Möbel verraten viel über eine Gesellschaft: Die Sofas der Fünfzigerjahre verlangten mit ihren schmalen Sitzflächen und steilen Lehnen, sich gesittet und aufrecht wie auf dem Fahrersitz eines Autos hinzusetzen und gepflegte Konversation zu führen. Erst in den Siebzigerjahren kamen Wohnlandschaften auf, mit Sofas, die so tief wie Betten waren, und in denen ganze Familien herumlungern und Paare durcheinanderrollen konnten. Gesellschaftliche Normen und Verabredungen, was in welchen Räumen des Hauses stattfinden darf und was nicht, bilden sich am deutlichsten im Mobiliar ab.
Auch Stühle sehen oft aus wie ein Psychogramm ihrer Benutzer: der frankophile Caféromantiker liebt den klassischen Thonet-Bugholzstuhl, der Anhänger der Bauhausmoderne den Freischwinger, der Asket wählt schwarze harte Stühle im japanischen Kampfschulen-Look, der designaffine Zahnarzt Philippe Starcks durchsichtigen Plexiglasstuhl „Louis Ghost“. Auf der Kunstbiennale in Venedig ist gerade eine kluge Arbeit der jung verstorbenen Künstlerin Henrike Naumann zu sehen, die aus unterschiedlich designten Stühlen ein Psychogramm des wiedervereinigten Deutschlands nach 1989 zusammenstellt – und ein Memorial des ambitionierten Designschrotts, der nach der Maueröffnung aus dem Westen wie eine Flutwelle in ostdeutsche Wohnzimmer drängte.
Das Sitzen auf Einzelstühlen ist eine Errungenschaft der frühen Moderne. Zwar gab es schon im zweiten Jahrtausend vor Christus Arbeitshocker mit drei eingezapften Beinen, und Machthaber saßen schon in der Antike auf einem Thron. In einfacheren Schichten waren aber bis ins achtzehnte Jahrhundert Sitzbänke der Regelfall und Einzelstühle die Ausnahme; erst das bürgerliche Zeitalter führt weiträumig Esszimmerstühle und noch später Wohnzimmersessel ein.

Es gab dann unter den antibürgerlichen Eliten um 1968 ein paar utopiefreudige Architekten wie Claude Parent, die dem Stuhl an sich den Krieg erklärten und argumentierten, die aufrechte Sitzhaltung führe zu einer verklemmten und ungesunden Grundhaltung dem eigenen Körper und dem des anderen wie überhaupt eigentlich der ganzen Welt gegenüber. Der Mensch, schrieb Parent, solle besser auf weichen Schrägen lagern und liegen, und er baute gleich zum Erstaunen seiner Familie seine Villa zu einem Manifest dieses stuhllosen Daseins um, im Wohnzimmer gab es nur noch mit Teppich belegte Rampen statt Möbel. Doch Parents Phobie gegen Stühle hat sich, obwohl auch Orthopäden Bedenken gegen das übermäßige Sitzen anmelden, nicht durchgesetzt.

Im Deutschen Design Museum in Berlin, das sich unter anderem mit seiner letzten Ausstellung über teils kaum bekannte Werke von Dieter Rams zu einem der interessantesten Orte für den deutschen Designdiskurs entwickelt hat, findet jetzt eine große Aktion statt: Museumsleiter Rafael Horzon schrieb einen Wettbewerb aus, bei dem jeder eingeladen war, einen Stuhl einzusenden. Die ersten hundert sollten ungefiltert – als Querschnitt all dessen, was „Entwerfen“ gerade bedeutet – ausgestellt und dann vom Publikum bewertet werden. Am Ende kamen 136 Stühle zusammen, die am heutigen Freitag und am kommenden Samstag im Berliner Museum in der Berliner Uhlandstraße zu sehen sind; am Abend gibt es eine große Preisverleihung. So ein Wettbewerb ist ein Risiko, und nicht alle Einsendungen verdienen es vielleicht, ins Museum zu kommen; aber besonders die Entwürfe einer jungen, noch unbekannten Designergeneration beeindrucken.

Sie stellen die Frage: Was soll ein Stuhl überhaupt sein? Möglichst bequem, sodass man stundenlang am Ess- oder Arbeitstisch oder in der Ecke sitzen und lesen kann? Oder soll der Stuhl sich, wie es der Designer Konstantin Grcic einmal forderte, der Idee zu großen Komforts verweigern und seinen Benutzer durch eine tendenziell spartanische Gestaltung wach und unruhig halten? Und wo sind die Grenzen zwischen Hocker und Stuhl, Stuhl und Sessel?

Wie oft bei den verschiedenen Unternehmungen von Rafael Horzon wird mit seiner Aktion auch ein etabliertes System kritisiert. „Nahezu alle großen Designpreise, nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit, haben eine unschöne Gemeinsamkeit“, sagt Horzon. „Die Gewinner dieser Preise erhalten nicht etwa ein Preisgeld, sondern müssen für ihren Gewinn bezahlen. Bei den drei größten deutschen Designpreisen liegt diese Gebühr zwischen 2000 und 7500 Euro.“ Da die Designpreise in unzähligen Unterkategorien vergeben werden, seien sie vor allem ein Geschäft für den Veranstalter, der darauf baut, dass den Designern die gute Werbung eines Preisgewinnes etwas wert ist – und für junge Designer, die nicht eben ein paar Tausend Euro lockermachen können, eine Hürde.

„Man kann relativ einfach errechnen, wie hoch die Einnahmen dieser Designpreis-Organisationen sind und wie niedrig die Relevanz dieser Preise in Bezug auf gutes Design ist.“ Horzon setzt seinen Preis dagegen, den er wie üblich mit einer gewissen Liebe zu den Aktionen des Dadaismus „Deutscher Designpreis des Deutschen Design Museums“, kurz „DDDDDM“, nennt und am 30. Mai in Berlin vergibt.
Die Einreichungen lassen sich in verschiedene Kategorien aufteilen: Da sind die Stühle und Sessel, die durch ihre konstruktive Intelligenz auffallen, mit der sie bequemes Sitzen ermöglichen: Rachna Kothari und Tarak Foaos bauen einen Stahlrohrrahmen, in den die mit gelbem Stoff belegte Sitzfläche wie eine Hängematte eingespannt ist und angenehmes leichtes Schaukeln ermöglicht.

Dann gibt es Stühle, die handwerklich perfekt gemachte abstrakte Metallskulpturen sind, sie sind eigentlich vor allem Kunstwerke, auf denen man auch sitzen kann: Ronen Kadushin stellt aus drei lasergeschnittenen, an den Verbindungspunkten kunstvoll zueinander verdrehten Aluminiumteilen einen Stuhl her, der es mit Werken der Minimal Art der Sechzigerjahre aufnehmen kann, Stefan Damnig entwirft einen Metallstuhl, der aussieht als könne man ihn endlos in die Breite ziehen, auch Tebton reicht einen formal kunstvollen Aluminiumstuhl mit asymmetrisch platziertem Eingriff in der Lehne ein.

All diese Stühle sind Beispiele für Arbeiten, bei denen jemand etwas von Proportion und Materialität versteht. Zu den interessanten Formexperimenten gehört ein scheinbar simpler Hocker der jungen Designerin Johanna Printz aus Lärchenholz: Die dicken viereckigen Beine wurden sandgestrahlt, sodass das Holz wie senkrecht stehende Papierblätter aussieht und das Gewicht des Hockers erheblich reduziert wird, ohne dass seine Stabilität leidet. Hier wurde die Form, wie immer bei gutem Design, an eine Grenze getrieben, an den Punkt geringstmöglichen Gewichts bei bestmöglicher Tragfähigkeit. Carlo Woerler baut ein Minimalobjekt, bei dem ein gebogenes Stahlrohr eine Lehne ausbildet und unter die filigrane, gespannte Sitzfläche wie eine Art Nothalt weiterreicht. Andere Designer wie Lukas Dechau erproben neue Materialien wie 3D-gedruckten Waschbeton.

Daneben gibt es Stühle, denen es nicht um Perfektion geht, sondern um eine intellektuelle Beschäftigung mit der Frage, wie man Objekte herstellt, und die eher der Rubrik „Surrealismus, Objet trouvé und Collage“ zuzuordnen sind: Tristan Pranyko baut aus geretteten Originalteilen des Schlittens „Rosebud“ aus dem Film „Citizen Kane“ einen bewusst klobigen Stuhl mit Schublade unter der Sitzfläche. Hannes Hehemann und Tim Vormbäumen reichen ein Sitzobjekt aus drei krummen Ästen ein, in das man sich wie in eine Skulptur aus Treibgut einfädeln muss. Andreas Schlaegel baut einen klassischen, sehr bequemen Sessel – aus eingeschweißten und mit Packband zusammengehaltenen Klopapierrollen-Paketen. Thilo Reich entwirft eine elegant aussehende Sitzfläche aus recycelten Betonpflastersteinen, wie man sie von Bürgersteigen und Garageneinfahrten in der Vorstadt kennt: Die Straße kommt so ins Haus. Die erst neunjährige Rose von Stenglin reicht einen charmanten Stuhl ein, der an eine große Hand erinnert, sie hat dafür Bauschaum in einen Eimer gefüllt und silbern lackiert.

Daneben gibt es schöne Gags: von Philipp Schell einen Stahlrohrhocker, dessen Sitzfläche wie ein Tennisschläger bespannt ist, von Michelle Tiepermann einen Stuhl aus stahlverstärkten bunten Schwimmnudeln, von Tim-Aaron Wiebe eine Kiste mit einer Sandfläche, in der man den Abdruck eines Hinterns sieht. Daneben steht die auffälligste Sitzgelegenheit der Schau, ein Werk des Skateboarders Giorgi Balkhamishvili, dessen Stuhl die Form einer überdimensionierten ausgedrückten Farbtube hat und eine deutliche Hommage an die Objekte von Claes Oldenburg, das Memphis-Design und den kalifornischen Gute-Laune-Maximalismus der Achtzigerjahre ist. Einer der berühmtesten und meistverbreiteten Stühle der Welt, der aus Plastik gefertigte „Monobloc“, ist gleich mehrfach in der Ausstellung vertreten: Volker Albus und Harald Köhneke schnitzen das leichte Massenprodukt als Heavyweight-Unikat aus Lindenholz nach, die Künstlerin Alicja Kwade reicht eine „Monobloc“-Variante aus massiver Bronze ein.
Zu den eigenwilligen Formen der Schau gehört der vom Studio Raketa eingesandte Sessel, der an eine technoide Nachbildung eines Säulenkapitells mit Telefonkabeln erinnert. Im Gegensatz zu anderen Einreichungen könnte dieser Sessel auch in einem teuren Designermöbelladen für viel Geld verkauft werden; gerade diese Mischung aus Perfektion und laienhafter Bricolage, Scherz und Ernst, wild zusammengezimmerten Unikaten und Prototypen für neue Herstellungsmethoden macht den Reiz dieser anarchischen neuen Berliner Designschule aus.
Das pragmatischste Sitzobjekt kommt von dem Künstler Gregor Hildebrandt: Er stellt als idealen Stuhl einfach eine Bierkiste auf. Sie ist in der Ausstellung das einzige Objekt, das (wenn man das ganze Bier darin austrinkt) sowohl der Grund dafür ist, dass man sich hinsetzen muss, als auch (wenn man es danach als Sitz verwendet) eine Lösung für das Problem, das sein Inhalt verursacht hat. Wie gern man sitzt, hängt auch davon ab, wie schwer das Stehen fällt.
