
Die Studie der Unternehmensberatung McKinsey ist 65 Seiten lang, aber mit Blick auf Deutschland lässt sie sich in einer einzigen Zahl zusammenfassen: Die für das zukünftige Wirtschaftswachstum und den zukünftigen Wohlstand entscheidenden produktiven Nettoinvestitionen betragen hierzulande nur noch 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit liegt Deutschland am unteren Ende einer Rangliste, in der die Autoren die Investitionen in 34 führenden Industrie- und Schwellenländern verglichen haben. In der deutschen Wirtschaft wird fast nur noch in den Erhalt bestehender Produktionskapazitäten investiert, aber kaum noch in neue.
Im Jahr 2024 machten die Nettoinvestitionen in China demnach 23 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in den USA vier Prozent, in der EU insgesamt zwei Prozent – und in der Bundesrepublik eben annähernd null. „Deutschlands Wirtschaft baut kaum noch zusätzliche Produktionskapazität auf“, das Wachstum der Investitionen in den verfügbaren Kapitalstock je Arbeitskraft sei hierzulande „praktisch zum Stillstand gekommen“, bilanziert McKinsey.
Zugespitzt könnte man sagen: In Deutschland gibt es einen Boykott von Zukunftsinvestitionen. Seit der Weltfinanzkrise 2008 seien diese von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung auf die für 2024 ermittelten 0,2 Prozent gefallen, rechnen die Studienautoren vor. Eine Rolle hätten dabei auch niedrige staatliche Investitionen gespielt. McKinsey weist auf die deutsche „Schuldenbremse“ zur Konsolidierung der Staatsfinanzen hin.
Die privaten und staatlichen Nettoinvestitionen, um die es in der Analyse geht, sind derjenige Teil der Investitionen, der über den reinen Substanzerhalt hinausgeht. Es geht also um neue Projekte und nicht um Ersatzinvestitionen, wenn etwa in einer Fabrik eine verschlissene Maschine durch eine neue ersetzt wird oder das kaputte Notebook eines Büroarbeiters durch ein neues ersetzt wird.
„Produktive Nettoinvestitionen, das klingt abstrakt. Aber sie sind einer der wichtigsten Indikatoren für das zukünftige Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes“, sagt Jan Mischke, Partner bei der Denkfabrik McKinsey Global Institute und einer der Autoren der Untersuchung.
Und warum wird in Deutschland nicht mehr in die Zukunft investiert? Als Bremse macht die Studie die hohen Kosten hierzulande aus. Die Autoren vergleichen für zehn Branchen die Standortbedingungen in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis: In Deutschland sind über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg die Kosten für neue Investitionsvorhaben je nach Branche um 40 bis 250 Prozent höher als am jeweils wettbewerbsfähigsten Standort.
Untersucht wurden dabei unter anderem die Gesamtkosten für neue Anlagen in der Chemie-, Stahl-, Batterie-, Halbleiter- und Pharmaindustrie, aber auch für Rechenzentren. Betrachtet werden zudem die Investitionen für die Entwicklung neuer Autos und Biotech-Produkte. In der Studie ist von einem „durchgängigen Muster“ die Rede: Deutschland schneidet kostenmäßig bei allen betrachteten Investitionsprojekten im internationalen Vergleich schwach ab.
Den Schätzungen zufolge ist zum Beispiel die Entwicklung einer neuen Elektroauto-Plattform in Deutschland zwischen drei- und viermal so teuer wie bei einem chinesischen Hersteller im Heimatmarkt. Die Herstellung leistungsfähiger Computerchips ist demnach um 40 bis 50 Prozent teurer als in Taiwan und China.
Vor allem ein Faktor macht Investitionen in Deutschland so teuer: „Den wohl größten Einfluss haben die Arbeitskosten, wenn sie nicht durch eine höhere Arbeitsproduktivität ausgeglichen werden“, sagt Studienautor Mischke. In der deutschen Autoindustrie zum Beispiel sind die Löhne in Deutschland etwa doppelt so hoch wie in China, die Arbeitsproduktivität ist aber niedriger als in dem asiatischen Land.
Hinzu kommen weitere Standortnachteile, die auf Deutschland und anderen europäischen Ländern lasten. McKinsey nennt hier Energiekosten, lange Entwicklungszeiten für innovative Produkte und langsame bürokratische Genehmigungsprozesse. „Deutschland will mehr Wachstum, dafür braucht es höhere Nettoinvestitionen, mehr Innovationen, mehr Produktivität und eine höhere Geschwindigkeit bei Genehmigungen“, sagt der Studienautor Mischke von McKinsey.
