Schneller Schlau
Deutschlands Industrie am Scheideweg
Von STEPHAN FINSTERBUSCH, Grafiken: FELIPE GONZALEZ
18. April 2026 · Auf der Hannover Messe trifft sich kommende Woche die Industrie zu ihrem jährlichen Stelldichein. Angesichts der Krisen in der Welt gibt es viel Klärungsbedarf.
Die deutsche Industrie steht heftig unter Druck. Die Autobranche geht durch die schwerste Krise ihrer jüngeren Geschichte. Der Maschinenbau verbucht seit zwei Jahren fallende Erlöse. Die Chemieindustrie sieht sich selbst in einer existenzbedrohenden Schieflage. Allenfalls die Pharma-, Elektro- und Digitalindustrie blickt mit ein wenig Zuversicht nach vorn. Was sie dort sehen, ist allerdings dramatisch.
Die Kriege in Iran und der Ukraine lassen wichtige Glieder in den Lieferketten immer wieder reißen. Die Preise für Rohstoffe und Vorprodukte steigen steil an. Und die Konkurrenz in Asien gewinnt bei allen geopolitischen Verwerfungen unbeirrt an Fahrt. An der Spitze des Bundesverbandes der Deutschen Industrie spricht man mit Blick auf die heimische Wirtschaft seit einem Jahr schon von einem „freien Fall“.
Von Köln bis Kiel, von München bis Berlin sehen die großen Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes die deutsche Industrie vor entscheidenden Jahren stehen. Vor allem der Vormarsch der digitalen Technologien zieht neue Geschäftsmodelle für nahezu alle Bereiche der Wirtschaft nach sich. Der Automatisierung der Produktion steht technisch kaum noch etwas im Weg, Roboter übernehmen bereits die ersten Fabriken.
Auf der Hannover Messe, dem nach wie vor wichtigsten Treffpunkte der Industrie in der Welt, gibt es dieser Tage einiges an Redebedarf. Denn in Deutschland wurden zwar die Konzepte der datengetriebenen vierten industriellen Revolution erdacht und entworfen. Doch sie hier auch umzusetzen, ist angesichts Zehntausender Gesetze, Verordnungen und Richtlinien der Politik in Brüssel und Berlin nicht ganz so einfach.
Wie in Japan, aber anders als in Großbritannien, den USA oder Frankreich, ist das verarbeitende Gewerbe Deutschlands nach wie vor die zentrale Säule der Wirtschaft. Während Amerikaner und Briten seit den Neunzigerjahren viel kapital- und arbeitsintensive Industrie komplett und auf Nimmerwiedersehen an Billigstandorte in Asien verlagert haben, hielten deutsche Firmen an hiesigen Produktionsstandorten fest.
Zwar expandierten auch sie auf den Märkten Asiens; zwar bauten auch sie dort massiv neue Kapazitäten auf. Doch verschränkten sie die dortige Produktion mit ihren deutschen Standorten. Ihre Auftritte wurden zwar global, im Kern aber blieben sie deutsch. Kein Wunder: „Made in Germany“ war in der Welt gesucht und gefragt. So geht noch heute ein Sechstel des deutschen Bruttoinlandprodukts auf das Konto des verarbeitenden Gewerbes.
Damit steht Deutschland an der Spitze der europäischen Wirtschaftsnationen. In Europas Industrien sind 30 Millionen Menschen beschäftigt. Die Zahl der Betriebe des verarbeitenden Gewerbes wird seitens der Statistiker von Eurostat auf 2,2 Millionen Betriebe veranschlagt. Ihre Gesamterlöse betragen 9800 Milliarden Euro im Jahr, die Bruttowertschöpfung wird auf 2500 Milliarden Euro veranschlagt.
Knapp ein Drittel dieser Summe wird allein am Standort Deutschland erarbeitet. Das ist in etwa so viel wie die Wertschöpfung in Italien, Frankreich und Spanien zusammen. Und das macht Deutschland mit seinen 200.000 Betrieben des verarbeitenden Gewerbes nicht nur zum wirtschaftlichen Rückgrat des europäischen Kontinents, es macht es auch zur industriellen Weltmacht. Die allerdings zeigt sich angeschlagen.
Im vierten Quartal 2025 kamen allein die deutschen Industrieunternehmen laut einer Analyse des Beratungshauses EY auf einen Umsatz in Höhe von 537 Milliarden Euro. Das entspreche einem Rückgang gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 1,4 Prozent. Seit dem vierten Quartal 2022 seien die Umsätze der Industrie stetig gesunken. Im Gesamtjahr 2025 sei der Industrieumsatz 1,1 Prozent niedriger als im Vorjahr gewesen. Während der Inlandsumsatz um 1,6 Prozent zurückging, verloren die Erlöse im Ausland 1,2 Prozent. Mit anderen Worten: Der Exportmotor stottert. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres erwirtschafteten die deutschen Industrieunternehmen nach Angaben von EY etwas mehr als 280 Milliarden Euro mit ausländischen Abnehmern. Seit dreieinhalb Jahren gehen die Ausfuhren der Industrie allerdings stetig zurück.
Diese Schwäche spiegelt sich in den Insolvenzanmeldungen und nicht zuletzt auch am Arbeitsmarkt. Während die staatlichen Rettungsprogramme in den ersten Monaten der Corona-Pandemie die Insolvenzen auf einen Tiefstand fallen ließen, schossen die Anmeldungen von 2023 an in die Höhe. Von Januar bis November 2025 wurden fast 1500 Verfahren allein von Industrieunternehmen eröffnet. Das waren elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum – und das ist der höchste Stand seit 2013. Das zeigte Wirkung am Arbeitsmarkt. Ende vergangenen Jahres waren nach Angaben der Marktbeobachter des Analystenhauses EY noch 5,4 Millionen Menschen in der deutschen Industrie beschäftigt. So gingen ihr seit 2019 mehr als eine Viertelmillion Arbeitsplätze verloren. Seit Mitte 2024 zeigt der Beschäftigungstrend im Schlüsselbereich der deutschen Wirtschaft nach unten.
Vor allem über die Fahrzeugindustrie rollt eine Welle von Stellenstreichungen. In absoluten Zahlen wurden in der Autobranche innerhalb eines Jahres 50.000 Stellen abgebaut. Unterm Strich sind seit 2019 nur in zwei Branchen Jobs entstanden: in der Elektroindustrie, die 14.700 neue Stellen schuf, und in der Chemie- beziehungsweise Pharmaindustrie, die 13.100 neue Arbeitsplätze hervorbrachte. Mit 721.400 Beschäftigten hat die für Deutschland so wichtige Autoindustrie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes den niedrigsten Stand seit anderthalb Jahrzehnten erreicht. Innerhalb der Branche sind Zulieferbetriebe wie ZF, Bosch oder Continental deutlich stärker vom Stellenabbau betroffen als die großen Automarken. Bei ihnen stehen ganze Fabriken auf der Kippe. Die Konkurrenz aus Asien ist weiter auf dem Vormarsch – in nahezu allen Bereichen.
Das trifft sieben der zehn größten deutschen Industrieunternehmen – mal mehr, mal weniger stark. Der Chemieriese BASF tätigt die größte Einzelinvestition seiner Geschichte mit rund neun Milliarden Euro im Reich der Mitte. Der einstige Industrie- und Stahlprimus Thyssenkrupp kämpft gegen den weiteren Abstieg. Richtig heftig schlägt die Krise allerdings bei Volkswagen zu.
Die Wolfsburger müssen ihre Modellpalette anpassen, Lieferketten umorganisieren, Werke auf den Prüfstand stellen und bis Ende des Jahrzehnts Zehntausende Stellen streichen. Auch Mercedes tut sich derzeit schwer. Während BMW sich recht gut hält, fegt der Vorstand in Stuttgart durch den Konzern und sucht milliardenschwere Einsparpotentiale, um dem Druck standzuhalten. Denn die Lage wird nicht einfacher.
Politisch initiierte Großvorhaben wie die deutsche Energiewende oder auch das schrittweise Lossagen Europas von bislang verlässlichen wirtschaftlichen Partnern wie China haben schon heute einen Preis. Allein der Umbau der hiesigen Energiewirtschaft kostet nach Berechnungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer bis zum Jahr 2050 rund 5000 Milliarden Euro.
Kein Wunder also, dass viele Konzerne mit ihren Neuinvestitionen das Weite suchen. Deutschland ist ihnen zu langsam und zu bürokratisch. Doch auch im Ausland haben sie es oft nicht leichter: Allein in den Vereinigten Staaten mit ihrer jüngst etwas erratisch wirkenden Handels- und Industriepolitik hat die deutsche Wirtschaft nach Angaben der Bundesbank derzeit Direktinvestitionen von 450 Milliarden Euro im Feuer stehen, in China sind es rund 110 Milliarden Euro. Und beide pflegen ganz eigene Ziele.
