
Ist Manuel Neuer im WM-Jahr 2026 immer noch der beste Torhüter für die deutsche Fußballnationalmannschaft? Dazu eine Anekdote aus dem EM-Jahr 2016.
Als der damals 20-jährige Jonathan Tah das erste Mal mit der Nationalmannschaft trainieren durfte, haben ihn drei Spieler besonders beeindruckt: Mesut Özil, Toni Kroos, Manuel Neuer. Doch so krass die Feldspieler Özil und Kroos die Bälle gestoppt, gestreichelt und gepasst haben, für Tah war es noch etwas krasser, wie der Torspieler Neuer die Bälle gehalten hat.
So wie Tah ist es in den vergangenen 16 Jahren vielen Spielern gegangen, die Neuer das erste Mal im Training gesehen haben. Und auch wenn der 2026er-Neuer natürlich nicht mehr der 2016er-Neuer sein kann, weil er 40 und nicht mehr 30 Jahre alt ist, hat er das Beeindruckende beibehalten. Das sagt nicht nur Tah, das sagen nicht nur seine anderen Mitspieler beim FC Bayern, das sagen fast alle deutschen Fußballnationalspieler, mit denen man spricht.
Sie haben auch über Oliver Baumann, den Torhüter aus Hoffenheim, der seit Manuel Neuers Rücktritt und Marc-André ter Stegens Verletzungen die Nummer eins ist, ausschließlich Gutes zu sagen. Doch die Anekdote, die besagt, wie beeindruckt ein Nationalspieler war, als er Baumann das erste Mal im Training gesehen hat, die gibt es nicht. Und darin steckt weniger als vier Wochen vor dem ersten Spiel der Weltmeisterschaft die Antwort auf die Frage, ob Neuer immer noch der beste Torhüter für die Nationalmannschaft ist. Ja, wahrscheinlich schon, weil seine Mitspieler es glauben.
Am Dienstagmorgen hat die „Bild“-Zeitung berichtet, dass Manuel Neuer in dem WM-Kader sein wird, den Bundestrainer Julian Nagelsmann am Donnerstagmittag bekannt gibt. Das deckt sich mit F.A.Z.-Informationen. Und wenn die Wadenverletzung, wegen der Neuer am vergangenen Samstag in der Bundesliga vorsichtshalber ausgewechselt wurde, sich als Schnupfen und nicht als Grippe erweisen sollte, wird er nicht nur im Kader, sondern beim ersten WM-Spiel auch im Tor stehen. Doch warum ist die Entscheidung, die Nagelsmann und sein Torwarttrainer Andreas Kronenberg (ohne sein Ja wäre Neuer nicht dabei) getroffen haben, schon jetzt öffentlich geworden?
Kommunikationsmeister Vincent Kompany
In dem „Bild“-Bericht steht, dass Baumann in einem Telefonat mit Nagelsmann gesagt haben soll, er werde der Nationalmannschaft „auch mit der Neuer-Nominierung […] zur Verfügung stehen“ (Zitat „Bild“, nicht Baumann). Ist diese Sichtweise der Versuch der Baumann-Seite, den Torhüter gut und den Trainer und vor allem dessen Kommunikation schlecht aussehen zu lassen? Selbst wenn das so wäre, hätte sich Nagelsmann das mit seinem Auftritt im ZDF-„Sportstudio“ selbst zuzuschreiben – weil er den ganzen Hype und das ganze Drama mit einer Kommunikation befeuert hat, die man nun wirklich nicht gut nennen kann.
Der Bundestrainer wird sich überlegt haben, was er durch diese Entscheidung verliert und was er gewinnt. Es stimmt wahrscheinlich, dass auch der 40-jährige Manuel Neuer nicht nur bei Mit-, sondern gerade auch bei Gegenspielern etwas auslöst, das Baumann einfach nicht auslösen kann. Doch wahrscheinlich stimmt es ebenfalls, dass man in dieser Diskussion auf Kommunikationsmeister Vincent Kompany verweisen kann, der in dieser Saison als Trainer des FC Bayern immer wieder gesagt hat: „Don’t believe the hype, don’t believe the drama.“ (Glaubt nicht den Hype, glaubt nicht das Drama). Wie weit die Nationalmannschaft bei der WM kommen kann, wird nicht durch die Frage entschieden werden, ob Manuel Neuer oder Oliver Baumann im Tor stehen wird.
