Wenn Marco Sturm dieser Tage einen Blick auf die Bank der gegnerischen Mannschaft wirft, sieht er dort eine Figur, die zum Urgestein seines Berufs gehört: Lindy Ruff, 62 Jahre alt, Kanadier, Brille mit dunkler Fassung, weiße Haare und ein weißer Spitzbart, die ein Gesicht einrahmen, das aussieht, als ob er emotional hauptsächlich zwischen zwei Polen lebt: zwischen schlecht gelaunt und wehleidig.
Es ist eine Fassade, hinter der sich ein ehemaliger Stürmer verbirgt, der wenige Jahre nach einer Spielerkarriere mit mehr als 600 Partien in der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL als Chefcoach der Buffalo Sabres verpflichtet wurde, für die er die meisten dieser Begegnungen auf dem Eis gestanden hatte. Und der, berüchtigt als Hitzkopf und Zuchtmeister, in der abgetakelten Industriestadt unweit der Niagarafälle eine Legende geworden war. In einer Zeitspanne von vierzehn Jahren kam er auf respektable Resultate. Wie der Trip zum Stanley-Cup-Finale 1999 und die Auszeichnung zum Trainer des Jahres 2006. Er kehrte 2024 nach Abstechern nach Dallas und zu den New Jersey Devils nach Buffalo zurück.

Sturm, der vor Beginn der Saison von den schwächelnden Boston Bruins als neuer Cheftrainer verpflichtet wurde, steht ebenfalls bei einem Team hinter der Bande, bei dem er mehrere Spielzeiten verbracht hat. Aber seine Anstellung ist mit höheren Erwartungen verbunden. Anders als die Sabres, die den Cup noch nie gewonnen haben und sich 2012 zum letzten Mal für die Play-offs der besten sechzehn Mannschaften qualifizierten, hat man sich in Boston das anspruchsvolle Etikett einer „Titletown“ zugelegt. Wozu die Bruins in ihrer langen Geschichte sechs Titel beisteuern konnten. Zudem: Der Landshuter steht unter dem Druck, als erster deutscher NHL-Cheftrainer unter Beweis zu stellen, dass die traditionellen Vorbehalte gegen europäische Coaches unbegründet sind.
Die Bruins sind nur für zwei Drittel gut
Arbeitsziel Nummer eins hakte Sturm wenige Tage vor dem Ende seiner ersten Saison ab: Die Bruins erreichten die Play-offs. Arbeitsziel Nummer zwei schien Anfang der Woche ebenfalls in Reichweite. Denn in den ersten beiden Begegnungen in der ersten Runde gegen die Sabres, die nach Punkten zweitbeste Mannschaft der Eastern Conference in der Tabellenrunde, wirkte das Team überlegen.
Hätte man nicht im ersten Treffen kurz vor Schluss in zehn unkonzentrierten Minuten einen Zwei-Tore-Vorsprung verschenkt, läge man trotz der 1:3-Niederlage am Donnerstag in eigener Halle in der Best-of-Seven-Serie in Führung. Und das mit einem schlichten Konzept, das der 47-Jährige so formulierte: „Wir sind am besten, wenn wir energisch um den Puck kämpfen, wenn wir mit hartem Körpereinsatz spielen. Wir haben die größeren und kräftigeren Spieler. Wir müssen einfach nur intelligent zur Sache gehen.“

Das bleibt bei einem Rückstand von 1:2 Siegen weiterhin der Plan. Denn Sturm hat keine Puckzauberer im Kader, die eine gegnerische Deckung austanzen können. Allerdings gibt es eine Komplikation. Die drei Begegnungen deckten eine erstaunlich konstante Schwäche auf: Die Bruins sind offensichtlich nur für zwei Drittel gut, um für Sturm mit jenem Drang zu Werke zu gehen, der einen Gegner mürbe macht.
Gegen Ende der Begegnungen lassen Konzentration und Spritzigkeit nach. Ein Defizit, das Ruffs Spieler kaltschnäuzig auszunutzen wissen. Weshalb der Sabres-Coach den Kommentar von Sturm auch milde abtat: „Ich habe großen Respekt vor dem, was unser Team geleistet hat und wie wir spielen. Vor dem Tempo, das wir gehen können.“ „Gewiss“, sagte er, „sie haben ein gutes Team und wissen, wer sie sind.“ Aber das gelte auch für seine Sabres.
Buffalo war am Donnerstag aus Sicht von Marco Sturm nur „ein bisschen besser als wir“. Aber er gab zu, dass seine Spieler „von Anfang an ein wenig angespannt“ gewesen seien. „Das konnte man im Powerplay sehen.“ Ein Überzahlspiel, das trotz guter Möglichkeiten keine Tore produzierte. Obendrein verschoss Viktor Arvidsson im zweiten Drittel einen Penalty, mit dem das Team die Führung aus dem ersten Spielabschnitt auf 2:0 ausgebaut hätte. Ein Wendepunkt. „Da schlug das Pendel zurück“, meinte Sturm nach dem Match.
Mit Blick auf die nächste Auseinandersetzung am Sonntag, ebenfalls in Boston, signalisierte Ruff, man werde sich „innerlich auf ein willensstarkes Team vorbereiten“. Aber das Ziel sei, auch dieses Spiel zu gewinnen. Dann steht man bereits mit einem Bein in der zweiten Runde. Boston würde eisern kämpfen, um gleichzuziehen und so die Chance aufs Weiterkommen aufrechtzuerhalten. Für Sturm auf jeden Fall ein realistisches Ziel: „Wir müssen das jetzt einfach hinter uns lassen. Wir werden uns in den nächsten Tagen noch einmal damit beschäftigen, wo wir uns verbessern können. Und uns dann wieder aufraffen. Das haben wir das ganze Jahr über getan.“
