen Verbundenheit zur deutschen Sprache und Kultur wurden sie nun mitunter der Täterseite zugeordnet. Viele hatten ihre Kinder auf deutsche Schulen und an die deutsche Universität geschickt, die 1945 geschlossen wurde.
Anders als seine Vorfahren spricht Eli Beneš kein Deutsch. Der 1976 in Prag geborene Schriftsteller thematisiert diese Täter-Opfer-Verkehrung auch in seinem literarischen Debüt „Unmerklicher Verlust der Einsamkeit“, das im vergangenen Jahr im Karl Rauch Verlag in der Übersetzung von Raija Hauck auf Deutsch erschienen ist und von einem Achtzehnjährigen erzählt, der nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager in seiner Heimatstadt nicht mehr heimisch wird.

Seine eigenen Großeltern hat Beneš nicht mehr kennengelernt. Sie starben vor seiner Geburt. Aber ihre Erlebnisse haben die Familie bis in die Enkelgeneration hinein erschüttert. Sein Großvater hatte im Konzentrationslager einem Mitgefangenen das Versprechen gegeben, sich um dessen Frau zu kümmern, falls er nicht überleben würde. Als es so kam, hielt er Wort und heiratete die Witwe. Sogar ein Sohn wurde geboren, Eli Beneš’ Vater. Doch die Mutter hat es nie verkraftet und ihre neue Familie dafür in emotionale Haftung genommen, dass ihr erster Mann starb, der zweite aber überlebte. „Jeder Psychoanalytiker hätte an mir seine Freude“, schiebt der Autor hinterher, als wolle er die Düsternis unseres Gesprächs inmitten des lärmenden Wirtshauses vertreiben.
Eli Beneš gehört zu den mehr als achtzig Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die den diesjährigen Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse bestreiten. Man darf sich darauf freuen – nicht nur wegen der großen Literatur aus Böhmen und Mähren: Kafka und Werfel, Hrabal, Hašek und Havel oder der 2023 verstorbene Kundera, der nach dem Ende des Prager Frühlings nicht mehr publizieren durfte, 1975 nach Paris auswanderte und dort bis zu seinem Tod lebte. Auch Jáchym Topol ist seit seiner Zeit im literarischen Untergrund vor 1989 ein bekannter Autor. Heute ist er die vielleicht prominenteste Stimme seiner Generation, auch mit seinem großen Roman „Ein empfindsamer Mensch“, der 2019 in deutscher Übersetzung von Eva Profousová erschienen ist.
Lesen die Jüngeren überhaupt noch Milan Kundera oder Vaclav Havel?
Wie viele tschechische Autoren bewundert auch Topol den legendären Bohumil Hrabal, dessen Landhaus der tschechische Staat jüngst erworben und in ein kleines Dichtermuseum umgewidmet hat. In Kersko, wo jenes kleine Holzhaus ohne fließendes Wasser steht, hat sich der 1997 gestorbene Hrabal, der nach seinem Publikationsverbot nur noch in Samisdat- oder Exilzeitschriften veröffentlichen konnte, vor der Beobachtung durch den Geheimdienst zurückgezogen.

Aber lesen die jüngeren Autoren überhaupt noch die Heroen wie Kundera, Havel und auch Hrabal? Sie haben naturgemäß andere Erfahrungen in anderen Zeiten gemacht. So wie der 33 Jahre alte Marek Torčík, der in der mährischen Provinz aufwuchs und nun in Prag lebt. Über seine Prosa und Lyrik spricht er während einer abendlichen Bootsfahrt auf der Moldau. Sein preisgekröntes Debüt „Was die Zeit nicht nimmt“ ist im Frühjahr in der Übersetzung von Mirko Kraetsch erschienen. Die queere Coming-of-age-Geschichte reicht zurück in die Kindheit, zu prekären Verhältnissen in der Nachwendezeit, zur schwierigen Mutter und der Entdeckung der eigenen Homosexualität. Im internationalen Vergleich sei man damit womöglich spät dran, wenn man nur an Édouard Louis denke, sagt die kundige Literaturwissenschaftlerin Michala Čičváková. Tschechien sei eben eine sehr konservative Gesellschaft. Torčíks Debüt sorgt jedenfalls auch im Ausland für gewaltiges Aufsehen – es wird gerade in 27 Sprachen übersetzt.
Auch Alice Horáčková erfährt derzeit große Beachtung. Bei einer Begegnung im nordböhmischen Liberec in der dortigen „Bibliothek der Versöhnung“, die sich auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge befindet, erzählt die Autorin, warum sie mehr als vierzehn Jahre brauchte, um ihr 900-Seiten-Epos „Geteiltes Haus“ zu schreiben. In dem auf Deutsch bei Diogenes erscheinenden Roman erzählt sie die fiktionalisierte Geschichte ihrer eigenen Familie im Riesengebirge in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese war teils deutsch, teils tschechisch. Von der deutschen Seite und deren Vertreibung hat Horáčková erst spät erfahren und dann umso intensiver recherchiert.
Die Geschichte einer gemeinsamen geteilten Familie
Als das Buch in Polen erschien, schlug es hohe Wellen, die millionenfache Vertreibung wird erst allmählich öffentlich diskutiert. Aber auch im Kleinen blieb der Roman nicht folgenlos. Immer wieder muss Horáčková Familienmitgliedern, die plötzlich auftauchen, die Geschichte ihrer gemeinsamen geteilten Familie erzählen. Jeder habe immer nur eine Hälfte gekannt. Jetzt fügten sich beide Teile zu einem Neuen zusammen.
Ihr Lebensgefährte, der Autor Jan Novák, verließ bereits als Jugendlicher mit seinen Eltern Prag kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Panzer 1968. Nun gab es kein Zurück mehr, und die Familie emigrierte von einem österreichischen Flüchtlingscamp, in dem man auf engstem Raum eingepfercht war, wie er eindrücklich schildert, nach Amerika. Der Autor und Drehbuchautor arbeitete mit Miloš Forman an dessen Film „Valmont“ und führte mit seiner Kurzprosa über das Leben tschechischer Einwanderer, die es vorzugsweise nach Chicago zog, „Czenglish“ in die Literatur ein. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch der Text zur Graphic Novel „Tschechenkrieg“, die im Geheimdienstmilieu der Fünfzigerjahre spielt.
Expressionistische Stadtphantasie
In ganz andere Aspekte der Prager Unterwelt führt dann ein Besuch der historischen Kläranlage. Das Industriedenkmal ist nicht die älteste Anlage Europas, die steht in Frankfurt und wurde 1887 von William Lindley erbaut. Zwanzig Jahre später machte man sich auch in Prag daran, das verschmutzte Flusswasser unterirdisch zu reinigen. Zwischen eisernen Pumpen, riesigen Kesseln sowie Kanälen und Bassins steht man plötzlich in einer expressionistischen Stadtphantasie, die Michal Ajvaz’ Roman „Die andere Stadt“ entsprungen sein könnte.
In Peter Demetz’ literarischen Prag-Erkundung, die der vor zwei Jahren verstorbene Yale-Germanist 1997 veröffentlichte, werden gängige Prag-Phantasien dagegen entzaubert. Sein Vater war einst Teil der Prager Literatenkreise in der Zwischenkriegszeit gewesen, seine jüdische Mutter im Konzentrationslager ums Leben gekommen. Indem Demetz daran erinnert, dass mit der Modernisierung Prags nach 1900 zugleich eine internationale Literatur entstand, die den magischen Reiz der Stadt zelebrierte, zeigt er zugleich, dass dieser Mythos seinerseits eine Konstruktion war.
Während sich die zeitgenössischen Tschechen auf den Fortschritt konzentrierten und „Zlatá Praha“ feierten, „die goldene slawische Stadt vergangener und künftiger Großtaten“, ließen sich englische, deutsche und amerikanische Autorinnen und Autoren wie George Eliot, Gustav Meyrink oder Rilke auf der Durchreise von Prag verzaubern. Sie schufen eine „metaphysische, geisterhafte Stadt“, bevölkert von unheimlichen Doppelgängern. Und während im Zuge der Stadterneuerung das jüdische Viertel fast vollständig zerstört wurde, hielt etwa Meyrink in seinem „Golem“-Roman eine längst verschwundene Topographie am Leben.
Man stutzt, während man durch verschlungene Straßen schlendert. Geht man nun selbst der literarischen Täuschung auf den Leim, die auch das eigene Bild Prags geprägt hat, noch ehe man die Stadt betreten hat? Mit einem Trugschluss wirbt auch das Messe-Gastland, indem es Tschechien zum „Land am Meer“ erklärt. Das spielt auf Shakespeare an, der in seinem „Wintermärchen“ Böhmen kurioserweise als „a desert country near the sea“ bezeichnet. Ozeandampfer sind in Böhmen noch keine zu sehen, außer in der ausschweifenden Phantasie des Autors Ajvaz.
Aber den Matrosengruß „Ahoj“, den hört man in den Straßen Prags tatsächlich überall.
